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Formel 1 in Shanghai: Vettels Zorn über den Reifenpoker ist berechtigt

Sebastian Vettel war nach seinem vierten Platz in Shanghai frustriert - und kritisierte die Pirelli-Reifen scharf. Der Poker mit den Pneus sei wichtiger als das Rennfahren. Vettel hat recht.

Ein Kommentar von Tim Schulze

Der dreifache Weltmeister war nach dem China-Grand-Prix angefressen. Ein vierter Platz, knapp das Podium verpasst - für Sebastian Vettel lief das Rennwochenende in Shanghai eher mäßig. Im Qualifying hatte er sich verbremst und war nur auf dem neunten Startplatz gelandet. Dann setzte er im Reifenpoker alles auf eine Karte - und verzockte sich. Am Ende des Rennens lieferte er zwar eine beeindruckende Aufholjagd auf Lewis Hamilton, verpasste aber den dritten Platz um Haaresbreite. Immerhin verteidigte er die WM-Führung.

"Es hat im Moment nicht viel mit Rennfahren zu tun, wenn man das ganze Rennen nur auf die Reifen auslegt", murrte Vettel und legte nach: "Der Speed ist ja da. Aber man kann nicht so schnell fahren, wie es das Auto zulässt, weil die Reifen auseinanderfallen."

Kaum echte Duelle auf der Piste

Was Vettel genau meint, war beim Großen Preis von China besonders deutlich zu beobachten. Es gab zwar viele Überholmanöver, doch in den wenigsten wurde hart gekämpft - Duelle auf Augenhöhe gab es kaum. Vettel ließ den späteren Sieger Fernando Alonso gleich zwei Mal ohne Gegenwehr passieren, weil der Ferrari-Pilot auf seinen frischen Reifen viel schneller unterwegs war. Vettel lag zu diesem Zeitpunkt in Führung. Wer den Red-Bull-Piloten kennt, weiß, wie sehr ihn das gewurmt hat, keine Gegenwehr leisten zu können.

Dass fahrerisches Können und knallharte Duelle im Moment kaum eine Rolle spielen, liegt an den Pirelli-Reifen. Die italienische Firma liefert Pneus, die derart empfindlich sind, dass der Umgang mit den hochsensiblen Gummimischungen zur wichtigsten Disziplin in der Formel 1 geworden ist. Die weichen Reifen hielten in Shanghai ganze vier bis fünf Runden.

Stoppstrategie, Speed, Fahrstil, Fahrzeugeinstellung - alles dreht sich um das schwarze Runde. Die Reifen wechseln je nach Temperatur und Witterungsbedingungen ihre Eigenschaften schneller als eine launische Diva ihre Stimmungen. Die Teams belauern sich gegenseitig. Wer fährt wann an die Box, um sich frische Reifen zu holen? Muss der Fahrer das Tempo drosseln, um die Reifen zu schonen? Die Abhängigkeit von den Reifen verhindert, spontan auf Attacken zu reagieren: Es nützt eh nichts, weil die Reifen nicht mitmachen.

Es sollen stabilere Reifen kommen

Formel-1-Boss Bernie Ecclestone hatte vor zwei Jahren von Pirelli gefordert, die Rennen spannender zu machen. Und nebenbei wollte er die Dominanz von Red Bull eindämmen. Den Auftrag haben die Italiener erfüllt. Doch aktuell schießt Pirelli mit seinen Gummimischungen über das Ziel hinaus. Es wird Zeit, stabilere Reifen zu liefern.

Bislang wurde die Kritik offiziell zurückgewiesen. Doch es gibt Hoffnung. RTL-Experte Niki Lauda verriet, dass zum Europa-Auftakt in Barcelona Mitte Mai bessere Reifen zur Verfügung gestellt werden. Beim Wüsten-Grand-Prix in einer Woche in Bahrain müssen Fahrer und Teams noch einmal pokern, was das Zeug hält.

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