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FUSSBALL: »Mich kann nichts mehr schrecken«

Vom ewigen Talent zur Leitfigur: Dortmunds Lars Ricken sagt, warum er Fußball endlich wieder genießen kann.

Vom ewigen Talent zur Leitfigur: Dortmunds Lars Ricken sagt, warum er Fußball endlich wieder genießen kann

Herr Ricken, die Bundesliga-Hinrunde ist beendet. Und ehrlich gesagt: Sie sehen aus, als wäre Ihnen die Winterpause ganz recht.

Tut mir leid, ich bin ein bisschen müde. Die Nacht nach einem Abendspiel ist immer eine Katastrophe. Ich schlafe mittags viel, um abends frisch zu sein, und nach dem Match liege ich dann im Bett, hellwach, Spielzüge gehen mir durch den Kopf, und ich kriege kein Auge zu.

Borussia Dortmund spielt eine starke Saison. In der hoch gelobten Kreativabteilung des BVB sind Sie der einzige Deutsche. Warum sind Sie zurzeit so gut wie selten zuvor?

Ich sage ungern, ich bin gereift, weil man dann immer eine Woche später durch irgendeine dämliche Aktion das Gegenteil beweist. Aber ich habe bis zu meinem 21. Lebensjahr Extreme erlebt, die andere Fußballer während ihrer ganzen Karriere nicht durchmachen. Am Anfang wurde ich mit Superlativen betitelt, und dann, als es nicht mehr lief, bildlich gesprochen, mit Steinen beworfen. Daraus ziehe ich heute meine Stärke: Mich kann nichts mehr schrecken. Und je besser Leute wie Rosicky um mich herum spielen, desto mehr werde auch ich aufgewertet.

Dabei hatten viele Kritiker Sie schon abgeschrieben: Auch der Ricken sei nur ein ewiges Talent, hieß es.

Das liegt daran, dass ich in jungen Jahren Maßstäbe gesetzt habe. Das habe ich mir selbst eingebrockt, das geht ja auch Mehmet Scholl oder Sebastian Deisler so. Spiele ich mal ein paar Spiele gut, bin ich schnell der Hoffnungsträger für die Nationalmannschaft - sobald ich mal ein bisschen schlechter spiele, bin ich genauso schnell wieder das ewige Talent. Damit habe ich mich arrangiert.

Wie machen Sie das?

Indem ich mir sage: Sei dankbar, dass du unter einer solchen Beobachtung stehst. Die meisten Kollegen laufen nur so nebenher. Der Preis ist halt, dass man sich ein dickes Fell zulegen muss.

Sie hören sich sehr abgeklärt an. Wie werden Sie erst mit 33 reden, wenn Sie beim 100-jährigen Jubiläum der Borussia auflaufen?

So langfristig plane ich nicht. Kann ja sein, dass bald auf dem Platz irgend so ein Blinder angeflogen kommt und meine Karriere plötzlich zu Ende ist. Ich genieße heute jedes Spiel.

Sie leben für den Augenblick?

Ja. Ich bin alt genug, um zu wissen: Die Zukunft beginnt erst morgen.

Als Sie mit 18 Jahren deutscher Meister wurden und mit 20 gegen Juventus Turin das Champions-League-Finale entschieden - zum Genießen waren Sie damals noch nicht in der Lage?

Als wir damals Europacup gespielt haben, bin ich nachts um drei mit dem Fanflieger zurück, kam um sechs in Düsseldorf an, habe in Dortmund gefrühstückt, bin zur Schule gefahren und habe eine sechsstündige Klausur geschrieben. Manchmal wusste ich freitags nicht, gegen wen wir am nächsten Tag spielen würden.

Sie waren zu jung, um zu begreifen, dass man Sie als Retter des deutschen Fußballs feierte?

Als ich 17 war, habe ich mir keine Gedanken gemacht. Damals lag die Verantwortung bei Zorc, Sammer, Reuter, Möller, Kohler. Wenn ich mal nicht gut war, ist es gar nicht aufgefallen. Oder man hat es mir aufgrund meiner Jugend verziehen.

Nach den frühen Triumphen folgte Ihr Absturz. Im Verein und in der Nationalelf mussten Sie irgendwann als rechter Verteidiger ran, ein weiterer Hochbegabter schien zu scheitern. Warum haben Sie sich das gefallen lassen?

Wenn ich der Mannschaft helfen kann, mache ich das. Die Zeit war sehr lehrreich, ich bin flexibel geworden.

Ein talentierter junger Mensch braucht Freiheiten, um sich entfalten zu können - und keine taktischen Fesseln.

Natürlich war es nicht mein Anspruch, im eigenen Sechzehner die Bälle blind nach vorne zu kloppen. Zumal ich für die Öffentlichkeit ein Spieler blieb, der an seinen Toren, seinen Vorlagen gemessen wurde. Aber erst als sogar aus dem eigenen Verein Stimmen kamen, warum ich mich denn nicht entwickele wie in Spanien ein Raul oder in Italien ein Del Piero, habe ich gesagt: Freunde der Nacht, die spielen im Sturm, die spielen das, wo sie gut sind, und ich grätsche hinten die Bälle raus.

Sie waren seit Ihrer Kindheit BVB-Fan. Ist für einen Profi Vereinsliebe ein Hindernis?

Könnte tatsächlich sein. Aus Loyalität zur Borussia habe ich mich damals mit Kritik zurückgehalten. Andere hätten sich vielleicht viel früher und viel lauter beschwert.

Sie haben alles in sich hineingefressen?

Ich mache so etwas mit mir selbst aus. Aber ich habe das Glück, Spieler wie Jürgen Kohler um mich zu haben. Als er nach Dortmund kam, stand er wer weiß wie in der Kritik, und ich habe fasziniert beobachtet, mit welcher Gelassenheit und Ruhe er das alles über sich hat ergehen lassen. Er wusste ganz genau, er kommt da wieder raus. Daran habe ich mich orientiert.

Sie haben es sich aber auch selbst schwer gemacht. 1997 sah man Sie in einem Werbespot, in dem Sie »Geschäftemacherei ohne Ende« im Fußball anprangerten. Können Sie verstehen, dass Ihnen noch heute vorgeworfen wird, Sie hätten naiv das System kritisiert, von dem Sie gut leben?

Wie jämmerlich wäre ich denn, wenn ich mich beschweren würde, weil man mich wegen des Spots kritisiert, in dem ich ja selbst andere kritisiere? Da muss ich durch. Zumindest hat er mir insofern gut getan, weil ich so vom Popstar-Image weggekommen bin. Vorher hat mich »Bravo« gefragt, ob es nicht toll sei, wenn einem die Mädchen hinterherlaufen. Nach dem Spot wurden mir kritische Fragen gestellt - und meine Leistungen kritischer beurteilt.

Sie werden seitdem als Erwachsener behandelt.

Mit allem, was dazugehört. Man nahm plötzlich meine Meinung ernst. Aber ich wurde auch nicht mehr geschont.

Warum schweigen Sie heute zum Thema Geschäftemacherei?

Ich werde nicht mehr gefragt.

Dabei haben sich in den vergangenen Jahren die Umsätze im Fußball-Business enorm gesteigert - und damit auch die Honorare der Abzocker.

Ja, und wir haben damals schon auf diese Tendenz hingewiesen. Darauf bin ich stolz.

Warum legen Sie nicht nach, indem Sie sagen, was in Ihrer Branche abgeht?

Das ist nicht meine Art. Ich will keine Einzelheiten erzählen, was Spielerberater versucht haben, mit mir zu treiben. Und ich will keine Kollegen in die Pfanne hauen.

Das wäre auch innerhalb der Mannschaft ein sensibles Thema?

Natürlich. Sehr sensibel.

Können Sie sich ein Leben ohne Borussia Dortmund vorstellen?

Mein Vertrag geht noch bis 2003. Wenn ich mit den Spielern rede, die im Ausland gespielt haben, höre ich immer wieder, wie gut denen das getan hat. Aber als Kind habe ich nie von Madrid geträumt, immer nur von der Borussia.

Und von der Nationalelf?

Ja, klar. Eine WM mitmachen zu dürfen ist mein großes Ziel.

Bei der WM 2006 in Deutschland sind Sie im besten Alter, 29 Jahre. Bayern München plant, dann den Stamm der Nationalmannschaft zu stellen. Wären Sie nicht gern Teil dieses Teams?

Natürlich möchte ich Stammspieler in der Nationalmannschaft sein.

Ottmar Hitzfeld, Dortmunds ehemaliger Meistertrainer und Ihr großer Förderer, soll die neuen Bayern formen.

Tja. Die Bayern haben Deisler und, wie es aussieht, auch Michael Ballack geholt. Beide sind ähnliche Spielertypen wie ich. Ich denke, damit ist alles gesagt.

In der DFB-Auswahl erwartet Sie dasselbe Problem: Wo ist Ihr Platz?

Da sehe ich große Chancen, weil ich in Dortmund fast überall gespielt habe. Denn wenn ich gut in Form bin, kann ich in jeder Elf meine Position finden. Ich definiere mich über meine eigene Leistung, nicht über die der anderen.

Bei Bayern würde Ihnen Ihre Flexibilität doch auch helfen.

Das ist jetzt gemein, das so herum zu drehen. Sicher. Ja.

Ist die Borussia in dieser Saison wieder reif für die Meisterschaft?

Unser Erfolg ist kein Zufallsprodukt, das ist Ausdruck von harter Arbeit, Fleiß, Disziplin. Die Sehnsucht nach Erfolg ist sehr, sehr groß. Unter Matthias Sammer ist die Siegermentalität endlich zurückgekehrt.

Zählt dazu auch Disziplin beim Torjubel? Als Ewerthon kürzlich in Köln ein Tor erzielte, begannen er und die anderen Brasilianer vor Freude zu tanzen. Sie rannten hinzu und baten sie, das zu unterlassen.

Ich weiß, dass Matthias nicht versteht, dass man nach 40 Minuten einen Samba-Tanz hinlegt, obwohl man noch 50 Minuten ackern muss. Und wenn du mit einem Tänzchen den Gegner verarschen willst, dann wird das meistens schnell bestraft.

Sehen Sie sich als Säule dieses Teams?

So etwas höre ich gern, zugegeben. Vor kurzem gegen Köln war ich über dem Altersschnitt der Mannschaft - zum allerersten Mal in meiner Karriere.

Von Rüdiger Barth

Foto: Thomas Rabsch

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