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David Beckham: Wie erschossen

Ein Achillessehnenriss könnte das Ende einer schillernden Karriere sein: Mit der Verletzung musste David Beckham zumindest seine WM-Träume begraben. Der Legendenbildung des größten englischen Spielers der Neuzeit wird das nichts anhaben können.

Von Raphael Honigstein, London

Den für die englische Nationalmannschaft zuständigen Sky-Reporter hatte die schlechte Nachricht am späten Sonntagabend offensichtlich im Schlaf ereilt, aber er schaffte es, die bedrückende Gemengelage live am Telefon professionell und prägnant zusammenzufassen. "Ein schwerer Schlag für David Beckham", sagte der Mann mit dem Schnauzer staatstragend. "Und für England... nun ja. Man wird sehen."

Anders als vor acht Jahren, als sich der Mittelfeldspieler wenige Wochen vor Beginn der Weltmeisterschaft in Japan/Südkorea den Mittelfuß brach ("Ende der Welt", titelte die "Sun" damals), wurde auf der Insel diesmal nicht der nationale Notstand ausgerufen, obwohl die Verletzung viel schlimmer ist: Der Achillessehnenriss, den sich der AC-Milan-Spieler beim 1:0 gegen Chievo zwei Minuten vor Spielende ohne gegnerischen Einfluss zuzog, lässt keine Chance für eine rechtzeitige Genesung vor dem Turnier in Südafrika.

Spekulationen über ein Ende seiner 14-jährigen Nationalmannschaftskarriere wies Beckham, der im Mai 35 wird, zurück: "Ich erwarte, schnell und völlig wiederhergestellt zu sein", ließ Beckham am Montag mitteilen. Beckham wurde am Montag im finnischen Turku operiert. Laut der Nachrichtenagentur STT dauerte der Eingriff knapp eine Stunde. Alles sei gut verlaufen, teilte der Chirurg und Sportmediziner Sakari Orava danach mit. Dem Sender BBC sagte er: "Das ist nicht das Ende seiner Karriere", sagte Oliviera dem Sender BBC. "Selbst wenn er die WM verpassen sollte, ist es ein Ziel, zum Ende der Major-League-Soccer-Saison wieder mit den Los Angeles Galaxy zu spielen."

"Das ist ein herber Schlag"

Zuvor war der ehemalige Manchester-United-Spieler kurz vor Ende der Partie mit Tränen in den Augen vom Platz getragen worden. Dem vom amerikanischen Erstligisten Los Angeles Galaxy bis Saisonende ausgeliehenen Profi war die Schwere der Verletzung sofort klar: "Sie ist gerissen", rief Beckham immer wieder, als er neben der Milan-Bank behandelt wurde. "Er hat sich gefühlt, als sei er erschossen worden", sagte Milans Coach Leonardo.

Englands Nationaltrainer Fabio Capello rief noch am Sonntagabend in Italien an, um sein Bedauern auszudrücken. "Es tut mir leid für ihn", sagte der 63-Jährige, "David ist ein großartiger Profi, der sehr hart auf die WM hingearbeitet hat. Auf ihn verzichten zu müssen ist ein herber Schlag." Er hätte Beckham gern zur WM mitgenommen, allein schon, um seine Ruhe vor den englischen Medien zu haben.

Aber auch, weil er als 14. oder 15. Mann, als Einwechselspieler und als Experte für den ruhenden Ball unter Umständen wirklich noch zu gebrauchen war. Im Notfall könne er sich Beckham sogar "in der Mitte" vorstellen, hatte Capello den staunenden Journalisten nach dem 3:1-Sieg im Testspiel gegen Ägypten vor zwei Wochen mitgeteilt. Das Match hatte jedoch gezeigt, wo sich "Becks" in Capellos Plänen tatsächlich befand: am äußersten Rand. Der 115-fache Nationalspieler wurde im Wembley dreimal zum Aufwärmen geschickt, aber trotz fünf Auswechslungen nicht berücksichtigt.

Legendenbildung schreitet weiter voran

Beckham nahm die Zurückstufung in die dritte Reihe bereitwillig hin. Capellos Vorgänger Steve McClaren hatte ihn nach der WM in Deutschland ausgemustert, und auch der knorrige Italiener ignorierte ihn lange. Die Aussicht, Torhüterlegende Peter Shilton nach WM-Spielen als englischen Rekordhalter ablösen zu können, trieb den im amerikanischen Exil bei den LA Galaxy quasi halb pensionierten Popstar jedoch zurück in den echten Fußball nach Europa; wenn auch nur zu Milan, dem Auffanglager für alternde Stars. Mit viel Demut kämpfte er sich wieder zurück in das Team mit den drei Löwen auf der Brust. Er wollte unbedingt als erster Engländer bei vier Weltmeisterschaften spielen (und treffen).

Ob es wirklich, wie von ihm stets beteuert, grenzenloser Patriotismus war, der ihn motivierte, oder doch eher das eigene Sendungsbewusstsein (und die Interessen seiner Sponsoren), spielte irgendwann in den Augen der Öffentlichkeit keine Rolle mehr. Seine Langlebigkeit wurde vom englischen Fußball als Leistung gefeiert. Die globale Stilikone, die dem Land großen Glanz versprochen hatte, aber in allen Turnieren ein sehr kleines Licht geblieben war, erfand sich als honoriger Elder Statesman neu. Beckham wäre als kickendes Teammaskottchen zur WM gefahren. Man fühlt mit ihm. Aber für einen veritablen Weltuntergang müsste es schon eine Verletzung von Wayne Rooney sein. Der 24-jährige Stürmer von Manchester United hat Beckhams Erbe als Heilsbringer in spe angetreten und ist neben Capello hauptverantwortlich für die Hoffnung, dass diesmal alles anders wird.

Frühestens in sechs Monaten wird der gebürtige Londoner wieder spielen können. Vielleicht ist sein 115. Länderspiel am 14. Oktober 2009 gegen Weißrussland sein letzter Auftritt für England gewesen. Der Legendenbildung wird sein WM-Verzicht wenig anhaben können. Er geht als einer der größten Spieler der Neuzeit in die Annalen ein, weil das chronisch sieglose Land keine größeren hatte. Seine mit Abstand beste Partie, die 90 Minuten, die ihn zum Helden machten, datiert vom September 2001. Das war ein 2:2 im WM-Qualifikationsspiel gegen Griechenland.

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