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Premier League: Wie der Trainer Jürgen Klopp die Fußball-Stadt Liverpool mitreißt

Seit fast 30 Jahren ist der FC Liverpool ohne Meistertitel. Trainer Jürgen Klopp soll das ändern. Über eine Stadt, die in Gläubige und Zweifler geteilt ist.

Von Raphael Honigstein

Liverpool: Wie der Trainer Jürgen Klopp die Fußball-Stadt mitreißt

Ikonenmalerei: Im Zentrum von Liverpool platzierte der Künstler Akse P19 im vergangenen Dezember ein Wandbild von Jürgen Klopp

Es ist noch eine Stunde bis zum Anpfiff des Spiels an einem späten Januarabend und für eine Warm-up-Party eigentlich viel zu kalt. Ein Sturmwind von der Irischen See bläst den gut 200 Liverpool-Fans den Eisregen waagerecht in die bleichen Gesichter. Sie singen und frösteln trotzdem fröhlich zwischen Pommes- und Bierständen im betonierten Garten des Hotels "Tia", das zwei Liverpool-Verrückte aus Norwegen vor ein paar Monaten zu einem Fantreff umfunktioniert haben. Unter einem Zeltdach stimmt Jamie Webster, von Beruf Elektriker und im Nebenjob Vereinsbarde, auf der Gitarre schmachtende Lieder über die größten Helden des Fußballklubs an. Der deutsche Trainer Jürgen Klopp gehört, wie sich bald herausstellt, nicht dazu.

Peter Hooton hat keinen Schirm dabei und auch keine Mütze. Die grau melierten Haare können ruhig nass werden, nur sein Bier darf nicht verwässern. Er hält die rechte Hand flach über die Dose in der linken. "Alright, la?" Der Aktivist Hooton ist Autor der sehr schönen Liverpooler Vereinschronik "The Boot Room Boys" und Gründer der Band The Farm, mit der er Anfang der Neunziger ein paar linksdrehende Pophits hatte. Diese Kombination macht ihn zu Liverpools wandelnder Dreifaltigkeit: Politik, Fußball und Musik sind hier seit Urzeiten die beherrschenden Themen.

Liverpool, die stolze Arbeiterstadt

"Die Stimmung ist ein wenig seltsam", sagt er. "Die Leute können sich nicht so recht entscheiden, ob sie sich über diese einmalige Chance freuen oder sich doch lieber sorgen sollen, dass alles den Bach runtergehen könnte." Hooton meint damit nicht den Brexit, denn darüber gibt es hier im Gegensatz zum Rest des zunehmend Unvereinigten Königreichs kaum zwei Meinungen. Die stolze Arbeiterstadt Liverpool hat überwiegend für den Verbleib in der EU gestimmt, als einziger Trainer in der Premier League bekannte sich auch Jürgen Klopp offen zur europäischen Idee. "Die Geschichte hat gezeigt, dass man alleine viel schwächer ist als in einem Bündnis", sagte er der BBC. "Solange die starken Länder vereint sind, gibt es Frieden in Europa. Wir sollten alle zusammenhalten und uns nichts von Ahnungslosen von der rechten Seite einreden lassen. Das war noch nie die Lösung."

Nein, es ist natürlich der Fußball – "eine ernstere Angelegenheit als Leben und Tod", wie Liverpools Trainerlegende Bill Shankly (1913–81) einst erklärte –, der den Menschen vor Ort mal wieder Verstand und Ruhe raubt. Klopps Team spielte bisher derart konstant in der Liga, dass die Erfüllung der allergrößten Sehnsucht des Klubs unverhofft in Reichweite gerückt ist: Liverpool kann zum ersten Mal seit 1990 Meister werden. Dementsprechend hoch schlägt der Puls, und Klopp muss sich nach jeder Partie aufs Neue von der Frage nerven lassen, ob seiner Elf das enge Rennen an die Nerven gehe. "Machen Sie sich keine Sorgen um uns", sagt er nach dem Spiel gegen West Ham (1 : 1) trotzig. Sein Team hat die Chance verpasst, den Abstand auf Manchester City an der Spitze zu vergrößern. Sich hinterher von anderer Seite mentale Schwäche einreden zu lassen war aber auch noch nie die Lösung.

Wunderglaube: Die Fans halten fest zu Klopp, auch wenn er bislang keinen Titel geholt hat. Das Europa-League-Finale 2016 etwa verlor Liverpool 1:3 gegen Sevilla.

Wunderglaube: Die Fans halten fest zu Klopp, auch wenn er bislang keinen Titel geholt hat. Das Europa-League-Finale 2016 etwa verlor Liverpool 1:3 gegen Sevilla.

"Ich bin alt genug, mich an die glorreichen Siebziger und Achtziger zu erinnern", sagt der 56-jährige Peter Hooton milde lächelnd. "Aber viele jüngere Fans haben Liverpool am Ende einer Saison nie auf Platz eins gesehen. Sie können mit der Situation nicht so richtig umgehen." 2009 und 2014 kam der einstige Rekordmeister (zwischen 1901 und 1990: 18 Titel) dem Ziel zuletzt nahe; in beiden Jahren ging ihm auf den letzten Metern die Puste aus. Defätismus machte sich wie stinkender Nebel breit.

Als Klopp im Oktober 2015 seine Mission als Vereins-Elektrisierer antrat, war er sich der Schwere der Aufgabe bewusst. Liverpool war müde, ein Klub verloren im Gestern. Sein Job sei es, "aus Zweiflern Gläubige zu machen", erklärte der Schwabe im Duktus eines Wanderpredigers. "Wir dürfen nicht mit einem 20 Kilo schweren Rucksack der Geschichte herumlaufen." Anstelle des wehleidigen Blicks zurück verschrieb er der roten Gemeinde den Griff zum Sicherheitsgurt: Sie solle sich bereit machen für "Vollgasfußball" und für einen emotionalen Sturm auf den viel zu ruhig gewordenen Rängen.

Er wollte ausdrücklich kein Erlöser sein, sondern nur "The Normal One", der Normale aus dem Schwarzwald. Sein Wort hielt er dennoch. Einige Male schepperte es richtig schön, zum Beispiel im April 2016 beim irrwitzigen Last-Minute-4 : 3-Sieg im Viertelfinale der Europa-League gegen seine alte Liebe Borussia Dortmund. Und erst recht im vergangenen Jahr, auf dem Weg ins Endspiel der Champions League – das aber 1 : 3 verloren ging gegen Real Madrid nach zwei Torwartfehlern von Loris Karius, dem der Ellenbogen von Sergio Ramos eine Gehirnerschütterung zugefügt hatte.

Lieber Underdog

In dieser Saison spielt Liverpool ruhiger, souveräner; Klopp muss nicht mehr ständig den Stadion-Berserker geben, er kann sich an der Seitenlinie auf den taktischen Feinschliff konzentrieren. Beim späten Derby-Sieg gegen Everton (1 : 0) im Dezember ging es dennoch mit ihm durch. Er sprintete nach dem Treffer von Divock Origi in der 96. Minute auf den Platz und sprang im Mittelkreis Alisson in die Arme. "Es war nicht cool, aber so etwas passiert", sagte er hinterher, leicht beschämt über den eigenen Kontrollverlust.

Seine cool agierende Elf verlor bis Anfang Januar kein einziges Spiel in der Liga. Doch nach einem knappen 1 : 2 im direkten Duell mit dem schärfsten Konkurrenten, dem von Pep Guardiola trainierten Vorjahresmeister Manchester City, sind aus einigen Gläubigen schon wieder Zweifler geworden.

Klopp mag es insgeheim wie ein schlechter Witz anmuten, dass sich ihm dieses Jahr schon wieder Guardiola (in der Liga) und der FC Bayern (im Champions-League-Achtelfinale) in den Weg stellen wollen. Die Münchner hatten ihn im Finale der Champions League in Wembley 2013 mit 2 : 1 besiegt und danach mit Guardiola eine Koryphäe geholt, die Bayern noch besser machte und so den Abschied von Klopp aus Dortmund 2015 beschleunigte.

Seltene Nähe: Klopp geht ungern auf seine Fans zu. Bei diesem jungen Anhänger des Zweitliga-Klubs Wigan Athletic machte er eine Ausnahme.

Seltene Nähe: Klopp geht ungern auf seine Fans zu. Bei diesem jungen Anhänger des Zweitliga-Klubs Wigan Athletic machte er eine Ausnahme.

Gegen die defensiv wackeligen Bayern galt Liverpool als Favorit, auch wenn sich Klopp alle Mühe gab, die Münchner als hochgefährlich darzustellen. Ihm geht gegen den Strich, dass viele Liverpool schon im Viertelfinale wähnen. Als Underdog fühlt er sich wohler.

Doch wie kommt Jürgen Klopp, der von Deutschland aus betrachtet manchmal wie ein Volksheld wirkt, beim Rest der Insel an? Man könnte meinen, dass viele neutrale Beobachter den altehrwürdigen Reds allein aus fußballromantischen Beweggründen die Daumen drückten. No chance. Wenn es um Liverpool geht, gibt es in England keine neutralen Beobachter – nur Liebe oder Verachtung. Klopp muss als Oberhaupt des viel gebeutelten Stammes vom Flusse Mersey nicht nur gegen die bösen Geister der jüngeren Historie ancoachen, sondern auch gegen die Antipathien des ganzen Landes. Anders als zu seiner Zeit in Dortmund, als sich viele Zuschauer über Borussias begeisternden Fußball und den Erfolg des stoppelbärtigen Massenbewegers freuen konnten, wünschen viele Briten Klopp und seinen Spielern das schlimmstmögliche Scheitern.

"Anfield Wrap"

Und das sollte auch nicht anders sein, findet Neil Atkinson. "Es ist gut, wenn man Angst vor uns hat", sagt der 38-Jährige, der allwöchentlich in seinem Podcast "Anfield Wrap" die Partien seines Teams in mikroskopische Teilchen seziert. "Das zeigt doch nur, welche Ausnahmestellung der FC Liverpool noch immer im englischen Fußball hat. Viel schlimmer wäre es, wenn es allen egal wäre, ob wir Meister werden würden, oder?"

Klopp selbst stand Atkinson mehrfach Rede und Antwort; ansonsten hält sich der 51-Jährige aber eher zurück, was den direkten Kontakt mit den Fans angeht. An den seltenen freien Abenden geht er in den Pub um die Ecke von seinem Haus im Vorort Formby, wo die Leute den "Jährgen" und Hund Emma vom Gassigehen kennen und ihn höflich in Ruhe lassen.

Die Scouser, wie Liverpools Einwohner wegen ihrer Vorliebe für Labskaus ("scouse") genannt werden, erkennen in Klopp einen der Ihren wieder. "Liverpool ist eine rebellische Stadt, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Das ist Jürgen auch", sagt Jegsy Dodd, 61, ein Fan, der seit 1969 kaum ein Spiel verpasst hat. "Gleichzeitig ist er ein Typ ohne Allüren. Man kann sich super vorstellen, mit ihm ein Bier zu trinken."

Zähne zeigen: Wie schon in der Bundesliga feiert Klopp die Erfolge seines Klubs mit großen Gesten – nicht immer cool, wie er selbst zugibt

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Als Klopp noch in Mainz trainierte, saß er nach Spielen tatsächlich mit einigen Fans regelmäßig in der Vereinskneipe. Das geht in Liverpool nicht. Man hat ihn in dreieinhalb Jahren noch nicht einmal in unmittelbarer Nähe des Kop gesehen. Auf der nach der verlustreichen Schlacht am Spioenkop-Berg im Burenkrieg benannten Tribüne stehen die treuesten und lautesten Anhänger. Der Kop ist der symbolische Schwerpunkt des Vereins, aber Klopp entzieht sich seiner Anziehungskraft. Auch nach dramatischen Triumphen hält er stets einen Sicherheitsabstand von gut 20 Metern. Der Podcaster Atkinson vermutet dahinter taktisches Kalkül: "Klopp weiß, dass Trainer in Liverpool sehr schnell vergöttert werden, und er wirkt diesem Kult bewusst ein bisschen entgegen. Ihm ist es lieber, wenn die Fans die Namen der Spieler singen als seinen."

Gelobtes Land

Im September 2016 gab es im Kop den zaghaften Versuch, ein Klopp-Lied zur Melodie von "Live is Life (nana-nanana)" anzustimmen. Klopp fand das unangemessen, weil zum Zeitpunkt der Serenade die Partie noch nicht gewonnen war. "Das ist nett, aber unnötig. Bitte aufhören!", beschied er dem Anhang. Die Fans halten sich seitdem brav an die Anweisung.

Klopp brauche derzeit aber sowieso kein Lied, sagt Neil Atkinson. Ein Trainer werde von den Zuschauern oft dann lautstark bejubelt, wenn er unter Druck stehe oder alles schon wieder vorbei sei. Für Klopp aber fange es hier erst richtig an. "Er kann dieses Jahr den größten Erfolg seiner Karriere feiern und wahrhaft unsterblich werden: Als der Mann, der uns nach fast 30 Jahren in der Wildnis endlich ins gelobte Land führt."

Jürgen Klopp und Xherdan Shaqiri nach dem Spiel

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