EM 2008 Ballack ruht, alles gut?


Die Ruhe vor dem Sturm: Kapitän Michael Ballack wirkt vor dem EM-Auftakt gegen die Polen entspannt wie nie. Dennoch verwundert die Gelassenheit: Im Vergleich zu den letzten Turnieren scheinen die Deutschen doch noch einige Probleme mit sich herumzuschleppen.
Von Wigbert Löer, Tenero

Es sind noch zwei Tage, und sollten deutsche Fans langsam Angst verspüren, Angst, dass ihr Team doch nicht so stark ist wie die EM-Qualifikation Glauben machte, und Angst, dass der schwarz-rot-goldene Fußballsommer nach einer verpatzten Vorrunde ganz schnell vorbei sein könnte - dann denken diese Anhänger am besten an Michael Ballack. Denn, soweit die aktuelle Einschätzung aus dem DFB-Quartier am Lago Maggiore: Der Kapitän ist zuversichtlich. Und vollkommen unaufgeregt.

Fast noch ein wenig verschlafen wirkt der 31-Jährige, als er zur Pressekonferenz in Tenero erscheint. Ruhig und geduldig beantwortet er die Fragen. Seinen Antworten entspringen keine großen Erkenntnisse, der Art des Auftritts schon: Der da sitzt, wirkt wirklich gelassen. Das war nicht immer so vor einem großen Turnier.

Mahner vor der WM 2006

Zwei Jahre zuvor drohte die deutsche Auswahl sich nach Meinung seines Spielführers in einen Angriffskrieg mit unvorhersehbarem Ausgang zu stürzen. Man hatte in einem Testspiel vor der WM gegen Japan zwei Tore kassiert und einen chaotischen Abwehreindruck hinterlassen, immer wieder brachen die Japaner ungehindert durch. Jürgen Klinsmann pochte auf hemmungslose Offensive. Ballack bremste.

In aller Klarheit mahnte er seinerzeit in Düsseldorf, bei aller Angriffseuphorie nicht das Verteidigen zu vergessen: "Wir sind oft einen Schritt zu weit vorn, auch im Denken. Wir wollen ja offensiv spielen, aber gedanklich müssen wir uns darauf einstellen, dass Fußball in der Defensive anfängt." Das saß. Das Trainergespann ließ fortan in einer defensiveren 4-4-2-Formation spielen, nicht mehr mit einer Mittelfeldraute. Ballack sicherte fortan nach hinten neben Frings ab und erzielte während des ganzen Turniers kein einziges Tor - der Preis seiner taktischen Selbstbestimmung.

Kein Wechsel des Systems

Zwei Jahre später muss Michael Ballack gar nicht konkret an seine Einmischung erinnern. "Damals", sagt er nur, "haben wir das System geändert." Mit der größtmöglichen Selbstverständlichkeit stellt der Kapitän fest, dass man das neue System jetzt nicht wieder zu wechseln brauche. Alles im Lack im Moment im Mittelfeld, das ist die Botschaft.

Das Problem Anfang Juni 2008 ist allerdings, dass Deutschlands Defensiv-Kompetenz nicht unbedingt von der Ausrichtung des Mittelfeldes abhängt. Es geht längst nicht nur darum, wie viel Sturm und Drang sich Michael Ballack und Torsten Frings im Zentrum erlauben und ob Lukas Podolski, sollte er im linken Mittelfeld aufgestellt werden, es dort schafft, sein Spiel auch ein Stück nach hinten auszurichten, so wie Clemens Fritz das auf der rechten Seite sicher hinbekäme.

2006, das ist der Unterschied, genossen die Innenverteidiger Christoph Metzelder und Per Mertesacker und dahinter Torwart Jens Lehmann den Ruf großer Verlässlichkeit, man feilte nur noch besessen an der Abstimmung - die stellte sich dann im zweiten Match gegen Polen ein. Dieses Abwehrdreieck gilt nun aber vor dem Auftakt-Spiel gegen Polen als größter Risikofaktor, Metzelder und Lehmann müssen beweisen, dass sie individuell den Anforderungen gewachsen sind. In Tenero hat niemand Michael Ballack nach der Abwehr gefragt.

Ob er sonst auch so gelassen gewesen wäre?

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