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Krawalle in Leipzig: Am Wochenende ruht in Sachsen der Ball

Aufs Entsetzen folgt hektische Aktivität: Drei Tage nach der Hooligan-Treibjagd hat der Sächsische Fußballverband alle Wochenend-Spiele von der Kreisklasse bis zur Landesliga abgesagt. Eine drastische Maßnahme - die nicht alle für sinnvoll halten.

Mit einer noch nie da gewesenen drastischen Maßnahme hat der Sächsische Fußballverband (SFV) auf die Krawalle von Leipzig reagiert und für ein Novum im deutschen Fußball gesorgt. 60 für dieses Wochenende angesetzte Spiele der unteren Amateurklassen wurden am Dienstag abgesagt. Damit setzte der SFV nur drei Tage nach den schweren Ausschreitungen mit 39 verletzten Polizisten nach dem Spiel des 1. FC Lok Leipzig gegen Erzgebirge Aue II das von DFB-Präsident Theo Zwanziger geforderte Signal an die Randalierer.

"Die Vereine der zuletzt von den Ausschreitungen betroffenen Regionen setzen ein deutliches Zeichen der Solidarität in Richtung der Polizei und zeigen, dass Gewalt in und um die Fußballplätze Sachsens nicht toleriert werden kann", sagte Zwanziger in einer ersten Reaktion auf die beispiellose Sanktion.

Keine Kapitulation

Auch der Sicherheitsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes, Helmuth Spahn, begrüßte den harten Beschluss. "Wir kapitulieren damit aber nicht vor den Randalierern", sagte er. SFV-Präsident Klaus Reichenbach betonte die Bedeutung der Entscheidung: "Die Spiele auszusetzen, ist ein symbolischer Akt. Wir mussten Zeichen setzen, sind der Empfehlung des DFB gefolgt und wollten uns mit den Polizisten, die am Wochenende ihre Knochen hinhalten mussten, solidarisch erklären", sagte er.

Von der Absage sind alle Partien von der Kreisklasse bis hinauf zur Landesliga betroffen. Der Spielbetrieb in den einzelnen Ligen soll am darauf folgenden Wochenende wieder wie geplant fortgesetzt werden. Reichenbach, der noch am Montag zusammen mit Zwanziger die Finanzierung von sechs Fan-Projekten in Sachsen sicherstellte, appellierte an die Justiz: "Die Gewalttäter müssen schnell und streng abgeurteilt werden."

Freistaat kündigt härtere Gangart an

Der Leiter der Koordinierungsstelle für Fanprojekte, Michael Gabriel, reagierte hingegen mit Skepsis auf die Absagen. Dies sei ein "Zeichen für Unsicherheit", meinte Gabriel in Frankfurt/Main beim internationalen Fan-Kongress zur EM 2008. "Ich weiß nicht, wie das bei den Vereinen ankommt."

Innenminister Albrecht Buttolo (CDU) kündigte am Dienstag bereits vor den Absagen an, dass der Freistaat künftig mit einer härteren Gangart gegen Gewalttäter vorgehen werde. "Ein leeres Fußballstadion ist mir tausend Mal lieber als die Beerdigung eines Polizisten", sagte der Minister. Künftig sollen bei brisanten Spielen sachsenweit so genannte Sport-Staatsanwälte zum Einsatz kommen, die bei Bedarf an Ort und Stelle Haftbefehle beantragen können. Selbst Gesetzesänderungen schloss Buttolo nicht aus, Details nannte er nicht. "So kann und darf es nicht weitergehen", sagte der Minister in Dresden und gab zudem an, dass sich die Zahl der verletzten Polizisten von 36 auf 39 erhöht hatte.

Lok Leipzig will vom Platz gehen

Mannschaft und Trainer des 1. FC Lok Leipzig haben auch über das Wochenende hinaus mit einem Spielboykott gedroht, wenn Chaoten erneut bei einer Partie des Clubs erscheinen. "Wir nehmen uns das Recht heraus, vom Platz zu gehen, wenn wir diese Randalierer noch einmal in einem Stadion sehen. Darauf haben sich Team und Trainer geeinigt. Wir wollen ein Zeichen setzen", sagte Mannschaftskapitän Holger Krauß, der die Absage des Spieltags kritisierte: "Andere Vereine werden mit bestraft. Und die Chaoten haben erreicht, dass sie so viel Einfluss bekommen. Das ist das falsche Zeichen."

Unterdessen hat sich der Vorstand des 1. FC Lok gegen Vorwürfe gewehrt, Sicherheitsstandards nicht eingehalten zu haben. "Wie seit drei Jahren wurde auch vor diesem Spiel eine Sicherheitskonferenz, wie sie jeder Oberligaverein machen muss, durchgeführt. Alle Sicherheitsmaßnahmen, auch strenge Einlasskontrollen, wurden einvernehmlich mit Vertretern der Stadt Leipzig sowie der Polizei abgestimmt", teilte der Verein in einer schriftlichen Erklärung mit.

Es sei unverständlich, dass Buttolo und Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung dem Verein im Nachhinein ein Fehlverhalten anlasten wollten. "Nach dem Umfang des Kartenvorverkaufs wurde das Ordnerkontingent weiter aufgestockt. Insgesamt waren es 40 Prozent mehr als die Spielordnung des SFV es fordert", heißt es.

Ist präventive Sozialarbeit die Lösung?

"Ich erwarte von den Vereinen deutlich härtere Einlasskontrollen", sagte im Gegenzug Buttolo. Er halte es für dringend geboten, dass die von den Vereinen eingesetzten Sicherheitsdienste durch den DFB oder den SFV zertifiziert werden. Der DFB-Sicherheitsbeauftragte Spahn kündigte an, dass Sicherheitsrichtlinien für untere Spielklassen erarbeitet und umgesetzt werden sollen. Zudem werde die präventive Sozialarbeit im Umfeld der Fußballclubs forciert. "Das koste Zeit, das kostet Geld - wir müssen einen langen Atem haben und diese Aufgabe angehen", betonte Spahn.

Beim Einsatz in Leipzig sei man besorgt um das Leib und Leben der Beamten gewesen. Der Leipziger Polizeichef Rolf Müller erinnerte an jenen Zivilbeamten, der von Hooligans gejagt worden war und dann einen Warnschuss abgegeben hatte. Die Täter hätten ihn mit den Worten "Macht ihn platt! Du kommst nicht mehr heim" verfolgt.

Frank Kastner und Jörn Perske/DPA / DPA

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