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Niederlande - Frankreich: Holland wird zum Irrenhaus

Wieder zeigte die niederländische Mannschaft Fußball von einem anderen Stern. Nach Weltmeister Italien fegten die Oranjes auch Vizeweltmeister Frankreich von Platz. Nach anfänglicher Skepsis, wendet sich die Stimmung unter den Fans - ein kollektiver Freudenwahn hat das Land erfasst.

Von Albert Eikenaar

Super. Klasse. Unglaublich. Johan Cruyff, die Fußball-Ikone der Niederländer und jetziger Fußballanalytiker im niederländischen Fernsehen, konnte nur atemlos, einsilbig reagieren, nachdem die Oranje-Mannschaft die französischen Hähnchen im eigenen Fett gar geschmort hatte - so wie es Trainer Marco van Basten vorher prophezeite hatte.

Das Ergebnis 4:1 gegen die Franzosen war für Cruyff einfach nicht zu fassen. In der Pause nach der ersten Halbzeit hatte er die Oranje-Jungs noch gerügt. "Die ersten 10 Minuten spielten sie ausgezeichnet. Dann wurden sie nach dem wunderbaren Tor von Dirk Kuyt aus unerklärlichem Grund ängstlich, nervös, fast kopflos. Plötzlich war der Wurm drin, als ob dieses Team durch das schnelle 1:0 elektrifiziert war. Oranje wurde in der Phase des Spiels von den Franzosen überrollt", so analysierte Johan Cruyff das Geschehen auf dem Feld. Zum Glück blieb die hartnäckige Offensive der "Blauen" erfolglos, weil die Niederländer bei der Verteidigung einen klaren Kopf behielten - und vor allem, weil Torwart Edwin van der Sar vier-, fünfmal hintereinander ein Gegentor verhinderte mit blitzschnellen Reaktionen auf knallharte Schüsse der französischen Schützenkönige. "Dagblad" De Telegraaf: "Was van der Sar leistete, ist fast schon Zauberei".

Mit messerscharfen Attacken Frankreich auseinandergenommen

In der zweiten Hälfte des Spiels wütete der französische Angriffstornado in hohem Tempo weiter, jedoch vergebens. Zwar waren die Niederländer als Team optisch unterlegen, aber die individuelle Qualität, die Fußballintelligenz und Übersicht einzelner Oranjestars gaben den Ausschlag, dass die Konter der Franzosen wirkungslos verpufften. Als die Niederländer nach dem Ansturm mal wieder durchatmen konnten und van Basten mit van Persie und Robben zwei frische Stürmer brachte, war plötzlich der Teufel los im Stade de Suisse. Mit prachtvollen, schnellen, effektiven, messerscharfen Attacken wurde die französische Mannschaft auseinandergenommen, zerrissen. Das führte zwangsläufig zu vernichtenden Toren gegen die Blauhemden. Ein paar Minuten nach seiner Einwechslung schoss Robin van Persie das erlösende 2:0. Der Untergang des Vize-Weltmeisters bahnte sich an.

Aber dann brachte Thierry Henry die Spannung wieder zurück, als die Franzosen mit dem Anschlusstreffer des Torjägers einen Funken der ehemaligen Klasse aufblitzen ließen. Doch ein Unentschieden war nicht mehr drin. Stattdessen schoss Arjen Robben das 3:1 - Frankreich war erledigt. Als die offizielle Spielzeit verstrichen war, knallte Wesley Sneijder in der 92. Minute noch den vierten Treffer voll ins Netz. In diesem Moment waren "Les Bleus" engültig gar. Holland jubelte. Keiner hätte diesen Supererfolg erwartet - auch Johan Cruyff, der große Taktiker, nicht. Van Basten lobte live im niederländischen Fernsehen sein Heldenteam. "Es hat nur das getan, was ich ihnen aufgetragen habe. Nichts besonderes, aber es ist äußerst wichtig, dass die Spieler die Instruktionen der Trainer auch wirklich befolgen. Der Erfolg steckt im Detail, im Wissen, was, wie, wann, so zu tun ist".

Der Senior-Weltstar Cruyff meinte, dass beide Siege beweisen, dass Van Basten mit dem Aufbau des "Nederlands Elftal" auf dem richtigen Weg ist und im richtigen Moment auftrumpft. "Wenn man so kurz nacheinander die Großmeister aus Italien und Frankreich mit insgesamt 7:1 schlagen kann, dann ist man selbst von besonderer Klasse".

EM-Quali mit Ach und Krach überstanden

Dass die Niederlande nach nur zwei Spielen das Viertelfinale erreicht haben und jetzt als Favorit Nummer 1 auf den Titel gehandelt werden, macht Stimmung unter den skeptischen Holländern lockerer. Zwar reisten über Hunderttausend Fans nach Bern, zuhause im Ländle von Frau Antje blieb die Stimmung jedoch gelassen nach dem Motto: "Erst sehen, was passiert, dann glauben".

Die Gründe sind klar: Oranje hatte die Qualifikation zur EM mit Ach und Krach überstanden, aber kein dynamisches Fußballspiel sehen lassen, was die Liebhaber so mögen. "Schönheit vor Ergebnis". Millionen glaubten, dass Van Basten mit seiner Auswahl schon in Bern scheitern würde. Dieser Fatalismus hat der ehemalige Milan-Torjäger Lügen gestraft. Schon nach dem bejubelten 3:0 gegen Italien schlug über Nacht die Stimmung um. Wenn Oranje tatsächlich nach Wien fährt, wird ganz Holland zum orangefarbenen Irrenhaus.

So feierten heute Nacht 58 Senioren in einem Rotterdamer Altersheim. Der jüngste Fan des Festes war 84 Jahre alt, der Älteste 93. Alle waren Oranje-farbig ausstaffiert und bliesen auf einer Trompete aus Papier. Auf dem Klo hatten sie orangefarbenes Toilettenpapier organisiert. Der Aufenthaltsraum war mit bunten Luftballons und knallorgangenen Fähnchen geschmückt. Es herrschte Bombenstimmung bei den grauen Damen und Herren, die auch noch eine Polonaise tanzten. Langsam, Schritt für Schritt. Die Leitund des Hauses sparte an nichts: es gab gratis ein "Borreltje", ein Gläschen Genever, Häppchen und das Hausorchester spielte: Hup Holland Hup.

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