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Champions-League-Finale in München: Ein Abend der Unsterblichkeit

Mit dem lang ersehnten Titel beschert der FC Bayern den Münchnern einen phänomenalen Abend. Die bayerische Landeshauptstadt feiert ihre Helden bis tief in die Nacht.

Von Christopher Hemscheidt, München

Das Trio aus El Salvador, Honduras und Peru ist seelenruhig. Nach dem dramatischen Ausgang des letztjährigen Finals kann es nichts mehr erschüttern. Wenige Augenblicke vor Anpfiff des deutsch-deutschen Champions-League-Endspiels warten die drei Männer, warm eingepackt in Jacken und Mützen, auf den Startschuss für den geplanten Party-Marathon. Unruhig von einem Bein aufs andere wippend hat sich die Gruppe auf Münchens Prachtboulevard, der Leopoldstraße, unter tausende Bayern-Fans gemischt. "Wir sind nicht zum ersten Mal hier, das ist doch klar. Das wollen wir uns einfach nicht entgehen lassen. Seit Mitte der 90er leben wir in München und drücken natürlich dem FC Bayern die Daumen. Wir schauen hier jedes Bayern-Spiel", sagen sie stolz.

Alleine sind sie wahrlich nicht. Direkt hinter ihnen parkt ein alter Campingwagen. Mit Blick auf die im Freien aufgestellten Bildschirme haben es sich die Insassen auf dem Dach ihres Fahrzeuges bequem gemacht und verfolgen das Spiel wenige Meter über den Köpfen der rot-weißen Anhänger. Vom anderen Ende der Republik angereist, stimmen sie immer wieder "Super-Bayern, Super-Bayern - hey, hey" an und animieren damit die Fans der umliegenden Kneipen. Wenige Schritte entfernt streckt ein 72-Jähriger sein Bayern-Trikot mit beiden Händen in den Himmel und singt voller Pathos mit. "Was die Bayern können ist Bier und Fußball", verrät der Mann aus Ghana und lacht, als gäbe es nichts zu fürchten. "Einfach einzigartig! Das gibt es so nicht noch einmal auf der Welt."

Einige unbeugsame Dortmunder leisten Widerstand

Nur knapp 500 Meter entfernt ist die Gemütslage nicht minder optimistisch. An der Tür einer Dortmunder Fan-Kneipe im Herzen Schwabings steht Wolfgang und sorgt für Ordnung. Noch sind es einige Minuten bis zum Anpfiff. Doch am breitschultrigen Aufpasser führt kein Weg vorbei. Seit 16:45 Uhr geht hier nichts mehr. Die Ruhrpott-Exklave platzt aus allen Nähten. Und so müssen zahlreiche Anhänger der Borussen ihre Pläne ändern. Dumm nur, dass sie ausnahmslos in gelb gekleidet sind. "Wo sollen wir denn hin? Man braucht doch keine zwei Sekunden um festzustellen für wen unser Herz schlägt", schimpft einer der BVB-Anhänger ein wenig verzweifelt. Drinnen herrscht der Ausnahmezustand. Knapp 200 nassgeschwitzte Fans grölen den Klassiker "You never walk alone". Gleichzeitig laufen die Mannschaften für alle sichtbar ins Stadion ein. Es ist angerichtet.

Bereits seit den Mittagsstunden herrscht in München der Ausnahmezustand. Zehntausende haben sich in Pubs, Bars und Biergärten eingefunden, auf den Straßen werden Getränke ausgeschenkt, Megaphone und Vuvuzelas verstärken die Fan-Gesänge allerorts. Die Atmosphäre ist elektrisierend. Mit den U-Bahnen pilgern Massen, landestypisch in Dirndl und Lederhosn gekleidet, in Richtung Public-Viewing-Plätze. Auf der Theresienwiese, die sonst nur zu Oktoberfestzeiten einem derartigen Andrang ausgesetzt ist, verfolgen 42.000 Neugierige das historische Finale. Im "Wohnzimmer" Allianzarena feiern gar weitere 40.000 Fans ihre Mannschaft. Und selbst Münchens Nobel-Club P1 hat seine Pforten geöffnet und lädt zum edlen Beisammensein auf der hauseigenen Sommerterrasse. Jedem das Seine.

München zeigt sich meisterhaft

Nach genau 93 Minuten voller Anspannung, Freude und Verzweiflung ist es soweit. Um exakt 22:33 Uhr brechen auf dem Rasen von Wembley und den Straßen der Münchner Innenstadt alle Dämme. Spieler und Fans feiern den lang ersehnten Triumph mit Tränen in den Augen. Nur wenige Minuten nach Spielende verwandeln 150.000 Feierfreudige die Leopoldstraße in ein Tollhaus. Es gibt kein Halten mehr. Nach Jahren herber Niederlagen ist die Erleichterung im neuen "Fußball-Mekka" München förmlich greifbar. Fremde Menschen liegen sich in den Armen, hüpfen und tanzen. Einige zünden Bengalos und Feuerwerke. Die Euphorie ist grenzenlos. Dort wo die Sicherheitskräfte den Verkehr laufen lassen, schieben sich unzählige Autokorsos durch die Gassen. Menschen schreien ihre Freude heraus, hupen, schwenken Fahnen.

"Wir sind es gewohnt, dass der FC Bayern gewinnt und die Münchner spontan auf der Straße feiern", hatte sich ein Polizeisprecher bereits am Vortag optimistisch gezeigt, dass die Münchner tatsächlich allen Grund zum feiern haben werden. Er sollte Recht behalten. Ein wenig Geduld ist aber noch gefragt: Erst am 2. Juni werden die Bayern-Anhänger ihre Helden so richtig hochleben lassen können. Tags zuvor steigt in Berlin das DFB-Pokal-Finale. Im Anschluss, so die Hoffnung der Fans, wird es dann auf und über dem Münchner Marienplatz zur Party mit doppeltem Anlass kommen. Nur noch ein Titel bis zur finalen Unsterblichkeit.

Von Christopher Hemscheidt, München

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