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Hamburger SV: Martin Jols glorreiche Sieben

Stilwechsel beim HSV: Mit dem größten Trainerstab der Vereinsgeschichte wandeln die Hamburger auf den Spuren von Jürgen Klinsmann. Ohne teure Neuzugänge krempelt der neue Chef Martin Jol den Verein um. Sein Ziel: attraktiver Offensivfußball.

Von Kai Behrmann, Längenfeld

Der erste Tag des HSV-Trainingslagers beginnt für Timo Kunert (21) und Tunay Torun (18) mit einer Schrecksekunde. Plötzlich stehen die beiden Nachwuchsspieler des Hamburger SV ganz alleine in der Lobby des Hotels "Aqua Dome" im österreichischen Längenfeld, in dem der Fußball-Bundesligist seit Montag sein siebentägiges Quartier bezogen hat. Hilfe suchend blicken sie sich um, doch die Kollegen sind nicht mehr da.

Als die beiden Nachzügler auf dem Rasen des wenige Gehminuten entfernten Sportzentrums eintreffen, können sie aufatmen. Statt einer Standpauke gibt es einen freundschaftlichen Klaps von HSV-Trainer Martin Jol. Anschließend nimmt der Niederländer seine beiden Youngster in Schutz. "Sie waren pünktlich, wir sind aber schon etwas früher als verabredet losgegangen." Der Nachfolger von Huub Stevens ist bekannt dafür, ein Händchen für den Umgang mit jungen Talenten zu haben.

Im Gegensatz zu der Konkurrenz im Kampf um die internationalen Plätze hat der HSV bislang noch keine neuen Top-Stars präsentiert. Das Budget ist begrenzt. Einzige Neuzugänge sind bislang U21-Nationalspieler Dennis Aogo und Jonathan Pitroipa von Zweitligist SC Freiburg. Um die Qualität des Kaders dennoch zu erhöhen, setzt Jol auf die Weiterentwicklung des vorhandenen Personals. "Gerade für junge Spieler wird es individuelle Schulungen in kleinen Gruppen geben", kündigt er an. Derzeit verfügt der Tabellenvierte aus der vergangenen Saison über mindestens ein halbes Dutzend hoch veranlagter Nachwuchshoffnungen, von denen HSV-Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer sich einen Leistungsschub erhofft. "Für sie gilt es, den Anschluss an die etablierten Spieler zu finden." Jol soll ihnen dabei helfen.

Wir brauchen Spieler mit Flair

Mit dem 52-Jährigen haben die Hanseaten nicht nur einen neuen Trainer sondern auch eine neue Spielphilosophie verpflichtet. Schneller und offensiver soll der Uefa-Cup-Teilnehmer künftig auftreten. "Dazu brauchen wir Spieler mit Flair, die dribbeln können und Eins-zu-Eins-Situationen suchen", fordert der ehemalige Coach des englischen Premier League-Clubs Tottenham Hotspur. Jol ist der Meinung, dass Stürmer mit diesen Qualitäten den Unterschied zwischen guten und schlechten Mannschaften ausmachen. Dass mehr Risiko auch zu mehr Fehlern führen kann, nimmt Jol dabei in Kauf. "Sie können den Ball ruhig verlieren. Ein Problem haben sie nur, wenn sie es nicht versuchen." Mehr als die 47 Tore in der vergangenen Saison sollen es in der am 15. August mit einem Auswärtsspiel beim FC Bayern München beginnenden neuen Spielzeit auf jeden Fall werden.

Ähnlich wie sein Trainerkollege beim deutschen Rekordmeister, Jürgen Klinsmann, hat Jol ein mehrköpfiges Expertenteam um sich versammelt, um das Training künftig individueller zu gestalten. Mit seinem siebköpfigen Stab ist er vor der malerischen Alpenkulisse im Ötztal dabei, den HSV-Profis seine Vorstellungen zu vermitteln. Nie zuvor ist der Hamburger Traditionsverein mit einem größeren Trainerteam in eine Spielzeit gestartet. Zu den bekannten Gesichtern aus der Stevens-Zeit wie Torwarttrainer Reitmaier, Athletiktrainer Markus Günther und Leistungsdiagnostiker Manfred Düring gesellen sich jetzt noch Co-Trainer Petrovic, Techniktrainer Moniz sowie Konditionstrainer Michael Lindeman. Zudem steht Cornelius Jol seinem Bruder als persönlicher Assistent zur Seite und kümmert sich unter anderem um Scouting und Spielanalysen.

Einzelanalysen auf dem Trainingsplatz

"Er schätzt die Kenntnisse von Kollegen", sagt Petrovic über Jols Arbeitsweise. "Man hat immer das Gefühl, dass man dazu gehört und nicht nur zum Bälletragen da ist." Was das in der Praxis bedeutet, ist in Längenfeld deutlich zu beobachten. Häufig überlässt Jol seinen Assistenten das Kommando. Besonders auffällig ist dabei Moniz, der bei Trainingsspielen wie ein Irrwisch über den Platz fegt. Immer auf Ballhöhe kommentiert der 44-Jährige jeden Pass, jede Flanke. Währenddessen steht Jol etwas abseits des Geschehens. Durch seine imposante Erscheinung mit 1,90 Meter Körpergröße, dazu die tief ins Gesicht gezogene Schirmmütze und vor der Brust verschränkte Arme, strahlt er Autorität aus. Ohne große Worte registriert er jedes Detail. "Ich glaube, dass er genau hinguckt, wie der eine oder andere tickt", vermutet Collin Benjamin. Gut zwei Wochen nach Jols Amtsantritt befinden sich Trainer und Spieler noch in der "Abtastphase".

Dass der Wandel von der "Stevensive" hin zum Offensiv-Spektakel Marke Jol noch Zeit braucht, wird am Mittwochabend im ersten ernsthaften Testspiel der Saisonvorbereitung deutlich. Bei der 1:2-Niederlage gegen den tschechischen Erstligisten Slovan Liberec ist noch kaum etwas zu sehen von schnellen Kombinationen und rasanten Tempo-Dribblings. "Heute haben wir das Konzept des Trainers noch nicht so gut umsetzen können", gibt Jerome Boateng hinterher offen zu. Doch Jol weiß: Er hat zwar eine sehr talentierte, gleichzeitig aber auch eine sehr junge Elf. "Es fehlt einigen noch an Erfahrung."

Van der Vaart-Freund Sneijder plaudert aus dem Nähkästchen

Von den Gerüchten um einen Wechsel von HSV-Kapitän Rafael van der Vaart zu Real Madrid lässt sich Jol indes nicht aus der Ruhe bringen. Dass die Konzentration seines besten Spielers darunter leiden könnte, befürchtet er nicht. "Rafael hat schon im vergangenen Jahr bewiesen, dass er das trennen kann. Er ist ein absoluter Profi." Fast täglich berichten spanische Medien, dass sich der Niederländer mit Real Madrid bereits über einen Wechsel 2009 einig sei. Dann könnte der 25-Jährige den Verein für die festgeschriebene Ablösesumme von 1,5 Millionen Euro verlassen. Am liebsten würden die "Königlichen" den Mittelfeld-Regisseur jedoch schon sofort unter Vertrag nehmen. Van der Vaart selbst bestreitet nach wie vor, bisher Kontakt mit dem Club des deutschen Trainers Bernd Schuster gehabt zu haben.

Unterdessen hat sein Landsmann und Real-Star Wesley Sneijder der spanischen Sportzeitung "As" von einem Telefonat mit seinem ehemaligen Teamkameraden bei Ajax Amsterdam erzählt. Darin soll van der Vaart gesagt haben, dass er gern sofort nach Madrid kommen würde, er aber nicht wisse, ob sich der Wechsel realisieren lasse.

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