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Finalstimmung in München: Eine Stadt im Freudentaumel

Der Sieg des FC Bayern im Champions-League-Finale verwandelt München in ein euphorisiertes Tollhaus. Zehntausende tanzen ausgelassen auf den Straßen - doch zuvor müssen sie zittern.

Von Dominik Hechler, München

Es ist 22:28 Uhr, als ganz München zu einem Tollhaus wird. Arjen Robben verwandelt die bayerische Landeshauptstadt mit seinem 2:1-Siegtreffer gegen Borussia Dortmund in einen Hort der guten Laune. Auf der Leopoldstraße, wo die Anhänger des deutschen Rekordmeisters schon so viele Triumphe gefeiert haben, explodiert die Stimmung. Tausende springen auf, umarmen sich, weinen und brüllen ihre Freude über den so lange ersehnten Titelgewinn heraus. "Jaaaaaaaaaa!" hallt es aus sämtlichen Kehlen. Der Gassenhauer "So seh'n Sieger aus" wummert aus den Boxen. Ekstase pur.

Der Jubel ist für die Fans des FC Bayern wie eine Befreiung. Es müssen ganze Geröllmassen sein, die ihnen in genau diesem Augenblick vom Herzen fallen. Champions League-Sieger! Endlich. Das vergeigte "Finale dahoam" aus dem vergangenen Jahr? Vergessen. Ab sofort ist nur noch Party angesagt. In nur kürzester Zeit wird die Leopoldstraße zur großen Feiermeile - Feuerwerk und Bengalos inklusive. Menschen klettern vor lauter Freude auf Ampeln, Bäume, Verkehrsschilder, einfach alles, was ihnen gerade so in den Weg kommt. Das Adrenalin muss einfach raus.

"Das war heute erst der Anfang"

"Das ist so geiiiiiil", schreit Bernie, während er breit grinsend am Straßenrand das bunte Treiben auf der Leopoldstraße beobachtete. "Aber ich sage euch allen eines: Das war heute erst der Anfang. Jetzt kommen ja noch Mario Götze und Pep Guardiola nach München - das wird ein Wahnsinn." Sein Kumpel Holger ist da etwas zurückhaltender, kann sein Glück noch gar nicht fassen. "Das ist wirklich die Krönung. Ich komme eigentlich aus Herdecke, das liegt nur wenige Kilometer von Dortmund entfernt, aber als Bayern-Fan bin ich heute extra 530 Kilometer angereist, um das hier miterleben zu können. Gott sei Dank ist auch alles gut gegangen und wir haben tatsächlich gewonnen", sagt er, während immer größere Menschenmassen in Richtung Leopoldstraße pilgern - und dabei ausgelassen singen, tanzen und grölen. Ganz oben auf der Hitliste: "FC Bayern, Stern des Südens". Aber auch das allseits beliebte "Humba tätäräää" wird immer wieder lautstark angestimmt.

Gegen Mitternacht platzt die Leopoldstraße aus allen Nähten. Fast 150.000 Fans feiern auf der Meile - von den unzähligen Autokorsos rund um die Leopoldstraße ganz zu schweigen. Im Münchner Stadtteil Schwabing geht nichts mehr. Es herrscht Ausnahmezustand. Die Polizei sperrt das Gebiet weiträumig ab, damit die Bayern-Fans, diese vibrierende Masse, in aller Ruhe feiern können. Und das machte sie. Ausführlich.

"Es ist einfach ein geiles Gefühl, nach 2001 endlich mal wieder Champions League-Sieger zu sein. Ich bin super glücklich, es war ein grandioser Sieg", sagt Carsten und ergänzt: "Jetzt wird natürlich noch ordentlich gefeiert, die Nacht zum Tag gemacht. Ich weiß zwar noch nicht genau wo und wie, aber es wird sich schon was finden." Ganz sicher sogar. Vielleicht auf dem Marienplatz, wo ebenfalls Tausende Fans ihrer Freude freien Lauf lassen und den Platz vor dem Münchner Rathaus in einen überdimensionalen Bayern-Fanblock verwandeln. Eine komplette Stadt im grenzenlosen, roten Freudentaumel.

Robben, der Erlöser

Vor dem großen Jubel müssen die Bayern-Fans allerdings mächtig zittern, hoffen und bangen. Nicht nur auf der Leopoldstraße, auch unter den 45.000 Fans in der Allianz Arena und den 30.000 Anhängern auf der Theresienwiese geht zwischenzeitlich die Angst um. "Nicht schon wieder, das gibt’s doch nicht", schreit einer, als Ilkay Gündogan per Elfmeter zum zwischenzeitlichen Ausgleich trifft. Erinnerungen an das verkorkste "Finale dahoam" werden bei vielen wieder wach. Fassungslosigkeit - doch dann kommt Robben, der Erlöser.

"Wir haben den Titelgewinn jetzt einfach verdient", sagt Max im Brustton der Überzeugung, während er den Philipp-Lahm-Schal akkurat um seinen Hals legt. Zweifel am Sieg? "Nee, hatte ich nie!" Natürlich nicht. Das würde ein echter, ein eingefleischter Bayern-Fan auch nie und nimmer zugeben. Das würde ja auch gegen den Kodex verstoßen. "Mia san mia", ist doch klar. Und: Mia san jetzt endlich dran. So jedenfalls die einhellige Meinung schon vor dem Anpfiff. "Wir haben es uns nach zwei verlorenen Finals in den vergangenen drei Jahren jetzt wirklich verdient, den Henkelpott nach München zu holen", sagt Sebastian, der mit seinem Kumpel Daniel extra aus der Pfalz angereist ist, um die Stimmung in München mitzuerleben. "Ich denke, es wird ein packendes Spiel, mit dem besseren Ende für uns", prophezeit er kurz vor dem Anstoß. Er sollte Recht behalten.

Von Dominik Hechler, München

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