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Fangesänge: "Musikalische Allesfresser"

Millionen pilgern an den Wochenenden in die Fußballstadien. Um ihrem Verein die Daumen zu drücken? Auch. Noch reizvoller: Es darf gegrölt werden, was das Zeug hält. Jeder Verein hat seine Parolen und zeigt: Wir sind ein Stamm.

Von Andreas Klatt

Die Mannschaft lag früh in Rückstand, hat bis zum Umfallen gekämpft, dann endlich ist es so weit: Mit einem wuchtigen Kopfball versenkt der Mittelstürmer den Ball im Tor, steht auf und klopft sich die weiße Shorts sauber. Von der Tribüne brandet Applaus auf, dann unterbricht der Stadionsprecher in vornehm britischem Akzent: "Quiet please, damit sich die Spieler auf den nächsten Spielzug konzentrieren können." Unvorstellbar, denn kaum ein Sport lebt so sehr vom Mitfiebern der Fans. "Die Fans standen wie ein zwölfter Mann hinter uns", heißt es nachher, wenn die meist männlichen Anhänger wieder einmal ihren Ruf als wortkarge Spezies Lügen gestraft und sich die Kehle aus dem Leib geschrien haben.

FC Bayern hat 53 Lieder im Repertoire

Der Musikwissenschaftler Reinhard Kopiez verbringt seine Samstagnachmittage mit einem großen Aufnahmegerät im Fußballstadion, um dem Geheimnis der Fangesänge auf die Spur zu kommen. Auf die Idee, selbst mal einen Sprechchor anzustimmen, ist er bisher nicht gekommen: "Im besten Fall würde ich belächelt, im schlimmsten gäbe es eine Bierdusche von hinten." Es sei ein oder zwei stimmstarken Fans vorbehalten, sich zum Häuptling der grölenden Masse aufzuschwingen und von einem stampfenden "Ihr könnt nach Hause fahren" zu einem höhnischen "Ihr wollt deutscher Meister sein?" zu wechseln: 53 Lieder hat Kopiez allein im Repertoire der Bayern gezählt, im Schnitt alle 46 Sekunden wird etwas Neues angestimmt.

In Großbritannien wurde einmal der Versuch unternommen, einen Chorleiter in weißem Frack vor die Fans zu stellen - es blieb bei einem Versuch. Und auch die Fan-CDs, mit denen sich die Vereine in ihren Fan-Shops ein Zubrot verdienen wollen, werden unter den Fans allenfalls belächelt. Kopiez hat herausgefunden, dass Fangesänge anders funktionieren: "Die Fans sind musikalische Allesfresser, aber meist singen die Jugendlichen die Lieder aus dem Partykeller ihrer Eltern." Denn mit der Verbreitung von Schallplatten in den 60er Jahren dringen die massentauglichen Hits in alle Ritzen der Gesellschaft, wabern als Ohrwurm durch die Straßen.

Im Jahre 1963 schickt die BBC Fernsehteams in das Stadion von Liverpool. Ein seltsames Phänomen hat sich in den letzten Spielen bemerkbar gemacht: Das Lied "You will never walk alone" wird von einigen Leuten angestimmt, und das gesamte Stadion stimmt ein, als hätte es sich heimlich zur Chorprobe getroffen. "Das Lied hat viele Hitfaktoren", sagt Kopiez. "Es ist langsam, eingängig, hat viele Tonwiederholungen und kann in Endlosschleife gesungen werden." Als bei Tumulten im Stadion Fans ums Leben kommen und Sitzplätze zur Pflicht werden, erlebt die Sangeskultur einen kleinen Rückschlag, von der sie sich aber bald erholt: Die Bewegung springt über auf andere Länder.

Rau und unerfreulich, um Gegner zu erschrecken

Mit der Zeit werden die Fans kreativer: Der Beat bleibt, die Melodie auch, nur ein neuer Text muss her. So wird aus der "Yellow Submarine" der Beatles wahlweise eine Schmähung an den "Karnevalsverein" Köln oder ein Aufruf zum Häuten der bayerischen Lederhosenträger. Zimperlich sind die Sprechchöre meist nicht, so dass Kopiez in Anlehnung an den Evolutionsforscher Charles Darwin argumentiert: "Um Schrecken im Gegner auszulösen, ist eine raue und unerfreuliche Sprechweise erforderlich." Tatsächlich hat es oft den Anschein, dass archaisches Stammesgebären im Fußballstadion ungestraft ausgelebt werden kann: Der Einzelne erlebt sich als Teil einer großen Masse - er darf alles, wofür er am Arbeitsplatz schräge Blicke ernten würde, muss nichts unterdrücken: grölen, schreien, drohen.

Doch auch von seiner zarten Seite darf sich der Mann auf dem Fußballplatz zeigen: Spannt er zu Spielbeginn seinen Schal auf und stimmt die Liebesode an seinen Verein an, könnte ein Außenstehender meinen, Zeuge eines religiösen Rituals zu werden.

Allerdings hat Kopiez Unterschiede beobachtet: Während der Weltmeisterschaft scharten sich in der Regel Gelegenheits-Fans in den Stadien, denen es vor allem um das Repräsentieren gehe - einen Fanclub FC Deutschland gibt es erst seit diesem Jahr. Auf dem Platz kamen die Gesänge daher über ein dröges "Deutschland, Deutschland" meist nicht hinaus. Auch bei den anderen Teams wartete Kopiez vergeblich auf kreative Geistesblitze.

Anders in Gelsenkirchen - hier ist der Fußball wirklich zu einer Religion aufgestiegen: Aufgewachsen in Schalke-Windeln, Heirat vor dem Stadionaltar, Beerdigung im Sarg mit 04-Emblem. Keine Frage, dass für ein wahrhaft aufrichtiges Leben die Stimmbänder mit Fangesängen zu beweihräuchern sind.

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