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Jürgen Klopp und der FC Liverpool: Welcome, Jurgen

Er füllte schon als Gerücht Doppelseiten, nun ist Fakt: Jürgen Klopp wird Trainer bei Liverpool. Dort muss er himmelhohe Erwartungen erfüllen. Besonders eine Sache muss Jürgen Klopp den Engländern noch beibringen.

Von Michael Streck, London

Jürgen Klopp steht in einem grauen Anzug im Stadion und lächelt.

So etwas wie Messias und Rockstar zusammen: Jürgen Klopp

Er ist da. Es ist amtlich. Endlich. Und die gesamte britische Journaille jauchzt von rechts bis links, von der "Daily Mail" bis zum "Daily Mirror". Das gibt’s sonst nur bei royalen Hochzeiten und Geburten. Jetzt schafft das Klopp. Jürgen Klopp, oder wie er in Britannien vielfach heißt: Jurgen Klopp. Er füllte schon als Gerücht Doppelseiten. Und nun in echt und irgendwie überlebensgroß. Klopp ist in England so etwas wie Messias und Rockstar zusammen und guter Deutscher obendrein. Denn er hat ja außerdem: Witz.

Was die beste Voraussetzung ist für die Fortsetzung einer Liebesgeschichte, die in Dortmund begann, als seine jugendliche Borussia vor ein paar Jahren nicht nur die Bundesliga rockte, sondern die Insel gleich mit und das, natürlich, englische Fachblatt "FourFourTwo" den Klub adelte als "heißestes Ding Europas". Damals schon reisten Kohorten britischer Schreiber in den Ruhrpott. Klopp nahm sich Zeit, er sprach englisch, es war mehr radebrechen als sprechen - aber egal. Er erzählte von seiner Liebe zum Matsch und Regen. Und, dass er Fußball schätze, der mehr Heavy Metal ist als Streichorchester. Zum Mitmurmeln oder Ausschneiden einmal Klopp im Originalton, England:

"I don't like winning with 80 percent. Sorry, that is not enough for me. Fighting football, not serenity football, that is what I like. What we call in German, 'English' rainy day, heavy pitch, 5-5, everybody is dirty in the face and goes home and cannot play for weeks after."

Alles klar?


Er hat halt Emotionen

Und wenn sie ihn nicht verstanden lachte er einfach sein Klopp-Lachen, und alles war gut, "thank you Jurgen". Flippte er mal wieder aus an der Seitenlinie, wurden in Deutschland die Psychologen befragt, ob Klopp noch alle am Zaun habe. In England hieß es milde: Er hat halt Emotionen. Schon damals spross der Wunsch in Redaktionen und auf Tribünen, dass man so einen auch gerne hätte. Und wann immer ein Stuhl frei wurde oder auch nicht: Klopps Schatten saß schon drauf. Sie wollten ihn bei Arsenal und lange schon in Liverpool. Da kulminierte der Wunsch zuletzt in einer Art Volksbewegung auf Twitter mit dem Hashtag "kloppforthekop". The Kop ist die legendäre Tribüne, Liverpools Äquivalent der "Gelben Wand" im Westfalenstadion. Ein mythischer Versammlungsort der Fans, die von dort vor jedem Spiel die Gänsehaut-Hymne "You'll never walk alone" donnern. Oft kopiert, auch in Dortmund, und nirgendwo erreicht.

Jetzt, endlich, haben sie ihren Jurgen.

Zum besseren Verständnis muss man wissen, dass die Premier League von charakterlich ganz anderen Gestalten geprägt ist. Von vergleichsweise selbstherrlichen Egomanen wie José Mourinho bei Chelsea und Louis van Gaal bei Manchester United oder eher zurückhaltend-intellektuellen Typen wie Arsène Wenger bei Arsenal und Manuel Pellegrini von Manchester City. Klopp ist eine ganz neue Kategorie. Und man kann die Sehnsucht von Fans und Medien irgendwie verstehen nach etwas Spaß und auch Romantik. Der lacht ja sogar, der Klopp. Und scherzt mit Fans und Zuschauern. Spielt Doppelpass mit dem Fernsehjournalisten Arnd Zeigler vom WDR und verarscht dabei die eigenen Spieler. Schunkelt trunken bei Meisterfeier und kann danach nur noch krächzend lallen. Er ist das Feierbiest im Original - und van Gaal ein puritanischer Abklatsch. Das ist neu im Mutterland des Fußballs und des Humors. Ausgerechnet ein Teutone kommt als Gute-Laune-Onkel und Gegenentwurf zum ewigen Miesepeter Mourinho, der mit Klopp zwar eine Aversion gegen das Verlieren teilt - aber sonst nicht viel.

Dr. Sommer in Taktikfragen

Am nächsten kommt ihm auf der Insel noch der junge Kollege Eddie Howe, 34, der den Aufsteiger Bournemouth trainiert und ein bisschen so ist, wie Klopp mal war in Mainz. Wo alles begann. Keine Zeitung in den vergangenen Tagen, die nicht darauf rekurrierte auf diese Zeit, Kloppo der Klopper. Dann Experte im WM-Studio während des Sommermärchens, als ihn die Nation kennenlernte nicht nur als lustigen Dampfplauderer im Retro-Nationaltrikot, sondern auch als Dr. Sommer in Taktikfragen.

Dortmund zwei Jahre später. Der Rest ist Geschichte.

Jetzt Liverpool. Arbeiterverein mit Weltklasse-Anspruch, 18 Mal Meister, fünfmaliger Europapokalsieger. Aber eine schmerzvolle Niederlage, 1966 Endspiel der europäischen Pokalsieger. Der Gegner im Übrigen: Borussia Dortmund.

Dieses Liverpool ist Triumph und Tragödie. Das Desaster von Hillsborough, 96 Tote, liegt immer noch bleischwer und unvergessen auf dieser großartigen Hafenstadt im Norden. Der Klub ist Verheißung und Vermächtnis. Vorm Stadion an der Anfield Road in Siegerpose als Bronze-Denkmal die Trainerikone Bill Shankly, darunter in goldenen Lettern der Spruch: "He made the people happy", er hat die Leute glücklich gemacht. Exakt das und keinen Deut weniger erwarten die Menschen jetzt auch von Jürgen Klopp.

Kader mittelprächtig, Erwartungen himmelhoch

Er wird schon wissen, auf was er sich da einlässt. Borussia war kuschelig, Liverpool ist das nicht. In Dortmund fing er unter null an. In England bei ungefähr 180. Der Kader mittelprächtig, die Erwartungen aber himmelhoch. In Dortmund hatte er seine Duzfreunde Aki Watzke und Michael Zorc um sich und konnte notfalls beim Bier entscheiden, wen sie holen und verkaufen. In Liverpool wacht darüber ein Konsortium, die "Fenway Sports Group" (FSG) aus Boston. Denen gehört in Boston auch der Baseball-Klub Red Sox. Und diese Herrschaften, obschon nicht zwangsläufig kenntnisreich, bestimmen im berühmt-berüchtigten "transfer committee" über Wohl und Wehe bei den Spielern.

Klopps Vorgänger, der sympathische Nordire Brendan Rogers, ist auch an ihnen gescheitert. Rogers musste gehen nach einem Sieg und einem Unentschieden. Der Wind ist rau in Liverpool, nicht nur wegen der See. Aber jetzt gilt erst mal und überall: "Welcome, Jurgen".

Die Nummer mit dem Umlaut wird er ihnen schon beibringen.

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