HOME

FC Bayern gewinnt Champions League: Endlich eine große Mannschaft

Der FC Bayern hat das Chelsea-Trauma überwunden und ist Champions-League-Sieger - nach einem atemberaubenden 2:1 gegen Dortmund. Das Finale hat gezeigt, wie willensstark die Münchner wirklich sind.

Von Klaus Bellstedt, London

Samba-Rhythmen dröhnten aus dem Mannschaftsbus des FC Bayern. Dante hatte längst das musikalische Regiment übernommen und sein Iphone mit der Anlage des Gefährts verbunden. Jetzt stand der Brasilianer hinter dem Busfahrer, schwang seine Hüften und animierte die ganze Partygesellschaft zum Mitsingen. Dante war schon wenige Minuten zuvor mit einem kleinen Ding, das wie ein altes Kofferradio aussah, grölend durch die Mixed Zone im Bauch des Wembley-Stadions getänzelt. Es war eine einzige große Show, die die Bayern hier abzogen. Jeder auf seine Weise. Bastian Schweinsteiger hatte eine Pulle Schampus im Anschlag und seinen Kumpel Thomas Müller im Arm. "Hier kommen die echten Führungsspieler", rief Müller den Journalisten zu. Das war ironisch gemeint, aber eigentlich trifft es ja zu. Schweinsteiger ist der unumstrittene Chef im Mittelfeld und Vizekapitän der Bayern. Und Müller ist zwar erst 23 Jahre alt, aber er bringt im Grunde alles mit, um einmal einer Mannschaft den Weg zu weisen.

Erste Anzeichen dafür gab es im vergangenen Jahr im Mai, als die Bayern ihr Finale im eigenen Wohnzimmer gegen Chelsea äußert unglücklich im Elfmeterschießen gegen Chelsea vergeigten. Müller war es, der unmittelbar nach der Niederlage eine Rund-SMS an seine Mitspieler verschickte. Inhalt: Sie mögen doch bitteschön wieder aufstehen. Am Samstagabend um kurz nach halb zehn Londoner Zeit hat sich der Kreis nun geschlossen: Die Bayern sind Champions-League-Sieger. Nach einem atemberaubenden Fußballspiel gegen die alten Rivalen aus Dortmund.

Lange war es ein offenes Spiel

"Endlich, endlich, endlich. Genau das habe ich nach dem Schlusspfiff gedacht", berichtete Philipp Lahm hinterher über seinen Gemütszustand nach dem hart erkämpften, aber letztlich verdienten 2:1-Erfolg der Münchner. Der Kapitän war erleichtert. Er stand breitbeinig da, die Hände im Jogger vergraben und lobte die Mannschaft: "Das Team hat sich diesen Titel erarbeitet. Nicht erst heute, sondern schon über die gesamte Saison hinüber." Seit dem Chelsea-Trauma, hätte er auch sagen können. Die Niederlage damals hat den gesamten Klub monatelang gelähmt. Die vollständige Rehabilitierung der Erfolgs-Bayern mit ihrem manchmal leicht dröhnenden Selbstverständnis "Mia san Mia", sie ist nach dem Triumph über den BVB gelungen. Und wirklich erst jetzt.

"Es fällt extrem viel von uns ab", sagte der junge Müller hinterher. Er klang dabei wie jemand, dem gerade ein Rucksack mit zehn Pflastersteinen darin von den schmalen Schultern genommen wurde. Der Druck muss enorm gewesen sein. Die Angst vor dem Verlieren war für die Bayern gerade zu Beginn der Partie viel größer, als die Lust, dieses Endspiel in der Königsklasse zu gewinnen. Das merkte man den Spielern deutlich an. Aber Dortmund machte es auch einfach gut. Der BVB nahm den Bayern vor allem in der ersten Hälfte mit extrem hohem Pressing die Luft zum Atmen. Das war überraschend. Lange war es in Wembley ein offenes Spiel, in dem sich die Münchner erst allmählich aus dem Würgegriff befreien konnten. Es ging mitunter packend zu vor den 86.000 Fans. Chancen wurden kreiert und vergeben. Auf beiden Seiten. Fouls, auch fiese, wurden begangen und vom Schiedsrichter nicht richtig geahndet. Franck Ribéry und Robert Lewandowski hätten nach ihren Tätlichkeiten beide vom Platz fliegen müssen. Sie durften weiterspielen und trugen dazu bei, dass das Endspiel bis zum Schluss hoch unterhaltsam blieb.

Stabil und gefestigt

Wenn man dieses Finale mit einer Oper vergleichen würde, der Komponist könnte nur Richard Wagner heißen. So laut und aufwühlend waren die 93 Minuten. Und natürlich war auch ein Schuss Dramatik dabei. Schließlich fiel der Siegtreffer für den FC Bayern erst eine Minute vor Schluss der regulären Spielzeit durch eine famose Einzelleistung von Arjen Robben. Dramatisch aber nur, weil das Tor aus Sicht der Dortmunder so unglücklich spät fiel und ihnen kaum noch Zeit zum Reagieren blieb. Richtig überraschend fiel der Treffer zum 2:1 allerdings nicht. Er hatte sich mit zunehmender Spieldauer angedeutet – auch weil es dem BVB in der zweiten Hälfte an Kraft fehlte, den hohen Aufwand aufrechtzuerhalten. So blieb es also ausgerechnet Robben vorbehalten, den Champions-League-Triumph für die Roten perfekt zu machen. Jener Robben, den sie in München nach seinem verschossenen Elfmeter im Finale 2012 gegen Chelsea am liebsten vom Hof gejagt hätten.

"Es macht eine große Mannschaft aus, in entscheidenden Spielen nicht unruhig zu werden." Für Matthias Sammer sind die Bayern nach eigener Definition ab sofort eine große Mannschaft. Der Sportdirektor spielte auf die Momente nach dem Ausgleichstreffer von Ilkay Gündogan an. Der Nationalspieler hatte nur sieben Minuten nach dem 1:0 durch Mario Mandzukic (60.) per Elfmeter für Dortmund ausgeglichen. Hoch oben unter dem Dach der Arena auf der Pressetribüne wurde bereits darüber spekuliert, was das jetzt wohl mit den Bayern machen würde. Machen könnte. Die Antwort lautete: gar nichts. Die Mannschaft von Jupp Heynckes ist derart stabil und gefestigt, dass Rückschläge ihr nichts mehr anhaben können. Schon lange nicht mehr. Im Gegenteil: Dieses Team wollte den Sieg mehr als alles andere auf der Welt.

Zeit für die großen Momente

Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn die Sache wirklich noch schiefgegangen wäre. Die ganzen alten Geschichten über die Generation der international Titellosen (Schweinsteiger/Lahm) wären wieder ausgegraben worden. Der Verein wäre nach dem dritten verlorenen Champions-League-Finale innerhalb von vier Jahren wohl dauerhaft in eine schwere Depression verfallen. Und das so kurz vor dem Amtsantritt von Superstar-Trainer Pep Guardiola. Der Spanier hat es nun leichter. Weil er, vorausgesetzt am kommenden Wochenende wird auch noch der VfB Stuttgart im DFB-Pokalfinale bezwungen, die erfolgreichste Bayern-Mannschaft aller Zeiten als Trainer übernehmen darf. Aber das muss Guardiola mit seiner Arbeit erst einmal bestätigen.

Doch so weit dachte in der magischen Nacht von Wembley noch keiner auf Seiten der Sieger. Stattdessen war die Zeit für die ganz großen Momente gekommen. Es waren Szenen, die keiner so schnell vergessen wird. Weder Spieler, noch Zuschauer: die Pokalübergabe und das hochleben lassen von Jupp Heynckes zum Beispiel, oder die Jubelläufe vor den eigenen Fans und das kollektive Zerschneiden des Tornetzes, von dem sich jeder - von Daniel van Buyten bis Diego Contento - einen Erinnerungsfetzen mit nach Hause nahm. Aber es gab auch ruhige und eher besinnliche Phasen in den Stunden des großen Glücks. Das Wembley-Stadion war schon fast leer, als sich Schweinsteiger und Robben, den riesigen Henkelpott in der Mitte, auf das überdimensionale Bayern-Emblem auf Höhe des Mittelkreises legten und in den sternenklaren Londoner Himmel schauten. Die beiden sind jetzt Champions-League-Sieger. Zum ersten Mal in ihrer Karriere. Was für ein schmaler Grat.

Der Niederländer wollte hinterher nicht verraten, über was da auf dem Rasen gesprochen wurde. Er ließ nur so viel raus: "Du willst im Leben nicht der Loser sein." Als einer der letzten enterte schließlich auch Robben den Mannschaftsbus und stürzte sich ins Getümmel. "Unsere Brasilianer wissen schon, wie man Party macht", rief er noch und lachte laut. Dann schloss sich die Tür. Die Nacht der Bayern konnte beginnen.

Von Klaus Bellstedt, London

Wissenscommunity