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Schweiz - Türkei: Duell mit hässlicher Vergangenheit

Die Schweizer haben Angst. In Basel droht ihnen ein ganz besonderes "Endspiel" (ab 20.30 Uhr im stern.de-Liveticker). Im Falle einer Niederlage wäre die EM für den Gastgeber nach vier Tagen bereits vorbei. Und es geht ausgerechnet gegen ein Team, mit dem sich die Eidgenossen vor rund 18 Monaten schon mal rumgeschlagen haben.

Von Oliver Trust, Feusisberg

Knapp eine Stunde dauerte die Fahrt der Angst entgegen. Gegen elf am Vormittag rollte der rote Bus den Berg hinunter Richtung Zürichsee, dem großen Ziel Basel entgegen. Die Polizei fuhr der "Nati" mit zwei Fahrzeugen voraus, damit beim wichtigsten Spiel der gesamten Euro heute gegen die Türkei nichts schief geht.

Es ist eine Art Endspiel für die Schweiz, und man fürchtet nichts mehr, als am Abend als gescheiterter Gastgeber dazustehen und für eine EM verspottet zu werden, die nur vier Tage dauerte. Am Sonntag gegen Portugal müsste man dann noch ein Spiel austragen, das keiner mehr braucht. Es wäre ein besonders bitterer Abschied von der Fußballbühne, und man fürchtet einen Stimmungsknick.

Vielleicht ist es ein besonderes Glück, dass man dieses Endspiel im Schweizer "Wohnzimmer" in Basel austragen kann. Trainer Jakob "Köbi" Kuhn wird sich keine besonderen Motivationsmaßnahmen einfallen lassen müssen. Überall in den Zeitungen und in den TV-Programmen wird an das Skandalspiel erinnert.

Man kann zählen, wie man will. "937 Tage nach der Schand-Nacht", schrieb der "Blick". Für das Internetportal "sport.ch" ist das Spiel zwei Jahre, sechs Monate und 25 Tage her - es bleibt ein Ausnahmeerlebnis des Schweizer Fußballs.

Und das nicht nur, weil es um "Alles oder Nichts" geht, wie der bei Leverkusen spielende Tranquillo Barnetta meinte: "Wir haben nicht vergessen, was damals passiert ist. Es war nicht schön damals. Aber egal, was war: Am Mittwoch ist es wie damals in Istanbul ein Spiel um Alles oder Nichts."

Auch die Sicherheitskräfte werden sich besonders darauf vorbereiten. Bilder wie die vom 17. November 2005 soll es diesmal nicht geben. Die Schweiz verlor in Istanbul mit 2:4, hatte sich aber aufgrund eines 2:0 im Hinspiel für die WM qualifiziert, während die Türken ausgeschieden waren.

Hässliche Prügelszenen in Istanbul

Es folgten hässliche Prügelszenen. Der Weltverband Fifa sperrte türkische und auch Schweizer Spieler. Die Türkei aber musste zusätzlich 200.000 Franken Strafe zahlen und sechs Länderspiele auf neutralem Boden austragen.

"Wir mussten um unser Leben laufen", erinnert sich Marco Streller an die Ausraster, die von durchgedrehten türkischen Spielern, Funktionären und Sicherheitsleuten veranstaltet wurden. Stundenlang verbarrikadierten sich die Schweizer, die vorher auch kräftig zurückgeboxt und -getreten hatten, in ihrer Kabine, bis sich draußen vor der Tür die Lage wieder normalisiert hatte.

Die türkischen Medien hatten damals von einer klaren Benachteiligung der Türkei gesprochen und vor allem Fifa-Präsident Sepp Blatter scharf angegriffen, weil dieser Partei für die Schweiz ergriffen habe.

Alex Frei schwingt sich zur Galionsfigur auf

"Keiner hat das vergessen, aber es geht am Mittwoch um etwas anderes", meinte Alex Frei, der Schweizer Kapitän. Nach seiner tragischen Knieverletzung im Eröffnungsspiel und seinem bitteren EM-Aus, bleibt Frei bei seiner Mannschaft und schwingt sich zur Galionsfigur auf.

Am Montag hielt er eine Es-Muss-Ein-Ruck-Durchs-Land-Gehen-Rede in Feusisberg. Umringt von einem Heer von Fotografen humpelte Frei auf Krücken ins Medienzelt. "Wichtig bin nicht ich, wichtig sind drei Punkte."

Frei redete, als habe er gerade einen Intensivkurs bei einem Motivationstrainer mit Auszeichnung abgeschlossen. "Manchmal fällt man im Leben hin. Man kann dann liegen bleiben oder kämpfen und wieder aufstehen. Champions stehen wieder auf", sagte er und machte eine Kunstpause. "Ich werde stark sein wie ein Champion."

Köbi Kuhn muss über seinen Schatten springen

Aber auch schöne Worte können der Schweiz nicht ihren einzigen Stürmer von internationalem Format zurückgeben. Nun wird diskutiert, und es gibt kritische Ratschläge für National-Coach Kuhn. Der müsse endlich über seinen Schatten springen.

Nur wohin der 64-Jährige springen soll, da scheiden sich die Geister. Die einen fordern Hakan Yakin, weil die Türken schon vor dem türkischstämmigen Schweizer warnen. Und andere wollen einen der Jungen im Team sehen. Eren Derdiyok vom FC Basel, den Kuhn schon gegen Tschechien bringen wollte, bevor man ihn zu Yakin drängte, weil Derdiyok dem Stürmer Streller in seiner Spielweise zu ähnlich sei.

"Köbi gehen die Stürmer aus", schrieben die Zeitungen entsetzt. Deshalb soll auch der zweite "Schweizer Türke" helfen, Gökhan Inler von Udinese Calcio. "Unsere Türken werden es richten", schrieb der "Blick".

Wie auch immer der helvetische Aufstellungspoker ausgeht, Alex Frei wird mit dabei sein. Als Zuschauer, aber auch als "gutes Gewissen", das den Rest der Nati zur Not auch an die "Schand-Nacht" von Istanbul erinnert, wenn diese Gedanken in dem frühen Schweizer Endspiel der Euro helfen.

"Wir Spieler haben uns oft darüber unterhalten, weil man sich mit dem Verein in vielen Spielen trifft. Wir haben das verarbeitet, ich weiß allerdings nicht, ob das bei den Fans auch so ist", sagt Yildiray Bastürk vom VfB Stuttgart. Der Spielmacher hat gut reden, er wird das Endspiel in Basel sowieso nur vor dem Fernseher verfolgen. Kurz vor der EM war er aus dem türkischen Kader geflogen.

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