Rüstü Recber Der Grenzgänger


Torwart Rüstü Recber besetzt eine der skurrilsten Rollen der türkischen Nationalelf. Seine Karriere ist geprägt von Irrungen und Wirrungen. Für viele gilt der 35-Jährige dennoch als Unsicherheitsfaktor vor dem Halbfinale gegen Deutschland. Doch Rüstü hat schon oft bewiesen, dass er zu überraschen weiß.
Von Frank Hellmann, Wien

Da sage noch einer, Rüstü Recber sei ein scheuer, wortkarger Mann. Bereitwillig trat der 1,85-Meter-Athlet dieser Tage ans Absperrgitter des Franz-Horr-Stadions, der Spielstätte von Austria Wien, um vor einem Wald von Mikrofonen und Kameras höflich Rede und Antwort zu stehen. Hier, im von türkischstämmigen Einwohnern geprägten Stadtteil Favoriten, bereitete sich die türkische Nationalmannschaft, die am Dienstag von Wien-Schwechat nach Basel flog, auf das historische Halbfinale gegen Deutschland vor. Und wenn vor Trainingseinheiten während der Aufwärm- und Stretchingphase ein paar kurze Interviews zu geben waren, versteckte sich auch der Keeper nicht im Kreis jener, die lieber auf dem sonnenüberfluteten Rasen lümmelten.

"Unsere Moral ist sehr hoch. Wir sind für die Deutschen bereit. Es wird ganz anders kommen, als sie erwarten", sagte die Nummer eins der türkischen Nationalmannschaft, dessen in Ansätzen schon leicht ergrautes Haupthaar hinten zum Pferdeschwanz zusammengebunden ist.

"Abi", großer Bruder

Wer Rüstü direkt gegenübersteht, blickt auf tätowierte Arme und in das Gesicht eines 35-Jährigen - doch in Wahrheit wirkt er aus der Nähe schon viel älter. Vielleicht hat der Sohn eines Landwirts aus Antalya schlicht schon zu viel erlebt. Jetzt wird er sogar bei dieser EM in diesem besonderen Match sein 118. Länderspiel machen. Die Uefa-Disziplinarkommission schmetterte am Montagabend erwartungsgemäß den Einspruch gegen die Sperre für Rotsünder Volkan Demirel ab. Das heißt: Rüstü ist wie schon im Viertelfinale gegen Kroatien gefordert, und er freut sich insgeheim auf diese Herausforderung, auch wenn er sich klaglos für den Stammtorhüter wieder auf die Bank gesetzt hätte, der ihn vor drei Jahren in der türkischen Auswahl ablöste. Nun aber betont er: "Jeder sagt, die Deutschen sind der Favorit, aber darum scheren wir uns nicht. Wir wollen jetzt ganz Deutschland zeigen, was wir können", sagt der Schlussmann in Anspielung auf die verpasste WM-Qualifikation 2006.

"Abi", großer Bruder nennen die Kollegen den Oldie zwischen den Pfosten hochachtungsvoll, viele seiner Vorderleute gehören einer anderen Generation an. Doch Identifikations- und Integrationsfigur ist er, der ruhige Routinier. Die türkischen Fans waren für das Training sogar auf Zäune, Bänke und Bäume an der Fischhofgasse geklettert, nur um einen Blick auf das einsehbare rechte Tor zu erhaschen, wo der groß gewachsene Landsmann mit den breiten Schultern stand. "Rüstü, Rüstü, Rüstü!" Der Tormann genießt Kultstatus. Wie kein anderer verkörpert die Nummer eins die Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn. Bejubelt oder belächelt. Schlussendlich war der 35-Jährige im Kroatien-Thriller der Held, weil er den finalen Elfmeter parierte.

"Heilige Schweißperlen"

Regierungschef Tayyip Erdogan kam zu ihm, um ihn zu küssen. "Das sind heilige Schweißperlen", sagte der Präsident, "die müssen geküsst werden." Kaum einer kennt solche Gefühlswallungen so gut wie der türkische Torwart: Man hat ihn gefeiert, weil er bei der WM 2002 zum zweitbesten Torwart gekürt wurde - man hat ihn erniedrigt, weil er sich danach 2003/2004 beim FC Barcelona nie durchsetzen konnte. Und als er danach zu Fenerbahce zurückkehrte, ging es noch weiter bergab: Auch dort verlor er seinen Stammplatz an Volkan, er wurde vom Publikum angefeindet und irgendwann vom Brasilianer Zico sogar zur Nummer drei degradiert. Rüstü flüchtete - zum Lokalrivalen Besiktas, verlor sogar hier seinen Stammplatz an Hakan Arikan. Aber zuletzt hat man ihn wieder verehrt, weil er doch in der Rückrunde zum Rückhalt wurde.

Für Nationaltrainer Fatih Terim, seinen steten Förderer, der beste Grund, den erfahrenen Schlussmann auch für die EM zu nominieren. Als Volkan-Ersatz für den Notfall, der längst eingetreten ist. "Natürlich merke ich, dass mir nach den langen Pausen und einigen Verletzungen noch Spielpraxis fehlt", gibt Rüstü zu. Er hat seit jeher polarisiert: nicht nur weil er sich schwarze Kriegsbemalung unter die Augen schmierte, die angeblich gegen das blendende Licht helfen sollten. Andere behaupten steif und fest: Dieser Ballfänger betreibt ein Blendwerk, weil er kein wirklich Guter seiner Gilde ist. Doch da erhebt sogar Erdal Keser, der ehemalige Bundesligaspieler und technischer Direktor beim türkischen Verband Einspruch: "Er hat sehr viel Erfahrung und ist sehr routiniert. Auf ihn ist meist Verlass." Aber nicht immer.

Starke Rückenproblemen, psychische Probleme

Die Kapriolen dieses Keepers spielen sich meist im Strafraum ab, wenn sich der Modellathlet auf Abwege begibt. Nur weil Rüstü ja im Viertelfinale orientierungslos umher irrte, konnte Ivan Klasnic einköpfen. Doch es ging ja alles noch gut aus: Der schwarze Tormann drosch den Ball nach vorne, Semih Sentürk traf 14 Sekunden vor Ultimo. Der Rest ist schon Geschichte. Genau wie seine persönliche Biografie, die jeder in der Türkei kennt: Nach einem Autounfall litt Rüstü unter starken Rückenproblemen und die Fortsetzung seiner Karriere schien gefährdet, denn psychische Probleme blockierten zusätzlich die unabdingbare Konzentration eins Torwarts.

Happyend nach Irrungen und Wirrungen

Denn der Fahrer des Unfallautos, sein bester Freund Levent, kam dabei ums Leben. Heute ist Rüstü mit der damaligen Freundin von Levent, Isil, glücklich verheiratet und stolzer Vater eines Sohnes und einer Tochter. Nach der EM wird Rüstü aus der Nationalelf zurücktreten, das ist lange bekannt. Ein Sieg gegen Deutschland - das wäre eine Art Happyend für eine Karriere voller Irrungen und Wirrungen.


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