HOME

Interview mit Hans van Breukelen: "Nur über unsere Leiche"

Wie es sich anfühlt, Deutschland zu schlagen, weiß er genau. Hollands früherer Torhüter Hans van Breukelen über das brisante Duell gegen den Erzfeind und das Trauma des WM-Finales 74.

Das Interview mit Hans van Breukelen führte stern-Mitarbeiter Albert Eikenaar

Herr van Breukelen, gleich in ihrem ersten Spiel der EM treffen die alten Rivalen Holland und Deutschland aufeinander. In Ihrer Heimat heizt ein Fußball-Magazin die Stimmung ja schon mächtig an, auf der Titelseite heißt es: "Holland, Holland über alles."

Das ist witzig gemeint. Aber ich finde das völlig daneben, weil diese Schlagzeile auf die deutsche Besatzungszeit in unserem Land und den damit verbundenen Groll gegen die Deutschen anspielt. Diese schwierige Phase unserer Geschichte hat nichts mit Sport zu tun.

Deutschland gegen Holland: Wie endet der emotionsgeladene Fußball-Klassiker bei der EURO?

Warum artet dann aber fast jedes Match zwischen diesen beiden Nationen in feindselige Aktionen aus?

Die ganze Rivalität hat mit der WM 1974 zu tun. Meine Mitspieler und ich wollten uns immer für das verlorene Finale der Oranje-Elf in München revanchieren. Wir dachten damals alle, wir sind die Besten, spielen den schönsten Fußball, und dann vermasseln wir das Endspiel, ausgerechnet gegen die Deutschen. Dieses Trauerspiel hat uns Holländer tief geprägt, für uns ist diese Niederlage ein gesellschaftliches Trauma. Das gilt auch noch für die Spieler von heute.

1988 konnten sich die Holländer revanchieren. Die Oranje-Elf wurde mit Ihnen im Tor Europameister, nachdem sie zuvor Deutschland aus dem Turnier geworfen hatten. Voller Häme wischte sich Ronald Koeman nach dem 2 : 1-Sieg seinen Hintern mit dem Trikot von Olaf Thon ab. Geschmacklos, oder?

Wir Spieler standen damals unter einem enormen Druck. Von 1980 bis 1988 waren wir weder bei einer EM noch bei einer WM dabei gewesen. Wir wurden deshalb von unseren Fans als Schwächlinge beschimpft, als satte Profis. Diese Kritik stachelte uns an. Wir waren richtig heiß darauf, die Deutschen zu besiegen. Hätten wir nur auf unsere spielerischen Qualitäten vertraut, mit Weltstars wie Gullit und Van Basten, wäre das wieder mal schief gegangen. Wir mussten also unsere Einstellung ändern, wir spielten nach dem Motto: "Nur über unsere Leiche".

Zwei Jahre später im Achtelfinale der WM in Italien kam es wieder zu einer hässlichen Szene, die beide Fanlager sehr erregte: Frank Rijkaard spuckte Rudi Völler an.

Das lag nicht an Völler und den Deutschen, glauben Sie mir bitte. Der arme Frank hatte nicht vor, jemanden zu erniedrigen. Er war frustriert, er war verärgert über die miese Stimmung im Oranje-Lager. Es gab keine Harmonie bei uns. Keiner war motiviert. Alle waren überzeugt, locker Weltmeister zu werden. Und dann spielten wir schlampig, überheblich, lagen zurück. Frank konnte das nicht verkraften. Er rastete aus und spuckte. Hätte bei uns mehr Disziplin geherrscht, wären wir Weltmeister geworden und nicht die Deutschen. Unser Team damals hat sich selbst zerstört.

So wie die Elf von Johan Cruijff. Der holländische Historiker Auke Kok kommt in seinem Buch "1974. Wir waren die Besten" zu dem Schluss, dass Holland nicht wegen des von Bernd Hölzenbein herausgeschundenen Elfmeters verlor, sondern weil die Oranje-Stars sich so überlegen fühlten. Sehen Sie das auch so?

Ja, das ist leider unser großes Problem. Als ich 1992 meine Karriere beendete, schrieb ich ein Buch. Es handelt von der Arroganz der holländischen Mannschaften und ihrem Mangel an Teamgeist.

Gilt das auch für die Oranje-Elf von heute?

Rudi Völler verfügt über wenig begabte Kicker, die aber alle bereit sind, für ihr Land bis zur letzten Sekunde zu kämpfen. Bondscoach Dick Advocaat hat dagegen ein Starensemble, aber keine Gruppe. Die Niederländer sind vor allem Individualisten. Drecksarbeit mag fast keiner von ihnen verrichten. Balljäger gibt es kaum, Torjäger der Luxusklasse umso mehr. Und doch muss der Ball erobert werden. Ohne Ballbesitz kein Tor.

Viele Fans glauben, dass die Spieler beider Nationen sich hassen. Stimmt das?

Die Niederländer wischen den Deutschen gern eins aus, auf allen Gebieten. So ist das halt bei Nachbarn. Aber Hass ist das nicht unter uns Fußballern.

Wissenscommunity