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Das Phantomtor Wiederholt das Spiel!


Das Tor von Leverkusens Stefan Kießling, das keines war, erhitzt die Gemüter. Doch ein Wiederholungsspiel wird es wegen der Politik der Fifa nicht geben. Das ist ein Fehler.
Von Tim Schulze

Das nennt man Ironie des Schicksals. Da hat ein Tornetz bei einem Bundesliga-Spiel ein Loch und ein Kopfball rutscht von außen nach innen durch. Der Schiedsrichter gibt ein Tor, das keines war – der Skandal ist perfekt, der Aufschrei laut und die Fußball-Welt diskutiert intensiv darüber, ob das Spiel wiederholt werden soll oder nicht.

"Torschütze" Stefan Kießling hatte mit seinem Kopfball zur 2:0-Führung gegen Hoffenheim ein Schlupfloch im Tornetz der Hoffenheimer gefunden - das Spiel endete mit einem 2:1-Erfolg für Leverkusen. Bayer-Sportdirektor Rudi Völler scherzte nach der Partie mit einem kleinen Seitenhieb Richtung Hoffenheim: "Die haben so viel Geld ausgegeben für das Stadion. Kleiner Tipp: Das nächste Mal richtige Netze kaufen." Das ist vielleicht ganz lustig für alle, die dem Hopp-Club nicht zugeneigt sind, doch zu einer konstruktiven Diskussion trägt so eine Bemerkung nicht bei.

Das hohe Gut der Tatsachenentscheidung

Ernstzunehmender sind da schon die Äußerungen von DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig, der darauf hinweist, dass "die Tatsachenentscheidung in unserem Lande – und mag sie hier und da noch so ungerecht sein – ein sehr hohes Gut ist". Das gilt selbstverständlich weltweit. Und da ist die Fifa zuständig. Der Weltverband achtet strengstens darauf, dass diese Grundregel des Fußballs geschützt wird. Der DFB wird sich in den nächsten Tagen eng mit dem Weltverband abstimmen und danach die Entscheidung des Sportgerichts ausrichten.

Es ist deshalb damit zu rechnen, dass es kein Wiederholungsspiel geben wird. Denn der DFB hat sich einmal mit einer eigenmächtigen Entscheidung schwer die Finger verbrannt. Als er 1994 nach dem Phantomtor durch Thomas Helmer die Partie der Bayern gegen Nürnberg erneut anpfeifen ließ, gab es viel Druck durch die Fifa, auch wenn der Weltverband es am Ende durchgehen ließ. Aber in der Folge kassierte die Fifa ähnliche Entscheidungen. Die Tatsachentscheidung war und ist immer von größerem Gewicht als das Gerechtigkeitsgefühl.

Aber sollte das auch im Hoffenheimer Fall gelten? Nein. Denn die Fehlentscheidung von Schiedsrichter Felix Brych war keine Fehlleistung, die im Bereich dessen liegt, was man im Allgemeinen als menschliches Versagen durchgehen lassen kann. Es war keine knappe Abseitsentscheidung, der Ball war nicht knapp über oder vor der Torlinie, es gab kein verstecktes Foul oder sonst eine Situation, wie sie im Fußball alltäglich sind. In diesen Fällen hat die Tatsachenentscheidung ihre absolute Berechtigung und schützt vor ausufernden Diskussionen, Ausnahmen und weiteren Ungerechtigkeiten.

In diesem Fall sollte Fairplay im Vordergrund stehen

Doch bei einem derart außergewöhnlichem Fall sollte der Gedanke des Fairplays im Vordergrund stehen. Und das kann nur bedeuten: Das Spiel muss wiederholt werden. Das wäre für alle Beteiligten die beste Lösung, auch für Schiedsrichter Felix Brych, der schließlich als Depp der Nation dasteht. Es ist schon traurig genug, dass die Leverkusener Spieler und vor allem Stefan Kießling nicht die Courage hatten, die Wahrheit zu sagen. Denn sie mussten offensichtlich trotz gegenteiliger Beteuerungen genau, was passiert war, denn einen Jubel des vermeintlichen Torschützen gab es nicht. Das wäre in diesem Fall die beste Lösung gewesen.

Ein erneuter Anpfiff der Partie würde das hohe Gut der Tatsachenentscheidung nicht ankratzen, es würde nur zeigen, dass Regeln nicht immer gnadenlos starr interpretiert werden. Auch das kann zu ihrer Akzeptanz beitragen. Und das nützt dem Fußball.


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