HOME

FC Bayern München: Die 100-Tage-Revolution

Taktische Finessen und modernste Analytik - Jürgen Klinsmann wollte die Bayern umkrempeln. Nach etwas mehr als 100 Tagen ist klar: Die Revolution ist verpufft, der "Trainer-Guru" bedient sich nun der alten Methoden seines Vorgängers. Am Dienstag gegen Florenz (ab 20.45 Uhr im stern.de-Liveticker) sollen diese fruchten.

Von Jens Fischer, München

Fußball ist bekanntlich ja ganz nah dran am Leben. Nicht umsonst lieben die Menschen dieses Spiel mit dem runden Leder. Da wird gezittert, gebangt und gehofft - und am Ende gejubelt, gefeiert und getrunken. Beim Fußball weiß man eben nie, was kommt. Das lieben die Fans an ihrem Sport, denn auch sie sind sich im Leben so mancher Sache nicht ganz sicher. Deshalb kommt es auch immer wieder vor, dass sogar hochdotierte und erfahrene Profis einige Zeit brauchen, um für sich selbst und die eigene Mannschaft das Beste herauszufiltern. So auch Jürgen Klinsmann.

Etwas über 100 Tage ist Klinsmann jetzt im Amt. Eine Zeitspanne, in der er so manchem Beobachter vorkam wie ein kleiner Zauberer, dessen unausgereifte Zaubersprüche mehr Chaos als gewünscht verursachen. Klinsmann benutzte die 100 Tage vorrangig, um zu experimentieren. Er verschob Spieler vom Feld auf die Bank und zurück, wirbelte Taktikformationen durcheinander und verstand sich gut darin, wichtige Spieler wie Mark van Bommel oder Lukas Podolski in schlechte Laune zu versetzen. Der Zauberlehrling Klinsmann war sehr neu im harten Alltag Vereinsfußball - und seine Formeln verpufften allzu oft in Schall und Rauch.

Der erzwungene Sieg

Jetzt aber scheint Klinsmann seinen Weg gefunden zu haben. Schluss mit der Zauberei, mit Altbewährtem soll es nach vorne gehen. Dementsprechend zuversichtlich saß er dann auch bei der abschließenden Pressekonferenz der Bayern vor dem wichtigen Champions-League-Heimspiel gegen die starken Italiener vom AC Florenz. "Der Mannschaft hat der Auswärtssieg gut getan, damit man mit breiter Brust in der Champions League auftreten kann", erklärte er den versammelten Journalisten.

"Wir haben den Sieg erzwungen, über Kampf und Laufbereitschaft, so wie es sein muss", meinte Bastian Schweinsteiger, mittlerweile heimlicher Bayern-Chef auf dem Platz, nach dem am Ende glücklichen Sieg in Karlsruhe. Eine Aussage, die für Aufsehen sorgte, kam von Kapitän Mark von Bommel, in Karlsruhe endlich mal wieder über 90 Minuten aktiv: "Diese Taktik ist die beste, die wir mit dieser Mannschaft spielen können" - und meinte damit das 4-4-2, ein System, das Klinsmann-Vorgänger Ottmar Hitzfeld in München perfektioniert hatte.

Spieler gnadenlos strakreden

Klinsmann greift jetzt darauf zurück und vertraut so einer alten Erfolgsformel. Alle seine Maßnahmen (Dreierkette, Rotation, Spielerverbannungen) in den vergangenen Monaten, interpretiert er jetzt, hätten nur einem Zweck gedient: Jeden Spieler im Kader noch ein bisschen besser machen, um so den "Druck von der Bank" auf die etablierten Kräfte zu erhöhen. Klinsmann macht jetzt Schluss mit Revolution, denn auch er weiß: Was er jetzt dringender denn je braucht, sind Erfolge. Und das klappt momentan mit den eingespielten Mechanismen der Vorsaison scheinbar immer noch am besten.

Sollte Torjäger Luca Toni - den Ex-Florentiner plagt nach wie vor eine schmerzhafte Rippenprellung - bis Florenz fit werden, werden gegen die Italiener wohl wieder die elf Mann auflaufen, die in Karlsruhe den bayerischen Supergau in letzter Minute verhindert haben. Klinsmann setzt auf eine eingespielte Stammformation und redet deshalb auch die Spieler stark, die er für dieses Vorhaben so dringend benötigt.

Fiorentina in bestechender Form

Wie zum Beispiel Mark von Bommel. "Wenn er so spielt, ist er gesetzt", bewertete Klinsmann die Leistung seines umstrittenen Kapitäns nach dem Karlsruhe-Spiel. So grandios war die Leistung des Holländers nicht, aber die Maxime ist klar: Es muss jetzt Schluss sein mit dem Verbal-Scharmützel, mit den endlosen Diskussionen über Taktik und Torwart - die Mannschaft soll sich endlich finden und da ist jedes Mittel recht. Und wenn es das Zurückbesinnen ist auf Qualitäten, die in der Post-Ära Hitzfeld eigentlich nichts mehr verloren hatten. Selbst die Hotel-Nächte vor wichtigen Spielen hat Klinsmann wieder eingeführt.

Aber wie im richtigen Leben: Der Zweck heiligt die Mittel. Gewinnen heißt die Devise, ob modern oder altmodisch, ist egal. Das soll nun der AC Florenz zu spüren bekommen. Leicht wird es nicht: Schließlich hat der Gegner mit den beiden Star-Stürmern Adrian Mutu und Alberto Gilardino in der heimischen Serie A gerade erst Reggina Calcio mit 3:0 vom Platz gefegt. Und auch in der Chamions League hatte Florenz mit zwei Remis, unter anderem bei Olympique Lyon, einen respektablen Start.

Kein leichter Gegner also, der da auf die Bayern wartet. Aber vielleicht wirft Klinsmann noch einmal einen Blick auf die alten Hitzfeld'schen Taktiktafeln. Denn auf dessen Ideen scheint er nun ja bauen zu wollen, der Ex-Revolutionär.

Wissenscommunity