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FC Bayern München: Die Krise wird verbal gelöst

Der Patient kränkelt weiter. Nach dem mageren Remis gegen Lyon sind die Bayern ratlos. Zu eindeutig waren spielerische Mängel und fehlende Abstimmung. Eine Klasse-Leistung zeigten lediglich Trainer und Manager: Nach Abpfiff überboten sich beide in Lobeshymnen - und hinterließen staunende Gesichter.

Von Jens Fischer, München

Die schönste Szene an diesem Champions-League-Abend in der Münchner Allianz-Arena ereignete sich weit nach dem Schlusspfiff. Da stand Franck Ribéry zu später Stunde vor dem Mannschaftsbus des Gegners Olympique Lyon und war endlich richtig glücklich. Inmitten seiner französischen Freunde und Kollegen blühte er auf, herzte und umarmte seine Kumpels und hatte in diesem Moment das Spiel wohl schon verdrängt. Jetzt ging es dem kleinen Zauberer mal wieder richtig gut. Zumindest bedeutend besser als in den 82 Minuten zuvor, in denen er zumeist vergeblich versuchte, dem zähen Spiel seiner Bayern einen Hauch von Raffinesse zu verpassen.

Es gelang ihm nicht. Am Ende reichte es für die Bayern gegen den solide agierenden französischen Serienmeister nur zu einem mageren 1:1-Unentschieden. Ein Punkt nur in einer Partie, die von vielen im Vorfeld schon als Schicksalsspiel des Jürgen Klinsmann tituliert worden war. Dass es am Ende für die Bayern nur zu diesem Pünktchen langte, lag in erster Linie mal wieder an der mangelnden Kreativität. Die Bayern gaben sich Mühe, keine Frage. Sie wollten sich an diesem Abend aus der Krise schießen. Gelungen ist es ihnen nicht. Zwar hatten sie sich im Laufe der Begegnung einige Torchancen herausgearbeitet, für drei Punkte hat es dennoch nicht gereicht.

Wo ist das Selbstvertrauen?

Die Gründe liegen auf der Hand: Wenig spielerische Qualität im Mittelfeld, zwei Stürmer in der Formkrise und das Schlimmste: ein großes Defizit an Selbstvertrauen. Leider muss man sagen: Die stärkste Leistung zeigten die Bayern in der anschließenden Spiel-Bewertung. "Nach dem unglücklichen Rückstand hat meine Mannschaft einfach hervorragend reagiert. Das war sehr beeindruckend", sprach Trainer Jürgen Klinsmann in die Mikrofone. "Wir hatten genug Torchancen, um das Spiel zu entscheiden, und sind jetzt letztlich dennoch sehr stark in die Champions League gestartet."

Die nackten Zahlen geben Klinsmann Recht. Vier Punkte nach zwei Spielen, Platz eins in der Tabelle, folglich beste Chancen auf das Erreichen des Achtelfinales. Aber: Betrachtet man die Leistung der Bayern an diesem Abend mit etwas mehr Abstand als ihr Trainer, sind nach wie vor erschreckende Defizite zu erkennen. Vom sogenannten "inneren Zusammenhalt" ist weiterhin nichts zu spüren. Der aktuellen Bayern-Mannschaft fehlt es an Struktur, an Selbstsicherheit und dem nötigen Mut. Das einst so stark machende "Mir-san-mir"-Gefühl war speziell in der der ersten Halbzeit mal wieder dem Bewusstsein gewichen, nicht genau zu wissen, wie Klinsmanns moderner Fußball eigentlich funktionieren soll.

Dass diese für das Bayern-Wohlbefinden so wichtige Champions-League-Partie gegen Lyon letztlich nicht im Stimmungs-Gau endete, war nur einer veränderten kämpferischen Einstellung der Spieler in der zweiten Halbzeit zu verdanken. Spielerisch liegt bei den Bayern weiterhin einiges im Argen, auch wenn dies Manager Uli Hoeneß im anschließenden Gespräch ganz anders sah: "Das war heute ein sehr schöner Abend, den wir genießen sollten", erklärte er den leicht verdutzten Journalisten. "Ich bin sehr zufrieden, wie die Mannschaft zurückgekommen ist. Uns fehlt einfach nur das Glück, auch einmal ein leichtes Tor zu machen."

Kapitän van Bommel wieder nur auf der Bank

Auch eine Form von Krisenbewältigung. Natürlich hätten die Bayern das Spiel gewinnen können, aber die Probleme waren dennoch unübersehbar. Impulse aus dem Mittelfeld waren viel zu selten, und gerade das "schöne Spiel", welches Klinsmann nach München bringen sollte, bleibt auch weiterhin ein Luftschloss. Nach zehn Pflichtspielen unter seiner Regie hat es Klinsmann nicht geschafft, den Bayern ausreichende Stabilität zu verleihen. Diesmal verfrachtete er Martin Demichelis ins defensive Mittelfeld und bugsierte den jungen Brasilianer Breno in die Abwehr. Kapitän Mark van Bommel saß wutentbrannt wieder auf der Bank. Maßnahmen, die vor dem Spiel so manchen Beobachter nur noch milde lächeln ließen.

Die Fragen bleiben immer die gleichen: Was genau bezweckt Klinsmann mit seinen taktischen Zaubertricks, wie genau stellt er sich das Spiel der Bayern eigentlich vor? Warum stärkt er seinem Kapitän den Rücken, um ihn anschließend auf die Bank zu setzen? Und warum bekommt ein Spieler wie das angebliche "Jahrhundert-Talent" Toni Kroos keine Chance, dem maladen Bayern-Spiel einen Hauch von Esprit zu verleihen?

Antworten auf diese Fragen bietet der Trainer bislang nicht. Nach Lyon lieferte sie dafür Hoeneß und stellte sich schützend vor den Trainer: "Es ist einfach lächerlich, wie die Medien mit der Kapitäns-Frage umgehen", zürnte er in der "Mixed Zone". Es gäbe drei Kapitäne, van Bommels Wertschätzung sei nach wie vor sehr hoch, und die Diskussion wäre einfach lächerlich, so Hoeneß. Lukas Podolski auf der Bank? Hoeneß Kommentar: "Zurecht."

Das Ziel der Bayern-Bosse: Klinsmann schützen

Das Ziel der Bayern Bosse scheint klar: Jürgen Klinsmann schützen. Mit allen Mitteln. Der "Magier aus Schwaben" hat weiter einen schweren Weg vor sich, denn die Widerstände gegen seine Innovations-Arbeit sind groß. Sowohl im Umfeld, als auch bei den Spielern. Wie stern.de aus Frankreich erfuhr, hatte Franck Ribéry erst vor kurzem einen Termin bei Uli Hoeneß. Thema: das harte Training unter Klinsmann. Er sei müde und Yoga sowie Gymnastikbänder würden ihn nicht weiterbringen.

Nur eine Episode, die verdeutlicht: Auf Jürgen Klinsmann warten schwere Zeiten. Nur schützende Worte werden dann nicht reichen.

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