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Spanien-Kenner: "Ballermann? Da gehen Spanier nicht hin"

Ciro Krauthausen kennt sich bestens aus in Spanien. Erst Korrespondent der Tageszeitung "El País", ist er seit 2007 Chefredakteur der "Mallorca Zeitung". Im Interview mit stern.de verrät der Journalist, warum viele Spanier Sympathien für Deutschland haben, warum er selbst aber den Iberern im EM-Finale die Daumen drückt.

Herr Krauthausen, für wen wird es auf Mallorca am Sonntag ein Heimspiel, für die Deutschen oder doch für die Spanier?

Von der Begeisterung her, vielleicht sogar für die Deutschen, die hier in den Urlauberhochburgen wie der Playa de Palma sehr stark auf die EM eingeschossen sind. Da gibt es große Public-Viewings, bis zu 12.000 Leute werden erwartet. Das werden ausnahmslos Deutsche sein. Die Spanier verteilen sich eher auf ihre unzähligen Bars. Ohnehin ist noch nicht eine so große Euphorie ausgebrochen wie in Deutschland.

Die Mallorquiner schauen eher auf die Zweitligaaufsteiger Baleares und Ibiza?

Die Spanier haben ein grundsätzliches und historisch begründetes Misstrauen ihrer Mannschaft gegenüber. Es herrscht immer eine Art Defätismus vor, im Sinne von: 'Die packen es sowie so nicht.' Es ist zu oft passiert, dass Spanien trotz guten Spiels und einer gewissen Favoritenrolle nach der Gruppenphase oder dem Viertelfinale ausschied. Das hat sich eingeprägt.

Zum ersten mal seit 24 Jahren aber...

...ist der EM-Titel zum Greifen nah, aber daran, so mein Eindruck, müssen sich die Spanier erst noch selbst dran gewöhnen.

Wenn die Spanier gewinnen, ist für die Deutschen auf Mallorca am Sonntagabend der Ausgang gestrichen?

Keineswegs, das geht hier alles sehr gesittet zu. Zudem kommt hier auf Mallorca spanischer Nationalstolz nicht bei allen gut an. Beim Anblick spanischer Fahnen, auf denen dann womöglich auch noch ein Stier aufgedruckt ist, kommt bei katalanischen und mallorquinischen Nationalisten wenig Freude auf.

Dürfen Sie denn mit der "Mallorca Zeitung" wenigstens die vollmundige Überschrift machen. Von wegen: "Jogi, holt euch den Pott", oder müssen auch Sie vorsichtig sein?

Wir hatten kurz eine Sonderausgabe erwogen, aber das klappt aus technischen Gründen nicht. Deshalb erscheinen wir erst wieder am kommenden Donnerstag. Es hätte gut gepasst, weil die deutsche Elf ja im Vorfeld der EM hier auf der Insel trainiert hat, die Grundlage für den Titel wäre also auf Mallorca gelegt worden.

Wie wird eine deutsche Zeitung auf Mallorca von den Spaniern überhaupt betrachtet?

Mit Sympathie, obwohl die sprachlichen Hürden natürlich hoch sind. Die meisten können ja nicht lesen, was drin steht. Ein großer Teil der Deutschen lebt auf Mallorca in einer Art Parallelgesellschaft, hier einer sehr wohlhabenden, die der von Einwanderern in Deutschland gar nicht so unähnlich ist. Sie haben ihre eigene Infrastruktur, ihre eigenen Ärzte, Bäcker, Rechtsanwälte und Zeitungen.

Gibt es denn das immer wieder kolportierte Misstrauen gegen deutsche Haus- und Grundbesitzer, weil man fürchtet, die Insel gerate in fremde Hände?

Hier und da. Das ist sogar zum Teil verständlich. Mallorca ist eine recht kleine Insel, mit einer bis vor ein paar Jahrzehnten überschaubaren Bevölkerungsgröße, die auch noch eher ärmlich war. Trotz des steigenden Wohlstandes hat der Zustrom kaufkräftiger Ausländer auch zu einer kulturellen Verunsicherung geführt.

Und Ihre Zeitung gibt es, weil es so viele Deutsche gibt?

Offiziell leben rund 33.000 auf den Inseln. Das kann man aber gut verdoppeln, weil nicht alle zum Rathaus gehen und sich anmelden. Diese dann 70.000 deutschsprachigen Residenten, sind oft auf Informationen von uns angewiesen, weil sie häufig nicht ausreichend Spanisch sprechen. Wir erklären ihnen, was auf der Insel los ist. Dazu kommen die bis zu vier Millionen Urlauber, die auf die Insel kommen, das ist ein gewaltiger Markt.

Dann ist Ihre Konkurrenz die deutsche Boulevardzeitung "Bild"?

Wir haben hier auch lokale Konkurrenz. Es gibt eine zweite deutschsprachige Wochenzeitung, das "Mallorca Magazin". Beide Blätter gehören übrigens spanischen Verlagen an.

Nun haben Sie einen für Spanier sehr deutsch klingenden Nachnamen: Wie begegnen Ihnen die Leute, wenn Sie sagen: 'Ich heiße Krauthausen'?

Freundlich. Viele Spanier hegen eine grundsätzliche Sympathie für Deutschland und was es alles seit dem Ende des zweiten Weltkriegs vollbracht hat. Ich darf also sagen, wie ich heiße.

Und die Vergnügungsmeile Ballermann erträgt man eben?

Da gehen Spanier nicht hin. Die wird den Deutschen überlassen. Ich kann Ihnen aber von einer Bekannten berichten, einer Spanierin, die als Reiseleiterin Spanier im Ausland betreut und sagt, wenn Spanier ein Glas zuviel getrunken haben, seien sie auch nicht besser als Deutsche in diesem Zustand.

Wo werden Sie am Sonntag das Spiel anschauen?

Ich werde auf dem Sofa sitzen und meine sechs Wochen alte Tochter Yolanda Josefine auf dem Arm halten. Die braucht mindestens so viel Aufmerksamkeit wie das Endspiel.

Und Ihr Tipp?

Auch auf die Gefahr hin, als Nestbeschmutzer zu gelten: Ich würde Spanien den Sieg gönnen. Es wäre mal an der Zeit für einen Titelgewinn. Betrachtet man die Leistung im Spiel gegen Russland, dann haben die Spanier das auch verdient.

Interview: Oliver Trust

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