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Alles für Pep Das gefährliche Spiel des FC Bayern


Seltsame Saisonplanung beim deutschen Rekordmeister: Keiner kämpft um Bastian Schweinsteiger, während Pep Guardiola machen darf, was er will. Die Verehrung für den Trainer mutet fast ein bisschen peinlich an.
Ein Kommentar von Tim Sohr

Karl-Heinz Rummenigge hat sich verraten, als er zum Interesse von Manchester United an Bastian Schweinsteiger erzählte: "Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich bei dem Telefonat (mit Schweinsteiger - Anm. d. Red.) herausgehört habe, dass es ihm schon schmeichelt, dass da eben aus England gewisses Interesse an ihm da ist."

Wie bitte? Ist der 30-jährige Schweinsteiger - Weltmeister und Vereinsikone aus der eigenen Jugend - den Bayern wirklich schon so egal? Denn eines ist klar: Nie, nie, nie im Leben würde sich ein Verantwortlicher des FC Bayern so weichgespült zum Interesse eines europäischen Konkurrenten an einem Münchener Leistungsträger äußern - wenn sie ihn nicht ohnehin aus dem Kader komplimentieren wollen. Rummenigge ist schlau: Er stellt es so dar, als würden er und der Verein Schweinsteiger einen Herzenswunsch erfüllen, wenn sie ihn auf die Insel ziehen lassen. Dass sie sich damit auf einigermaßen elegante Weise einer zum Problem gewordenen Personalie entledigen, bleibt freilich unausgesprochen.

Die Bayern werfen sich Guardiola vor die Füße

Die Posse um Schweinsteiger ist längst zum Symbol für die riskante Saisonplanung beim deutschen Rekordmeister geworden. Alles, wirklich alles, richtet sich nach Pep Guardiola - jenem Trainer, der noch knapp ein Jahr unter Vertrag steht und ein Bekenntnis über diesen Zeitraum hinaus bisher eiskalt vermieden hat. Um ihn zu halten, wirft sich der Verein dem Katalanen quasi vor die Füße: Guardiola wünscht sich Douglas Costa aus Donezk für die Außenbahnen - er kriegt ihn. Die Bayern statten ihn gleich mit einem Fünfjahresvertrag aus. Und blättern mal eben so 30 Millionen Euro hin. Nanu?

Genau: Der Vertrag des 24-jährigen Brasilianers ist vier Jahre länger gültig als der von Guardiola. So läuft es schon seit dessen Amtsbeginn an der Säbener Straße: Nervös und aufgeregt wie Teenager scharwenzeln die Bayern-Macher um den Trainer ihrer Träume herum. Zum Beispiel bei der Verpflichtung des so begnadeten wie verletzungsanfälligen Thiago Alcántara: "Ich will Thiago und sonst nichts", sagte Guardiola seinerzeit wie ein bockiges Kind. Natürlich bekam er seinen Willen. Wie seither stets und ständig.

Der neutrale Beobachter - und der Bayern-Fan erst recht - muss sich doch sehr wundern: Was ist nur passiert mit dem Münchener Selbstverständnis, dass der Verein viel größer sei als einzelne Personen? Die Unabhängigkeit, das "Mia san mia" - alles weg? Nicht einmal in Dortmund, wo die Heldenverehrung für Jürgen Klopp noch ungleich gerechtfertigter schien, waren die Verantwortlichen so ver-, äh, geblendet von der Strahlkraft ihres Trainers. Vor allem Karl-Heinz Rummenigge macht eine unfreiwillig komische Figur, wenn er von Guardiola, dem Genie und Glücksfall, schwärmt - es ist eine Hingabe, die beinahe peinlich berührt. Guardiola wird von den Bayern bisweilen mit einer kuhäugigen Bewunderung hofiert wie früher die Hollywood-Stars bei "Wetten, dass ..?".

Mit diesem Kader könnte auch Peter Neururer Meister werden

Das Problem: Sportlich hat er in zwei Jahren vor allem zwei krachende Pleiten im Champions-League-Halbfinale zu verantworten. Schlimmer noch: Sein Team starb in Schönheit, für Münchener Standards das Unding schlechthin. Sicher, Guardiola hat die Bayern auch zu zwei souveränen Meistertiteln geführt - aber das würde sich mit diesem Kader sogar Peter Neururer zutrauen, wie er kürzlich in einem Interview mit dem "kicker" andeutete.

Die nächsten Jahre werden aufgrund des altersbedingten Umbruchs des Kaders ohnehin eine Herausforderung. Es ist also ein gefährliches Spiel der Bayern, in diesen Zeiten alles auf Pep zu setzen. Und sollte er ein drittes Jahr in Folge international in Schönheit sterben, sollte er nach der Saison 2015/16 nicht mehr Trainer des FC Bayern sein - dann hätten Rummenigge und seine Führungskollegen dieses Spiel verloren.


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