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Pro und Contra zur Frauenfußball-WM: Sommermärchen oder Schauergeschichte?

Frauenfußball? Soll man den überhaupt gucken? Nein, sagt stern.de-Redakteurin Ulrike Klode. Er ist öde, es kommt kaum Stimmung auf. Doch, sagt Kollege Niels Kruse. Denn Deutschland ist Fußballland.

Fußball ist patriotische Pflicht

Wer sich als Mann zum Verteidiger von Frauensportarten aufschwingt, kann eigentlich nur verlieren: Entweder er landet in der Ecke der Weicheier, die die (unnötige) Emanzipation forcieren. Oder in der frivoler Herren, die sich nur auf den Damenjubel mit hochgezogenen Trikots freuen. Aber vielleicht gibt es noch eine dritte Ecke. Die in etwa so aussehen könnte: Jawohl, kickende Frauen sind ansehnlich. Und, ja, Frauenfußball ist auch ein Zeichen von Gleichberechtigung. Vor allem aber: Frauenfußball ist Fußball. Und Deutschland ist ein Fußballland. Warum sollte das Interesse am Volkssport Nummer eins plötzlich erlöschen, nur weil statt Bastian Schweinsteiger Fatmire Bajramaj gegen den Ball tritt?

Es stimmt schon, dass Frauen behäbiger auftreten, weniger zweikampflustig sind und ihr Spiel insgesamt nicht auf dem Niveau der Herren stattfindet. Doch gilt das nicht genauso für Spiele unterhalb der Profiligen? Und doch tummeln sich auf den Plätzen der Bezirks- und Kreisligen, ja selbst bei den Teams der D- und F-Jugend, bundesweit jedes Wochenende Tausende und Abertausende von Zuschauern. Warum? Vielleicht, weil dort ihre Kumpels und Kinder kicken. Vielleicht, weil sie nichts Besseres zu tun haben. Aber ganz sicher, weil sie schlicht den Sport mögen.

Große Massen, große Anziehungskraft

Fußball lebt in diesem Land von den Massen, wird von ihnen getragen und ist erst dadurch erfolgreich. Gut, erfolgreich sind auch Dressurreiten, Bobfahren und Hockey. Aber es sind Randsportarten, die nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Fußball dagegen: Anhänger, Nachwuchs, Leute, die bereit sind, ihre Freizeit als Trainer, Betreuer und Spieler zu opfern, sie gibt es zuhauf - große Massen haben große Anziehungskraft.

Als die Herren-Nationalmannschaft bei der WM 2006 ein ums andere Spiel begeisternd gewann, wurde das Sommermärchen geboren. Für die meisten Menschen war es eine riesige, vierwöchige Party. Auch deswegen, weil alle mitmachten, selbst diejenigen, die sonst nichts mit dem Sport am Hut haben. Also Frauen. Einfach, weil Deutschland den Fußball gelebt hat: fröhlich, offenherzig, bunt.

Die DFB-Damen werden sicher nicht die gleiche Euphorie auslösen, aber sie verdienen unsere Unterstützung. Auch um des Sports willen. Oder pathetisch ausgedrückt: Frauenfußballgucken ist patriotische Pflicht. Abgesehen davon: Wann hat ein DFB-Team das letzte Mal Holland 5:0 deklassiert? Und im Gegensatz zu den Herren haben die Damen wirklich das Zeug dazu, wieder Weltmeister zu werden.

Was zählt, ist auf'm Platz

Weil ich eine Frau bin, muss ich Frauenfußball gut finden? Jungs, was ist denn das für ein Blödsinn! Ja, natürlich bin ich solidarisch mit dem eigenen Geschlecht. Aber das heißt nicht notwendigerweise, dass ich Frauenfußball mag. Ich finde es selbstverständlich, dass Frauen Fußball spielen - dass es eine Profiliga gibt, dass es internationale Wettbewerbe gibt. Wer das betont, hat nicht verstanden, was es bedeutet, in einer (fast) gleichberechtigten, aufgeklärten Gesellschaft zu leben. Wer Frauenfußball gut findet, weil er meint, damit die gute Sache der Frauen zu unterstützen, hat sich im Jahrzehnt geirrt.

Heute, im Jahr 2011, sind solche gesellschaftspolitischen Gründe auf dem Platz völlig fehl am Platz. Es geht um den Sport. Und da gefällt mir das, was die Männer abliefern, einfach besser. Schnelles, wunderbares Passspiel. Mitreißender Kampf um den Ball. Gewitzte Kombinationen auf technisch hohem Niveau, die bei mir Jubelstürme hervorrufen. Was für eine Eingespieltheit, was für eine Abgestimmtheit. Wenn ich ein Spiel von Jogis Jungs anschaue, ist das fast immer pures Vergnügen. Und bei Silvias Mädels? Fehlt mir das Tempo, der Einfallsreichtum. Die Technik ist holprig, Zweikämpfe muss man mit der Lupe suchen, Schüsse wirken bedächtig.

Wo bleibt die Stimmung?

Und: Wo ist die Stimmung? Wenn ich im Dortmunder Westfalenstadion den BVB spielen sehe, ist die Bude voll und die Atmosphäre selbst dann mitreißend, wenn die Jungs - ausnahmsweise - nicht gut spielen. Sind die Borussen auf dem Rasen besonders gut, steigt die Stimmung ins Unermessliche. Bei den Frauenclubs dagegen? Gähnende Leere auf den oberen Ränge, der Jubel von den wenigen besetzten Plätzen verliert sich geradezu im Stadion.

Natürlich werde ich mir die Spiele der Deutschen bei der Frauenfußball-WM angucken, natürlich werde ich mich mit den Mädels freuen. Aber ich werde nicht begeistert sein.

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