Otto Rehhagel Erfolgsmethoden aus der Mottenkiste


Der Europameister ist auf Station in Deutschland: In Frankfurt bereitet sich die griechische Nationalmannschaft auf das Unternehmen Titelverteidigung vor. Otto Rehhagel schirmt seine Spieler ab so gut er kann - an seinen Methoden und Marotten hält der 69-Jährige bis heute eisern fest.
Von Frank Hellmann, Frankfurt

Ein Feldherr würde kaum woanders stehen. Genau dort, wo die Mittelfeldlinie auf die Seitenlinie trifft, hat sich Otto Rehhagel positioniert. Der 69-Jährige trägt einen Trainingsanzug, Hose hellblau, Jacke weiß. Arme und Beine sind bedeckt, obwohl es fast 30 Grad warm und drückend schwül ist. Niemand sonst aus der Entourage der griechischen Nationalmannschaft hat sich an diesem lauen Sommerabend in Frankfurt so verhüllt. Gegen die tief stehende Sonne hebt Rehhagel wechselweise seine linke oder rechte Hand zum Schutz. Ihm will nichts entgehen, wenn seine 23 Auserwählten sich auf dem bestens gepflegten Rasenplatz an der Wintersporthalle im Schatten der gewaltigen Frankfurter Arena auf die Europameisterschaft vorbereiten.

"Change, change", brüllt der Altmeister über den Platz - und er meint seine Innenverteidiger Traianos Dellas, 32, und Sotirios Kyrgiakos, 28, die sich vor dem Trainingsspiel falsch positioniert haben. Es gibt nicht wenige Experten, die genau hier den Schwachpunkt des amtierenden Europameisters ausgemacht haben - ist Rehhagel deshalb so streng mit den beiden Hünen, die denselben grimmigen Blick pflegen? Bevor Ioannis Topalidis, sein Co-Trainer und Dolmetscher, das Spiel von Strafraum zu Strafraum anpfeift, gibt "König Otto" noch ein kurzes Kommando. "Passspiel, Passspiel."

"Otto ist unser Chef"

Einer wie Ioannis Amanatidis, Kapitän bei Eintracht Frankfurt und seit mehr als zwei Jahrzehnten in Deutschland, versteht sofort, was sein Vordenker meint. Das Gros des Kaders folgt dem Fußballlehrer auch ohne große Worte. Beinahe viertelstündig ruft er seine Schützlinge im Kreis zusammen und redet auf sie ein - emotional, lebhaft, gestenreich - nicht jeden Satz übersetzt Topalidis. "Otto ist unser Chef und unser wichtigster Mann", berichtet Angelos Charisteas, "wir hören alle auf ihn."

Wenn der 28-Jährige über Rehhagel redet, hört sich das an, als lobe ein Sohn sein väterliches Vorbild. "Rehhagel ist der Meister unseres Erfolges. Er hat uns die Gewinner-Mentalität beigebracht. Wir arbeiten jetzt schon so lange mit ihm zusammen, wir verstehen ihn auch mit wenigen Worten." Bis heute kann der Bergarbeitersohn aus Essen kaum ein Wort Griechisch. Aber muss er das?

Aufwärmen, spielen - so geht das die ganze Woche

Nach einem Foul an Charisteas entbrennt eine hitzige Diskussion um einen Strafstoß, den Topalidis gepfiffen hat. Rehhagel rennt auf den Platz: "Foul im Strafraum. Elfmeter, ist doch klar!" Dann gibt er nacheinander Torwart, Schütze und Abwehrspieler eine lange Belehrung. Von moderner Trainingslehre hält der Mann bis heute nicht viel: der Inhalt des Übungsbetriebs 2008 weist frappierende Ähnlichkeit mit seiner Vergangenheit aus den 80er- und 90er-Jahren in der Bundesliga auf: Aufwärmen, spielen. So geht das die ganze Woche, in der der griechische Tross im luxuriösen Kempinski Hotel Gravenbruch bei Neu-Isenburg wohnt, im angenehmen Umfeld des Frankfurter Stadions trainiert.

Eigene Wege, maximaler Ertrag

Kaum jemand nimmt Notiz von der hellenischen Auswahl - weil der notorisch medienscheue Rehhagel das so will. Berichterstatter dürfen das Hotel nicht betreten, den Trainingsplatz sowieso nicht. Immerhin: Zwar ist das Übungsareal mit Sichtplanen verhängt, doch es gibt einen Spalt am Gitterzaun, wo sich das Dutzend der griechischen Medienschaffenden drängelt. Pressekonferenzen? Hält "Rehakles" schlicht für überflüssig; er wird am Sonntag nach dem Testspiel auf dem Bieberer Berg in Offenbach gegen Armenien (20.15 Uhr) kurz Rede und Antwort stehen. Das muss bitteschön reichen.

Wer auf das Werk des Erfolgstrainers blickt, der mit Werder Bremen (1988 und 1993) und dem 1. FC Kaiserslautern (1998) deutscher Meister wurde, ehe er beim FC Bayern München vorschnell scheiterte, der kommt um die Feststellung nicht umhin: Mit der hellenischen Auswahl macht Rehhagel alles richtig. Im August 2001 installiert, professionalisierte er das Umfeld, ging taktisch, personell und mental seine eigenen Wege - und erntete maximalen Ertrag. Seine oft verspotteten Methoden und Marotten mündeten schnurstracks in den EM-Triumph von Portugal, manifestiert mit dem 1:0 gegen die Hausherren am 4. Juli 2004 in Lissabon.

Final-Trikot bis heute nicht gewaschen

Seitdem hat es eigentlich keine größere Überraschung im berechenbaren Business des internationalen Fußballs gegeben als diesen. In der Qualifikation zur EM 2008 haben sich die großen Nationen durchgesetzt (Ausnahme England), bei der WM 2006 standen Italien, Frankreich, Portugal und Deutschland im Halbfinale und in der Champions League sind seit Jahren ohnehin die Arrivierten unter sich. Noch immer zwickt sich manch Grieche - weil er den Traum nicht glauben mag. Charisteas hat deshalb daheim alle Pokale, Trikots und Schuhe von 2004 aufbewahrt, "das Trikot aus dem EM-Finale habe ich bis heute nicht gewaschen. Ich genieße jeden Tag diesen Anblick." Mit Charisteas sind zehn der Helden von 2004 wieder berufen. Den 18-jährigen Überflieger Sotiris Ninis schickte Rehhagel heim - nachdem der Youngster gegen Zypern nach fünf Minuten ein Tor schoss. Treffen müssen eben Ältere, allen voran die Bundesliga-Stürmer Ioannis Amanatidis, Theofanis Gekas oder Charisteas, der den Außenseiter vor vier Jahren mit drei Volltreffern zum Titel schoss. Er ist seitdem von Bremen, über Amsterdam und Rotterdam nach Nürnberg gewechselt, doch wirklich glücklich war er in dieser Zeit immer nur unter Ottos Obhut.

Nun sucht er wieder einen neuen Klub - und die Euro ist sein Schaufenster. "Wir sind sogar stärker als 2004", glaubt Charisteas. In der Tat wirkt die aktuelle Mannschaft, die schlussendlich souverän die Qualifikation bewerkstelligte, ausgereifter, variabler, offensiv- und spielstärker als vor vier Jahren. Angelos Basinas von RCD Mallorca, Konstantinos Katsouranis von Benfica Lissabon und Georgios Karagounis von Panathinakos Athen bilden im Mittelfeld das Herzstück dieser Mannschaft, die im Sturm viel mehr Alternativen als einst in Portugal besitzt. "Aber das ist Theorie", betont Charisteas, "entscheidend ist auf dem Platz."

"Niederlage war eine Warnung zur rechten Zeit"

Das hätte auch der Übervater nicht besser formuliert. Die verbale Übereinstimmung ist kaum Zufall: Rehhagel tauscht sich permanent mit Charisteas aus, nach dem Training schlendern beide Arm in Arm vom Platz. Nach dem Duschen trennen sich die Wege: Charisteas nimmt den Seiteneingang, wo drei verrostete Absperrungen und drei rechtschaffene Wachleute stehen - hier ist der einzige Platz, wo offiziell der (kurze) Kontakt mit der Presse erlaubt ist. Die Spieler kritzeln ein paar Autogramme, flüstern ein paar Floskeln, dann geht es in den Bus, in dem Rehhagel schon sitzt: Er hat unbehelligt den Haupteingang und den direktesten Weg genommen.

Hat er nicht vergangene Woche nach dem 2:3 in Budapest gegen die Ungarn genug gesagt? "Wir haben geglaubt, es ist ein Freundschaftsspiel, aber die Ungarn haben gekämpft, als wär’s die Europameisterschaft. Diese Niederlage war eine Warnung zur rechten Zeit."


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