HOME

Hooligan-Terror: "All Cops are Bastards"

Seit dem Tod eines italienischen Fußball-Fans durch einen Polizisten geraten die Radikalen im Land außer Kontrolle. Ursache ist auch die instabile politische Lage in Italien. Die Angst vor einer "übergreifenden Ultra-Partei" wächst.

"Stato assassino". Mörderstaat sprayten Unbekannte nachts auf eine Mauer nahe der römischen Piazza Vescovio. Dort treffen sich oft die Fans des Fußballclubs Lazio. Darunter noch das Kürzel Acab für "All Cops are Bastards" gegen die Polizeikräfte gerichtet, und ein Hakenkreuz. Auch Tage nach dem Tod des römischen Fußballfans, der auf dem Weg zum Spiel seines Clubs von der Kugel eines Beamten getroffen worden war, türmen sich die Reaktionen auf den sonntäglichen Vorfall - vor allem im Internet. Die dann sofort aufgeflammte, an Stadtguerilla erinnernde Gewalt der mit Schals und Masken vermummten Hooligans in der italienischen Hauptstadt hat ein grelles Schlaglicht auf die extremen Strömungen im Fußball geworfen.

"Aus der Stadionkurve zum Umsturz", so beschreibt die römische Tageszeitung "La Repubblica" das bestürzende Bild von den tausenden gewaltbereiten Fans in Italien. Italiens politische Landkarte der extremistischen Hooligans wird gezeichnet nach den gesammelten Daten der Abteilung für öffentliche Sicherheit im Innenministerium: "Es gibt mindestens 63 Gruppen der extremen Rechten und 35 der extremen Linken." Alles in allem 20.000 radikale Fans im Land, davon knapp drei Viertel mit rechtem Drall. Die Hochrechnungen zur politischen Couleur der Fans pendeln sich bei 80.000 eingeschriebenen Fans in den über 500 Clubs der "Ultras" ein, wie Hooligans genannt werden.

Attacke auf die Polizei nach militärischem Muster

Was wie ein krasser kollektiver Ausbruch von Empörung nach dem gewaltsamen Tod des 26-jährigen Fans aussah und in TV-Bildern um die Welt ging, war nach Meinung römischer Ermittler nach terroristischem Vorbild geplant: "Die Attacken auf die Polizei wurden nach einem quasi militärischen Muster ausgeführt, in offenkundig einstudierter Strategie und nach präziser Vorbereitung", fasst der "Corriere della Sera" die Übergriffe am Tiber zusammen. Beteiligt waren Hooligans der beiden römischen Clubs, von Lazio und AS Rom, die extrem zur Rechten neigen wie auch die von Verona, Brescia und Inter Mailand. Einen roten Punkt für linksextrem erhielten auf der Politkarte des italienischen Fußballs Fangruppen aus Turin, Livorno oder Taranto.

Explosiver macht dieses italienische Phänomen noch, dass sich die Extreme zwar bekriegen, in ihrer Ablehnung eines gemeinsamen Feindes "aus dem Dreieck von Institutionen, Profit und Repression" aber auch treffen: "Diese Gruppen verfolgen eine Gegenposition zum 'System'", hieß es im Jahr 2006 in einem internen Ministeriumsbericht. Und die Sicherheitskräfte werden gehasst, weil sie der "bewaffnete Arm" der Unterdrückung seien. Die gemeinsame Gefühlslage bindet die radikalen Fans so stark zusammen, dass sich italienische Kommentatoren bereits fragten, ob hier eine "übergreifende Ultra-Partei" aufkommen könnte.

"Unpolitische mit Hass auf das System"

"Gut organisiert haben Gruppen hier den isolierten Fall dieses entsetzlichen Fan-Tods genutzt mit dem präzisen Ziel eines Angriffs auf die Macht", resümiert der Sportsoziologe Franco Ferrarotti. Sein Kollege Alessandro Dal Lago erinnert allerdings lieber an die schon historisch "tiefste Ablehnung der Polizeikräfte" durch Fußballfans. Andere sehen keinerlei "Projekt" hinter der explodierenden Gewalt.

Fußball in Italien ist damit schon längst nicht mehr nur der beliebteste Sport im Land des Weltmeisters, sondern ein Tummelplatz für Gewaltbereite, für frustrierte "Unpolitische mit Hass auf das System". Dass ein Mangel an politischer Führung im Land von vielen Italienern ebenso beklagt wird wie die angespannte wirtschaftliche Lage, macht Besänftigungsversuche der Politik in Rom nur delikater.

Hanns-Jochen Kaffsack, DPA / DPA

Wissenscommunity