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EM-Tagebuch, Tag 17: Im Würgegriff der Swisscom

Unser EM-Reporter ist endlich in Tenero angekommen. Das Wetter könnte kaum besser sein, nur die Internetverbindung macht Probleme. Aber Gott sei Dank gibt es Bruno, den Mann von der Schweizer Telefongesellschaft. Ein Horror-Bericht.

Von Klaus Bellstedt

Im DFB-Pressezentrum in Tenero gibt es einen Mann von der schweizerischen Telefongesellschaft Swisscom. Er ist der Mann für alle Fälle. Sein Name ist Bruno. Wer als Journalist neu im Tessin ankommt, der wird von ihm in die Geheimnisse von WLAN, Flatrate usw. eingeweiht. Denn eines ist klar: Wer nicht ins Internet kommt, der hat verloren. Weil man seine Texte sonst ja nicht in die Heimat schicken kann. Der freundliche Mensch von der Swisscom kennt jeden hier, und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass er mich als Neuankömmling direkt erspäht und zielsicher ansteuert. "Grüaß di, bischt neu hier? Brauscht sichah Internät?"

Man muss sich die Arbeitsplätze der Journalisten in Tenero etwa so vorstellen: Wie in einem Hühnerkäfig sitzt man eingepfercht mit jeweils etwa 50 Kollegen in nicht-klimatisierten Räumen. Die Räume sind stets überfüllt, ich suche mir in der hintersten Ecke ein Plätzchen, um mich nach meiner Ankunft mit den unmenschlichen Bedingungen vertraut zu machen. Einige Kollegen ächzen und stöhnen wegen Hitze und geistiger Belastung. Nur der nette Mann von der Swisscom lächelt immer, aber das Schlimmste und Peinlichste (für mich): Bruno kann nicht leise sprechen. Er brüllt praktisch auf einen ein. Und das in einem Raum, wo eigentlich hochkonzentriert gearbeitet wird.

Während er mir also alle möglichen Installationen auf meinem Laptop durchführt und mir am Ende natürlich eine monatliche WLAN-Flatrate von 75 Schweizer Franken vertickt, arbeitet er in mächtiger Lautstärke seinen Fragenkatalog ab. Woher ich komme, wie ich heiße (!), für wen ich arbeite, wie ich denn die deutsche Mannschaft so finden würde, wer denn mein Lieblingsspieler sei, das ließe sich jetzt beliebig so fortführen. Genervte Gesichter der Kollegen, wohin ich auch blicke. Völlig zu Recht. Weil es aber auch nichts bringt, den Mann von der Swisscom zu ignorieren - schließlich bin ich ja hochgradig abhängig von ihm - antworte ich auf jede dritte Frage im Flüsterton.

Das macht die Sache allerdings nur noch schlimmer, Bruno spricht nicht nur überdurchschnittlich laut, er hört auch unterdurchschnittlich schlecht. Was natürlich irgendwie zusammengehört und wofür der arme Kerl ja auch nichts kann. Wie gesagt, es macht das Ganze nicht einfacher. Ich versuche klar und deutlich meine Lippen zu bewegen und dabei trotzdem ganz leise zu sprechen. Keine Chance. "Was meinst?, was sagst?" Erste Kollegen verlassen den Raum, andere schütteln den Kopf. Jeder hier im Raum hasst mich jetzt. Aber ich kann jetzt auch nicht böse zu Bruno sein, also gehe ich höflich auf seine Fragen ein und antworte entsprechend lauter. Gleich wird das hier alles eskalieren. Wie lange braucht der Mann noch, um WLAN auf meinem Rechner zu installieren???

Nach weiteren gefühlten 30 Endlosminuten (Netto, ca. 5 Minuten) sitzen noch vier weitere Kollegen, Bruno und ich im Raum. Er nach wie vor unglaublich gut gelaunt, so, dass es einem fast weh tut. Die nicht-vergraulten Journalisten kommen übrigens aus Italien und Spanien, die sind Lautstärke gewohnt, das macht denen gar nichts aus. Das sind meine neuen Freunde. Und Bruno gehört auch dazu. "Kommscht morgen wiedah? Kommscht sichah, oder?"

"Ja, ich muss doch, und jetzt hab ich ja auch Internet, vielen Dank, Bruno." "Ach, Klausi, muscht dich nich bedanke, kommscht morgen wieda und lädscht mich auf einen Cappucino ein, und weil du so nett bischt verkauf ich dir dann noch eine Schweizer Telefonkarte für dein deutsches Händy. Zum Sonderpreis natürlich." Super Einstand hier für mich in Tenero.

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