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Hoeneß vs. van Gaal: Was lange brodelt, muss endlich raus

Sportlich geht es beim deutschen Fußball-Rekordmeister Bayern München wieder langsam aufwärts. Dafür sorgt jetzt Präsident Uli Hoeneß mit seiner harschen Trainerschelte an Louis van Gaal für Unruhe. Warum tut er das?

Von Elisabeth Schlammerl, München

Angriffe kommen bei Uli Hoeneß nur selten spontan. Der Präsident des FC Bayern München poltert gerne geplant. Auch sein Auftritt am Sonntagabend in der Fußball-Talkshow "Sky90" entsprang nicht einer Laune, der Angriff auf Trainer Louis von Gaal war inszeniert und wirkte wie eine kleine Abrechnung.

Hoeneß kritisierte das Kommunikationsverhalten des Holländers ebenso wie die Personalpolitik und vermittelte dabei den Eindruck, dass die Chemie zwischen den beiden schon länger nicht mehr stimmt. "Ich habe mit ihm nicht mehr viel zu besprechen", erklärt er.

Der Bayern-Präsident wählte sowohl Plattform als auch Zeitpunkt bewusst aus. Im Fernsehen können seine Aussagen nicht verfälscht werden und sportlich scheint sich die Mannschaft gerade von ihrer Herbstkrise erholt zu haben. Vier Siege gelangen dem Meister in den vergangenen fünf Partien, allerdings ist für den Aufwärtstrend nicht die Wunschelf von van Gaal verantwortlich, sondern aufgrund der vielen Ausfälle sind ein paar Spieler gefragt, die der Trainer ein Jahr lang für zu schlecht befunden hatte.

Streit um Ersatzpersonal

Drei der vier Torschützen am Freitagabend gegen Freiburg waren bis zu der Verletzungsserie nur zweite Wahl gewesen. "Erst trifft Demichelis, der schon gehen konnte. Gomez, der schon fast in Liverpool war, macht das zweite Tor. Und das dritte Timoschtschuk, der angeblich nur spielt, weil wir keinen anderen haben", sagte Hoeneß mit dem ihm eigenen ironischen Unterton und fügte hinzu: "Die Spieler sind sehr wohl sehr brauchbar. Man hat nur Erfolg, wenn man alle Spieler bei Laune halten kann und das ist in der Vergangenheit nicht immer gelungen. Es wäre besser gewesen, wenn man sie stark gemacht hätte."

Intern muss es schon am Freitagabend in oder vor der Kabine zu einem Disput gekommen sein, nur so lässt sich das Verhalten des Trainers bei der Pressekonferenz erklären. Van Gaal wähnte hinter Fragen nach Demichelis oder Timoschtschuk Kritik. Ohne Not ließ er unwirsch wissen, dass ja auch er einen kleinen Anteil an dem Sieg habe und außerdem der gesamte Kader sein Vertrauen genieße.

Hoeneß überraschte mit einem kritischen Rückblick auf die erfolgreiche Schlussphase der vergangenen Saison. "Dass elementare Dinge nicht passen, hängt schon sechs Monate in mir drin." Im Frühjahr, ehe die Bayern in der Bundesliga und der Champions League durchstarteten, soll es intern schon einmal gekracht haben zwischen Hoeneß und van Gaal. Damals, so heißt es, habe Sportdirektor Christian Nerlinger vermittelt. "Ich habe mit vielen großen Trainern gearbeitet und jeder war zugänglich für Vorschläge. Aber van Gaal akzeptiert nicht die Meinungen von anderen", sagte Hoeneß.

Van Gaal wie einst Felix Magath

Als Manager war er es jahrelang gewohnt, am Abend vor den Spielen im Mannschaftshotel mit dem jeweiligen Trainer nicht nur bei einem gutem Glas Rotwein über Belangloses zu plaudern, sondern über Taktik und Personalpolitik. Jupp Heynckes, Ottmar Hitzfeld und Giovanni Trapattoni hatten dies so gehandhabt, der damalige Trainernovize Sören Lerby sowieso, sogar Otto Rehhagel und Jürgen Klinsmann waren beeinflussbar. Bei Felix Magath erfuhr Hoeneß zum ersten Mal, dass ein Trainer macht, was er für richtig hält und die Verantwortlichen nicht um Rat fragt. Die Verbindung hielt deshalb trotz zunächst großen Erfolgs nicht lange.

Und nun van Gaal, ein Alphatier wie Hoeneß und deshalb eine Liaison mit großem Konfliktpotential. Der Holländer trinkt zwar gerne mal ein Glas Rioja, aber nie würde er den Hoeneß um Rat fragen. Seit seinem Wechsel ins Amt des Präsidenten ist der Schwabe nicht mehr im Mannschaftshotel dabei. Sein Nachfolger Nerlinger stellt vermutlich nicht den Anspruch, den Trainer beraten zu wollen.

Van Gaal ist nicht pflegeleicht, manchmal selbstgefällig und eitel, aber er weiß in der Regel, was er tut. Sportlich hat er in den vergangenen 16 Monaten nicht sehr viel falsch gemacht. Die Schwierigkeiten, sich mit einer Chefetage auseinandersetzen zu müssen, in der die geballte Fußballkompetenz sitzt, thematisierte van Gaal auch in seiner Anfang Oktober auf Deutsch erschienen Biografie. "Diese Leute", schreibt er, "sind es immer gewöhnt gewesen, ihren Einfluss zu haben." Dem einen oder anderen scheint es schwer zu fallen, dass dies unter van Gaal nicht mehr so ist.

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