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Doping-Skandal: Hutgröße um drei Nummern gewachsen

Als einer der größten Doping-Skandale in der Geschichte des US-Baseballs wurde der Mitchell-Report gehandelt. Aber bisher blieben die Erschütterungen aus. Obwohl über 80 Namen von Stars und Superstars genannt wurden, gehen alle Beteiligten zur Tagesordnung über, als sei nichts gewesen.

Von Helmut Werb, Los Angeles

Baseball, Lieblingssport amerikanischer Intellektueller wie Woody Allen und Nicht-Intellektueller wie Präsident Bush (früher selbst Eigner eines texanischen Profi-Klubs), scheint den Sturm der Entrüstung, der während der letzten Woche vom Doping-Report des ehemaligen Senators George Mitchell losgetreten wurde, reichlich unbeschwert zu überstehen. Alle Beteiligten, von den Besitzern der Milliarden-schweren Klubs bis hin zu Baseball Commissioner Bud Selig, Obermacher der Major League Baseball Liga, üben sich in öffentlicher Entrüstung, lassen es aber allesamt an Konsequenzen fehlen.

Im 400seitigen Mitchell-Report wurden 86 der berühmtesten und reichsten Baseballspieler als Doping-Sünder enttarnt. Zu den Genannten gehören unter anderem Superstars wie der Home-Run-König Barry Bonds und der beste Werfer der Liga, Roger Clemens. Kein einziger Klub der über hundertjährigen Liga kam ungeschoren davon. Unter den Doping-Sündern fanden sich die Namen von Allstar-Spielern, Fan-Idolen und Rekordhaltern. Dabei dürfte der fleißige Ex-Senator Mitchell nur an der Oberfläche gekratzt haben - der Report basiert hauptsächlich auf den Aussagen zweier Doping-Dealer.

Umfassende und effective Doping-Tests sind umstritten

Umfassende und effektive Doping-Tests sind im Profi-Basbeball bis heute äußerst umstritten und stoßen bei der Spielergewerkschaft auf harten Widerstand. Dass sein schockierender Bericht riesige Löcher aufwies und nur einen kleinen Teil der Doping-Verstöße erfasst habe, gab der gute Senator gerne offen zu. Er durfte keine Zeugen zwangsweise vorladen, und die populärste Doping-Droge, das Human Growth Hormon (HGH), war erst vor gerade mal zwei Jahren auf die schwarze Liste gesetzt worden, was allein eine beträchtliche Grauzone nicht erfasster Sünder bedeuten dürfte. Von Amphetaminen ganz zu schweigen, die der gute Senator in seinem Bericht notgedrungen gänzlich ignorieren musste.

Dass Baseball jedoch ein Drogenproblem hat, konnte schließlich jeder halbwegs aufmerksame Zuschauer am Fernseher mitverfolgen, die kolossalen körperlichen Veränderungen bei einigen Spielern waren kaum zu übersehen. Innerhalb weniger Jahre schien zum Beispiel Barry Bonds Körper, der wohl berühmteste aller Doping-Fälle im Baseball, buchstäblich zu explodieren. Allein Barrys Hutgrösse wuchs in einem einzigen Jahr um drei Nummern. Der öffentliche Druck jedoch wuchs, nicht zuletzt auf Grund der juristischen Schwierigkeiten, in die Barry Bonds wegen einer vermeintlichen Falschaussage in einem Doping-Fall geraten war, und brachte die Politiker auf den Plan. Aktive Spieler werden bis heute einzig und allein beim US-Football getestet, nicht unbedingt besonders gründlich, aber man ist ja schon für kleine Wunder dankbar. Weder in der Basketball-Liga NBA noch bei den Eishockeyspielern der NHL gibt es im Augenblick ein wirklich durchgreifendes Testprogramm.

Die Baseball-Liga will schnell zum Alltagsgeschäft übergehen

Da nimmt es kein Wunder, dass die nur oberflächlich gebeutelte Baseball-Liga nach den ersten öffentlichen Entschuldigungen von Spielern schnell wieder zum Alltagsgeschäft übergeht. Wie im Fall des New-York-Yankees-Pitchers Andy Pettitte: Der behauptet, Human Growth Hormone nur während einer kurzen Genesungsphase eingenommen zu haben. Das funktioniert ganz gut, denn die amerikanische Öffentlichkeit scheint am Drogenkonsum ihrer Stars nur beschränktes Interesse zu haben, solange der Unterhaltungsfaktor hoch ist. Einzig hartgesottene Traditionalisten beklagen den Verfall der Sitten und das hauptsächlich, weil die im Baseball über hundert Jahre geführten Statistiken über Nacht zu Makulatur werden könnten.

Zum anderen stellen die dreißig Major League Baseball Clubs einen nicht unbeträchtlichen fiskalischen - und somit auch politischen - Wert dar. Auf weit über neunhundert Milliarden Dollar wird der Gesamtwert der Klubs geschätzt, meist prestige-trächtige Spielwiesen egomanischer Super-Milliardäre wie George Steinbrenner (New York Yankees) oder Frank McCourt (Los Angeles Dodgers), denen nachgetragen wird, dass sie gewonnene Meisterschaften allemal höher einschätzen als dummes Gewäsch über ethische Grundsätze oder die Gesundheit ihrer Spieler.

Baseball ist eine Geldmaschine

Weshalb Doping im Baseball trotz Mr. Mitchell immer noch ein einträgliches Kavaliersdelikt ist. Nach den von Spielerstreiks gebeutelten 90ern genossen die Klubs und ihre Besitzer in den letzten Jahren einen ungeheuren Zuwachs an Zuschauerzahlen und Fernseheinnahmen, allein im Jahr 2007 steckten die Klubs über sechs Millarden Dollar ein. Da drückt man gern mal ein Auge zu, wenn die teuren Zuschauermagneten ein wenig über die Stränge schlagen, Hauptsache die Leistung und Kasse stimmen.

So wurden im November während des traditionellen Baseball-Wintermeetings in Nashville, eine Art Fachmesse der Profi-Klubs, rekordträchtige Spieler-Deals getätigt, und das nur wenige Tage vor der Veröffentlichung des Mitchell-Reports. Dessen Inhalt dürfte den bestens vernetzten Milliardären schon im vorher bekannt gewesen sein. Und unmittelbar nach der medienwirksamen Veröffentlichung des "skandallösen Doping-Sumpfes", so Baseball Commissioner Selig, gingen die Geschäfte mit den Mitchell-Stars weiter, als sei nichts gewesen.

Die Geschäfte laufen weiter

Andy Pettite, der sich zugegebenerweise mittels HGH sanierte, wurde soeben von den New York Yankees fürs Jahr 2008 weiterverpflichtet - für sechzehn Millionen Dollar. Laut einem Bericht in der renommierten Tageszeitung Los Angeles Times wusste das Management der L.A. Dodgers sehr wohl über das Doping seiner Spieler Bescheid und unterstützte die leistungsfördernden Spritzen sogar. Die L.A. Times zitiert sogenannte Scouting Reports, in denen weiteres Doping empfohlen und gutgeheißen wird.

Da ist es gut zu wissen, dass Senator George Mitchell in seinem Report den Offiziellen von Major League Baseball ausdrücklich davon abriet, die enttarnten Spieler überhaupt zu bestrafen. Das käme dann wohl doch zu teuer.

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