Griechenland - Schweden Europameister des Grauens


Für Griechenland sollte das Spiel gegen Schweden der erste Schritt zur Titelverteidigung werden. Es wurde ein Katastrophen-Kick, den die Elf von Otto Rehhagel völlig verdient mit 0:2 verlor. Der Europameister spielte Fußball zum Abgewöhnen. Trainer-Guru "Rehakles" muss jetzt reagieren, aber kann er das auch?
Von Klaus Bellstedt, Salzburg

Als im Salzburger EM-Stadion Wals-Siezenheim die griechische Nationalhymne abgespielt wurde, schien es so, als würde selbst Trainerfuchs Otto Rehhagel auf seine alten Tage noch mal Gefühle zeigen. "König Rehakles" musste ein-, zweimal gehörig schlucken, um dann schnell die Hymne weiter mitzusummen. Vielleicht lag es aber auch an der überwältigen, Gänsehaut erzeugenden Unterstützung durch die "Hellas"-Fans, die trotz numerischer Unterzahl die gelbe Armada aus Schweden rein gesangstechnisch klar in den Schatten stellte. Dann nahm Otto Platz auf der Bank, fast schon majestätisch anmutend. Aber Rehhagel darf das alles. Er ist amtierender Europameister und nicht nur in Griechenland bereits zu seinen Lebzeiten eine Legende.

Was ihm in der Folge von seinem Team auf dem Rasen geboten wurde, dürfte Rehhagel zunächst gar nicht gefallen haben. Es waren die Schweden, die die Anfangsminuten beherrschten: in der Defensive gnadenlos kompromisslos, im Mittelfeld kompakt stehend und vorne mit den beiden Superstars Ibrahimovic und Henrik Larsson permanent rotierend. Einzig Angelos Charisteas, EM-Held von 2004, konnte mit einem schönen Alleingang für ein wenig Gefahr sorgen (7.). Aber sonst?

Die Spieler hörten nicht auf Rehhagel

Überraschungstaktiker Rehhagel, der in der Defensive tatsächlich phasenweise mit fünf (!) Mann auf einer Linie agieren ließ, konnte das viel zu harmlose Spiel seiner Männer nicht gefallen. Und so erhob er sich von der Bank, zupfte seinen Übersetzer vor Aufregung immer wieder heftig am Ärmel und exerzierte in Richtung seiner Schlüsselspieler Kapitän Basinas und Stürmer Charisteas diese merkwürdige Pfeiftechnik mit dem angewinkelten kleinen Finger im Mund. Rehhagel wollte damit Signale setzen, aber seine Spieler wollten ihm einfach nicht gehorchen.

Wobei - vielleicht gab Rehhagel durch die Pfeiferei doch ein Signal. Nämlich das, sich fortan gar nicht mehr über die Mittellinie zu trauen. Die stickige und gewittrige Luft im Stadion schien die eigentlich so Hitze gewohnten Griechen zusätzlich zu lähmen. Lediglich dank des schwedischen Unvermögens stand es zur Pause 0:0 - für Griechenland pures Glück.

Die Griechen lieferten Fußball des Grauens

Und so rannte Otto Rehhagel, an diesem Abend permanent in Alarmbereitschaft, noch vor seinen Spielern in die Kabine. So, als müsse er dort noch schnell etwas vorbereiten, möglicherweise das Anmischen eines Aufwachtranks. Die griechischen Herzblutfans hätten sich nichts sehnlicher gewünscht, allein, es blieb ein kühner Wunsch. Denn wer geglaubt hatte, dass sich das Spiel des Europameisters mit Beginn der zweiten Hälfte und einsetzenden Gewitter-Böen verbessern würde, sah sich getäuscht. Die weißen Mitglieder des eisernen Abwehrbollwerks schoben sich unter dem gellenden Pfeifkonzert der Zuschauer die Kugel immer gemächlicher hin und her. Ein Bild des Grauens.

Es war symptomatisch für das gesamte Spiel der Griechen, dass sich die beste Chance der Partie für sie durch ein Fast-Eigentor von Schwedens Verteidiger Petter Hansson ergab. Dass der Fußballgott schließlich doch noch ein Einsehen mit den schwedischen Fans (und dem neutralen Fußballfreund) hatte, lag dann einzig und allein an der Klasse des Superstars der "Tre Kroners", Zlatan Ibrahimovic. Es war zum Zungeschnalzen, wie der Mann von Inter Mailand, der im Trikot der Schweden seit drei Jahren nicht mehr getroffen hatte, das 1:0 per Vollspannschuss in den linken Torwinkel erzielte (67.). Fünf Minuten später war der Drops endgültig gelutscht, als Hansson mit gütiger Mithilfe von Seitaridis und Keeper Nikopolidis das 2:0 für Schweden markierte.

Uninspirierter Fußball zum Abgewöhnen

HB-Männchen Rehhagel saß da schon lange wieder wie festgewurzelt auf der Bank. Was "König Otto" in den letzten Minuten dieser Partie durch den Kopf gegangen sein muss, kann man nur erahnen. Aussprechen wird er es wohl nie. Dass er sein Europameister-Team bei diesem Auftaktmatch viel zu defensiv eingestellt hat, muss sich Rehhagel in jedem Fall vorwerfen lassen. Mit diesem uninspirierten Fußball zum Abgewöhnen wird Griechenland bei dieser EM jedenfalls nicht mal Blumentöpfe gewinnen. Es wird Zeit für Otto Rehhagel, sich etwas einfallen zu lassen. Höchste Zeit.


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