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Bundesliga-Check: Mainz 05: Die große Angst vor dem tiefen Fall

Der FSV Mainz 05 ist eine Rechung mit vielen Unbekannten. Die besten Spieler sind gegangen, dafür sind jede Menge Talente gekommen. Diese müssen es nun richten – und das gleich in drei Wettbewerben. Eine entscheidende Rolle wird bei dieser Herausforderung der Trainer spielen.

Von Jens Fischer, Mainz

Spätestens jetzt dürfte wirklich jedem Mainzer Spieler klar geworden sein: Der Trainer läuft wieder auf Hochtouren. Als Thomas Tuchel nach dem verlorenen Spiel und einer schwachen Leistung gegen Borussia Dortmund beim hauseigenen Vorbereitungsturnier vor die Kameras trat, hatte es ihm die Zornesröte ins Gesicht getrieben. Eindringlich appellierte er an Spieler, Fans und Verantwortliche, die vergangene und so erfolgreiche Saison doch endlich ad acta zu legen. Ganz von vorne müssen man wieder beginnen, die Grundlagen sich neu erarbeiten und auch Respekt haben vor Mannschaften wie Nürnberg, Gladbach oder Hoffenheim, die allesamt schon weiter seien. Der ehrgeizige Tuchel hat große Angst vor dem tiefen Fall.

Das Mainzer Umfeld ist nach dem Überraschungscoup der letzten Spielzeit mit Platz fünf in der Endabrechnung heiß gelaufen. Die Teilnahme an der Qualifikation zur Europa League und vor allem das neue Schmuckstück "Coface Arena" haben die Erwartungen in Rheinhessen signifikant steigen lassen. Auch deswegen gibt Tuchel im Vorfeld der neuen Spielzeit den steten Mahner. Denn er weiß genau, wie kompliziert die Dreifachbelastung aus Bundesliga, DFB-Pokal und internationalem Geschäft für die Mainzer werden könnte.

Was ist neu?

Die Mainzer haben mit Andre Schürrle, Christian Fuchs und Lewis Holtby drei Leitfiguren verloren. Geholt wurden insgesamt neun neue Spieler, die sich größtenteils durch ihre Entwicklungsfähigkeit auszeichnen. Lediglich der 32-jährige Zdenek Pospech, der vom FC Kopenhagen kam und rechts hinten absichern soll, sowie Rückkehrer Malik Fathi (27) besitzen größere Erfahrung. Bei Talenten wie Julian Baumgartlinger (23, Austria Wien), Eric Maxim Choupo-Moting (22, Hamburger SV), Nicolai Müller (23, Greuther Fürth), Zoltan Stieber (22, Alemania Aachen) oder der neuen Sturm-Hoffnung Anthony Ujah (20, Lilleström) gilt es abzuwarten, wie sie dem Druck standhalten werden.

Mit großem "Tam-Tam" sind die Mainzer aus dem ehrwürdigen Stadion am Bruchweg in die neue hochmoderne „Coface Arena“ übergesiedelt. Die neue Heimstätte erinnert an die Rhein-Neckar-Arena in Sinsheim. Ein böses Omen? Schließlich sind die Hoffenheimer nach einem furiosen Jahr mittlerweile ziemlich abgestürzt und haben ihren Kultstatus längst verloren.

Was ist gut?

Es ist gar nicht so einfach, in der Mainzer Situation etwas durchweg Gutes zu finden. Es ist die Ungewissheit, die über allem schwebt. Allerdings weiß man, dass Trainer Tuchel durchaus in der Lage ist, einer neuen Mannschaft seine Ideen eines innovativen Spielsystems zu vermitteln. Dabei bleiben Tuchels Prinzipien auch in der neuen Saison diejenigen, die bislang so erfolgreich funktionierten: Kollektiv denken und handeln, ständige Rotation des Personals, ein engagiertes und nach vorne gerichtetes Abwehrverhalten, schnelle Wiedereroberung des Balles sowie eine psychologische Ansprache, aus der größtmögliches Selbstvertrauen resultiert. So lautet Tuchels Erfolgsgeheimnis.

Zudem kann sich der 37-Jährige vor allem in der Defensive auf ein festes Fundament verlassen. Egal wer spielt, Heinz Müller oder Christian Wetklo, Tuchel wird einen guten Torwart im Kasten haben. Davor agieren mit Nikolce Noveski und Bo Svensson zwei Innenverteidiger, die ihre Klasse schon letzte Saison unter Beweis stellen konnten. Der FSV kassierte hinter Borussia Dortmund die wenigsten Gegentore in der Liga.

Was ist schlecht ?

"Wir haben eine Herkulesaufgabe vor uns", sagte Tuchel neulich. In der Tat: Neue Hackordnung, neue Spieler, neues Stadion und eine neue Herausforderung in der Europa League – die Mainzer stehen vor einer ungewissen Zukunft. Mit Schürrle, Fuchs und Holtby sind die Eckpfeiler gegangen, die beinahe legendäre Mainzer "Boy Group" ist gesprengt. Und das auch, weil das Comeback von Adam Szalai nach seiner schweren Knieverletzung noch lange nicht absehbar ist. Klar ist, dass die Mainzer und ihr Trainer einige Wochen und einige Spiele brauchen werden, um den Zusammenhalt zu erreichen, der sie so stark gemacht hat. Deswegen wird es eine von Tuchels Hauptaufgabe sein, das Mainzer Umfeld darauf vorzubereiten, was passieren kann. "Zu einer neuen Mannschaft gehört auch, sich von der alten erst einmal zu verabschieden", sagt er deshalb präventiv. Dazu könnte erst mal auch gehören, dem ständigen Jubel Adieu zu sagen.

Was ist möglich?

Platz fünf im Vorjahr ist eine gewaltige Bürde. Die Mainzer Anhänger werden sich im kommenden Jahr darauf einstellen müssen, nicht nur Fußball-Lust, sondern auch des öfteren Fußball-Frust zu empfinden. So wie beim mageren 1:1 gegen CS Gaz Metan Medias in der Qualifikation zur Europa League. In diesem Match war gut zu erkennen: Das Mainzer Gefüge ist an den entscheidenden Nahtstellen noch gestört. Die Neulinge werden die personellen Verluste nur sehr schwer kompensieren können. Gespannt darf man darauf sein, wie die Fans auf etwaige Durchhänger ihrer Mannschaft reagieren. Realistisch ist für die Mainzer "Bruchweg-Boys" ein Platz zwischen sieben und zwölf, Tendenz eher nach unten als nach oben.

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