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Bundesliga-Neustart Natürlich bekommt der Fußball in Deutschland eine Extrawurst. Und das ist auch gut so

Mit rund 80.000 Menschen im Stadion, wie bei jedem Spiel in Dortmund, macht Fußball natürlich mehr Spaß
Mit rund 80.000 Menschen im Stadion, wie bei jedem Spiel in Dortmund (bei weniger als 600.000 Einwohnern), macht Fußball natürlich mehr Spaß. Geisterspiele sind aber eine notwendige Alternative.
© Friso Gentsch / DPA
Ein möglicher Bundesliga-Neustart wird in Deutschland kontrovers diskutiert. Grünenchefin Baerbock warnt eindringlich vor einer Bevorzugung. Dabei hat der Fußball in Deutschland nun mal nichts anderes verdient.

Zunächst eine Offenlegung vorweg: Ja, ich bin Fußballfan. Ich argumentiere also ein Stück weit aus der Befangenheit heraus. Allerdings, das soll dieser Text zeigen, bin ich damit bei Weitem nicht allein.

Seit Anfang März ruht die Bundesliga. Die DFL hat nun ein Konzept erarbeitet, wie es wieder losgehen könnte. Ab Anfang Mai zum Beispiel. Natürlich mit Geisterspielen. In dem Konzept heißt es etwa, dass während eines Spiels das Stadiongelände in drei Zonen eingeteilt wird und in jeder maximal 100 Menschen gleichzeitig sein dürfen. Auch von regelmäßigen Corona-Tests ist die Rede.

Gegen das Vorhaben regt sich teils massive Kritik. Grünenchefin Annalena Baerbock nennt einen möglichen Bundesliga-Neustart bei "Anne Will" "zutiefst ungerecht" und mahnt, dieser würde "den sozialen Zusammenhalt verspielen". Sportphilosoph Gunter Gebauer warnt vor einem "falschen Signal". Er verweist auf andere Sportarten, in denen "über Wettkämpfe gar nicht erst nachgedacht" werde.

Doch der Vergleich mit anderen Sportarten hinkt gewaltig. Der Fußball verlangt in Deutschland keine Sonderrolle, er hat sie schlicht und ergreifend inne. Der DFB ist mit rund sieben Millionen Mitgliedern der größte Sportfachverband der Welt. Jeder elfte Deutsche ist in einem Fußballverein, und das sind nur die offiziellen Mitglieder. Statista zählte 2019 hierzulande fast 50 Millionen Fußballfans. Das nenne ich mal eine solide Mehrheit.

Fußball gegen die Langeweile

Es geht bei der aktuellen Diskussion um weitaus mehr, als "um ein paar Millionäre, die wieder kicken wollen", wie es so unschön heißt. Mit mir zusammen guckt ein Großteil der Deutschen gerne Fußball. Aktuell sitzen die meisten die meiste Zeit in ihren Wohnungen. Es klingt banal: Aber ein bisschen Fußballgucken wäre für viele sicher eine willkommene Abwechslung, ein gutes Mittel gegen die Langweile.

Grünenchefin Baerbock argumentiert mit einer angeblichen Ungerechtigkeit gegen den Bundesliga-Neustart und meint, das könne man ja keinem 14-Jährigen erklären, der nicht mehr auf den Bolzplatz dürfe. Der Vergleich hinkt noch stärker. Natürlich ist professioneller Sport etwas anders als Freizeitspaß. Zumal: Wer bei den schrittweisen Ladenöffnungen geschrien hat, warum seine Branche noch nicht dran ist, musste sich vorwerfen lassen, er führe "Öffnungsdiskussionsorgien". Beim Thema Fußball darf dann aber munter gegeneinander verglichen werden, wer denn nun zuerst was wieder dürfen sollte.

Außerdem sagt Baerbock, der Fußball "leide definitiv nicht wirtschaftlich". Eine gewagte These. Die Bundesliga ist ein Milliardengeschäft. Nachdem die Liga wochenlang auf rund 300 Millionen Euro TV-Gelder wartete, hat man sich nun zwar zumindest soweit geeinigt, dass ein Drittel des Geldes bereits ausgezahlt wird. Der Rest folgt jedoch nur für weitere Partien. Ohne Spielbetrieb könnten mehrere Klubs bald um ihre Existenz fürchten. Dabei geht es zum einen um viele Arbeitsplätze, die am Fußball hängen. Zum anderen hängen auch jede Menge Herzen an den jeweiligen Klubs, siehe die Fanzahlen oben.

Wenn es um die wirtschaftlichen Folgen für den Fußball geht, wird skurrilerweise oft angeführt, da würden doch so viele Millionen fließen, warum gehe es denen denn nun angeblich so schlecht? Auch das ist zu kurz gedacht. Klar fließt im Fußball viel Geld, aber die Vereine haben nun mal auch große Kosten, für Gehälter, für Anlagen, für alles, was man halt so weiter bezahlen muss. Profis können zwar auf Teile des Gehalts verzichten, und tun dies ja auch vielerorts. Aber das sind ja nicht die einzigen Kosten eines Vereins und überhaupt: Welches andere wirtschaftliche Unternehmen kommt schon Monate ohne Einnahmen aus?

Die Ultras denken ihre Kritik nicht zuende

Zum Abschluss noch ein kleiner Exkurs zu den hartgesottenen Fußballfans. Die Gruppierungen "Unsere Kurve" und "Fanszene Deutschland" haben sich in Statements unmissverständlich gegen Geisterspiele gestellt. Ohne Fans sei Fußball keine Option. Der "kranke Profifußball" soll sich die Zeit zum Gesunden nehmen.

Nun ja: Zwar sind Geisterspiele in der Tat sehr ungewohnt und zweifelsohne unschön anzuschauen. Sie sind aber notwendiges Übel, nicht nur für Fußballfans wie mich, auch für die Ultras. Denn: Beendet man die Saison, geraten viele Vereine womöglich in finanzielle Schieflage und dann kommen die, die ihr, liebe Ultras, noch viel fürchterlicher findet als Geisterspiele, die bösen großen Investoren mit all ihrem bösen Geld und machen euren geliebten Fußball kaputt. Nur so als kleine Anmerkung zu eurer Argumentationslinie.

Sollte die Bundesliga wieder starten, muss natürlich alles dafür getan werden, dass sich das Virus möglichst nicht über diesen Weg wieder weiter in Deutschland ausbreitet. Aber die Gefahr gibt es in jeder Branche, die wieder ihren Dienst aufnimmt.

Der Fußball ist zwar nicht systemrelevant, aber er ist eben doch ein wichtiger Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Wir können derzeit nicht ins Kino, nicht ins Theater, nicht auf Konzerte oder Festivals, nicht in Bars und Restaurants. Ein Großteil an Unterhaltung fällt im Moment leider flach. Dann lasst uns doch wenigstens den Fußball zurück in die Wohnzimmer holen. Für ein klein wenig mehr Normalität, weil alles andere schon genug nervt.

Quellen:Statista / "Kicker" / Sport1


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