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Fußball: Klassenkampf

Heuschrecken im Fußball: Der ruhmreiche englische Klub Manchester United wurde von US-Investoren geschluckt. Die Fans wehrten sich vergebens. Ein Lehrstück über Treue und Ohnmacht.

Wenigstens Matt Busby blickt milde. Sie haben ihm ein Lächeln in Bronze gegossen. Bronze hält lange. Und so lächelt Sir Matt von seinem Sockel auf Sean Bones herab, und Bones schaut hoch. Es ist, als wolle er Busby um Rat fragen oder sehen, ob wenigstens der noch da ist. Vielleicht ist das pathetisch, doch einer, der Pathos nicht versteht, versteht Sean Bones nicht.

Man lernt so was als Kind. Als Sean Bones ein Kind war, lief er jeden Ferientag zum Training. Wo Sir Matt seine Männer über den Platz scheuchte, die "Busby Babes". Wo Sean, der Junge, hinterm Tor stand und Bobby Charlton die Bälle zuwarf, dem großen Charlton, der Manchester United 1968 zum ersten Europapokal führte. Heute, sagt Sean, sei Bobby Charlton vor allem ein trauriges Gefühl. Ganz tief im Herzen sei es. Männer wie Bones verstehen solche Worte.

Um die Welt des Malcolm Glazer und seiner Söhne zu verstehen, reichen wahrscheinlich ein paar Zahlen: 259 Millionen Euro setzte die Manchester United AG 2004 um, 42 Millionen Euro Gewinn machte sie zum erfolgreichsten Fußballunternehmen der Welt. Eine Milliarde Euro besitzen die Glazers, über 800 Millionen waren internationale Kreditfonds bereit, ihnen zu leihen, nun gehört den Glazers der Verein. Ihre Schulden haben sie gleich auf ihn übertragen. Jetzt steht "ManU" mit 800 Millionen Euro in der Kreide, obwohl er lange schuldenfrei war. So funktioniert diese Welt.

Man könnte mehr

über die Glazers aus Palm Beach, USA, erzählen. Dass Malcolm noch nie Bobby Charlton einen Ball zugeworfen hat. Dass sie ihre Mitarbeiter angeblich schlecht behandeln. Und dass sie aus ihren Unternehmen auch den letzten Tropfen Profit herauspressen. Aber vielleicht ist Malcolm Glazer einfach nur ein weiteres Gesicht einer Zeit, in der Menschen an ihrem Heimatort keine Chance haben, sobald ein paar hundert Millionen Dollar über den Globus schwappen, um ihre alte Welt zu überschwemmen. "Das ist alles eine Geschichte über Gier", sagt Bones.

Die Straßenlaternen leuchten trübe auf Busbys Statue. "Es geht darum, dass eine riesige Gruppe von Menschen viel Geld zahlen muss, um eine sehr kleine Gruppe von Menschen reicher zu machen, als man es sich vorstellen kann." Zuvor hatte Bones im Pub "Bishop's Blaize" gesessen, gleich um die Ecke.

Er ist stellvertretender Vorsitzender der "Shareholders United", einer Vereinigung von Fans, die sich früher auch ein paar Aktien ihres Vereins gekauft haben, um mitbestimmen zu können. Er erzählt mit sanfter Stimme. Wie schwer es für Arbeiter sei, jährlich ein paar hundert Pfund in den Klub zu stecken, damit sie mit ihren Söhnen die Spiele der Red Devils sehen können. So wie es früher ihre Väter taten. Damit ihre Söhne dieselben Gesänge lernen wie ihre Großväter. So wie es schon immer war. "Moralisch und im Herzen besitzen doch wir diesen Klub!", sagte er. Er spricht viel von seinem Herzen. Und der Logik des "einfachen Mannes".

1907 wurde Manchester United zur Aktiengesellschaft, keine Seltenheit in England. 1991 wurde die AG an die Börse gebracht, um Kapital zu beschaffen. Eine Firma, die fortan jeder kaufen konnte, wenn er genügend Geld hat. Das ist die Logik der Marktwirtschaft.

Der Kampf fing an, als erste Übernahmegerüchte bekannt wurden. Die Fans gingen auf die Straße, um den Deal zu verhindern, sie hatten Angst vor steigenden Ticketpreisen, Spielerverkäufen und davor, dass ihr Stadion verscherbelt wird, um die Schulden abzutragen. Es waren Menschen wie Bones. Er ist Monteur. Arbeiter, auch ein paar Anwälte, Banker und PR-Experten kamen dazu.

Sie sammelten Geld

und überzeugten andere Aktionäre, um selbst mehr Aktien unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie drohten mit Boykott. Sie wechselten ihre Handyverträge, um Vodafone, den Trikot-Sponsor, unter Druck zu setzen. Sie hatten die Vorstandschaft des Clubs auf ihrer Seite, die alten Helden wie Charlton. Und ManU-Manager David Gill wollte sie angeblich sogar mit 25 000 Pfund unterstützen. Binnen zwei Jahren wuchs Shareholders United von 5000 auf 32 000 Mitglieder. Es ist eine beeindruckende Zahl.

"Wir sind ihr gefürchtetster Feind", sagt Bones. Er hat sich ein neues Ohrteil für sein Handy gekauft. Mit dem steht er nun am Fließband, baut Gasometer zusammen und telefoniert zugleich, neulich rief sogar ein Radiosender aus Shanghai an. "Wir haben gemerkt, wie stark wir sind", sagt er. Der Klingelton seines Handys ist die berühmte Melodie aus "Mission Impossible".

Es gibt noch zwei beeindruckende Zahlen: 19,25 Pence kostete die ManU-Aktie bei Ausgabe, 300 Pence zahlten die Glazers schließlich. Die Mission ist gescheitert. "Nein", sagt Bones, "wir haben nur eine Schlacht verloren, nicht den Krieg."

Am nächsten Tag hat ManU das erste Ligaspiel zu Hause, gegen Aston Villa. Bones geht nicht mehr ins Old Trafford, aber er läuft während des Spiels ums Stadion, "um das Gefühl nicht zu verlieren". Er sagt, es tue weh, "es ist, als hätte dich deine Freundin verlassen, aber du suchst sie trotzdem, obwohl sie vor deinen Augen mit einem anderen rummacht". Er steht wieder unter der Statue, bei Tageslicht sieht man, dass ein Vogel Busby aufs rechte Hosenbein geschissen hat. Sir Matt lächelt trotzdem. "Wir können jetzt nicht mehr laut zum Boykott aufrufen", murmelt Bones. "Sonst heißt es, wir wollen den Verein zerstören."

Um die Ecke stehen ein paar Jungs in roten Trikots. "Red blood fließt in meinen Adern", sagt einer, "richtiges." Er klopft sich an die Brust. "Dieser Glazer soll ManU einfach Kohle bringen", sagt er, die Hand um eine Bierdose gekrallt, "wie dieser Russe, der Chelsea die Meisterschaft gekauft hat." Von Shareholders United hat er noch nie etwas gehört, von Glazers Schulden keine Ahnung. Das Stadion ist heute ausverkauft. "Es ist gerade schwierig", sagt Bones. "Aber wir warten, bis Glazer scheitert."

Im Stadion auf den Ledersitzen im Vorstandsbereich sitzen die Glazer-Söhne Bryan und Joel. Sie tragen dieselben rot-schwarzen ManU-Krawatten wie ihr einstiger Gegner Gill. Oder er trägt dieselbe wie sie. Als Ruud van Nistelrooy eine Torchance vergibt, springt Joel auf, er bleibt lange stehen, alle anderen sitzen schon. Es ist, als sei er ganz besonders gefesselt vom Spiel, es ist wichtig, dass die Leute das glauben. Es ist das ganz normale Geschäft. Neulich haben die ersten Fans Autogramme von den Glazers geholt.

Auch die alten Helden sind im Stadion. Männer wie Bones haben sie früher angehimmelt. Alex Stepney, der 1968 im Kasten stand, als die Busby-Babes erstmals den Europapokal holten. Er will jetzt Fragen von Journalisten nur schriftlich beantworten, zur Sicherheit, er sei halt noch bei ManU unter Vertrag. Lou Macari, den die Polizei 1974 am Weiterspielen hinderte, weil er sich weigerte, eine rote Karte zu akzeptieren. Er steht in der Pressezone, noch immer das listige Funkeln im Blick.

Aber heute trägt er Anzug, er blickt ins Leere, nein, er könne das verabredete Gespräch leider doch nicht führen, er arbeite jetzt für den Vereinssender, und die hätten ihm nahe gelegt, besser gar nichts zu sagen. Sogar Bobby Charlton sagt jetzt, die Glazers seien ganz nette Leute. Sie haben sich eineinhalb Stunden mit ihm unterhalten. "Auch über die Schulden?", soll Charlton danach gefragt worden sein. "Nun ja, darum ging es nicht." "Es ist, als hätte jemand deine Familie als Geisel genommen", sagt Bones. "Du kannst nicht einfach eine neue suchen."

Vor ein paar Monaten

wurde der FC United gegründet, für alle, die genug haben von der ManU AG. Der FC United spielt in Bury, in einem blaugrauen Wellblechpalast. Heute sind 2500 Fans gekommen, in die neunte Liga, wo bisher der Schnitt um die 60 lag. Sie singen alte Lieder. Und neue. "I don't care about Rio, he don't care about me!" ManU-Verteidiger Rio Ferdinand hat während der Krise seinen Vertrag auf 100 000 Pfund die Woche hochgehandelt. Sie verstehen diese Welt nicht mehr. Aber vielleicht braucht diese Welt sie nicht mehr?

"Zumindest glauben das die Bosse", sagt Mark Longden. Auch er geht nur noch zum FC United. "Früher roch es im Old Trafford nach Rauch, Schweiß, Bier und Burgern", sagt er. "Jetzt riecht es nach Parfüm. Früher traf ich Freunde vor dem Spiel mittags im Pub. Das war Teil meines Lebens. Ich habe sie lange nicht mehr gesehen, weil die Spiele jetzt schon um 12 Uhr 45 stattfinden, damit das Satellitenfernsehen sie nach Asien übertragen kann." Longden hat die Finger um einen Pint Bier gekrallt, "The Bridge Inn", Mittagspause, er ist Kfz-Mechaniker. Er ist Vorsitzender von Imusa, der anderen großen Fanvereinigung.

Der Börsengang brachte ManU Geld, man konnte das Merchandising in Asien forcieren, das Stadion umbauen, nur noch Sitzplätze - für ein wohlhabenderes Publikum. "Natürlich floss mehr in die Kasse", sagt Longden. "Aber wenn wir heute im Spiel aufstehen, kommt eine Durchsage, sich gefälligst hinzusetzen. Und der Gewinn ging an die Aktionäre, als Dividende." 1999 gewann ManU die Champions League, aber nicht, weil man den Fans neue Stars beschert hätte, Beckham, Scholes, Giggs und die Nevilles waren Jungs aus der Nachwuchsabteilung.

"Natürlich hat ManU vergangenes Jahr Wayne Rooney gekauft. Aber soll ich mich darüber freuen? Rooney war seit seiner Kindheit Everton-Fan. Für so einen müsste es das Schlimmste sein, zu Manchester zu wechseln. Das ging früher gar nicht", sagt Longden. Rooney verdient 75 000 Pfund in der Woche. "Irgendwann merkst du, dass dein Sport nur noch ein Geschäft ist."

ManU hat sich eine Anhängerschaft

in der ganzen Welt geschaffen, 75 Millionen. "Irgendwo in Japan. Das sind keine Fans, es sind Kunden. Deshalb hören sie nicht mehr auf uns, auf jene, die singen im Stadion." Longden blickt in sein Bier. "Die keine anonymen Nummern sein wollen. Aber es ist doch nicht nur im Fußball so. Alle kleinen Läden haben dichtgemacht, und heute kaufst du in irgendeinem Supermarkt ein, wo du nicht mal den Kassierer kennst. Und meine Freunde, die früher Facharbeiter waren, machen jetzt irgendwelche öden Service-Jobs", sagt er. "Man braucht uns nicht mehr."

In Bury beim FC United, neunte Liga, hat man sich gefreut über sie. Sie haben gesungen, keine Pause, sie waren lauter als die 67 900 im Old Trafford ein paar Stunden zuvor. Sie haben gesiegt, 3:2 gegen den Padiham FC. Dessen Vorsitzender steht jetzt vor dem laufenden Bus, er blickt etwas traurig. "Die werden unsere Liga dominieren", sagt er. "Die haben das Geld." Es ist kein Witz.

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