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Machtkampf um die Nationalelf: Weitere Eskalation nicht ausgeschlossen

Der Konflikt zwischen der Führung der Nationalelf und dem DFB ist kaum noch zu lösen. Ein Nachfolger für Joachim Löw stünde bereit.

Ein Kommentar von Stefan Osterhaus

Ob er über den Sommer hinaus noch Bundestrainer bleibt? Joachim Löw musste einen Moment überlegen, ehe er sagte: "Man muss mal sehen, ob wir dann noch gefragt werden, und ob wir auch zu Gesprächen bereit sind." Im "Aktuellen Sportstudio" erklärte Löw das Dilemma um die nicht zustande gekommene Vertrags-Unterschrift, er versuchte es zumindest. Er tat dies wohl auch, um sich wieder ein Stück weit der "Kommunikationsherrschaft" zu nähern, ohne die man laut DFB-Boss Theo Zwanziger "immer der Verlierer" ist.

Der DFB hat zahlreiche widerspruchslose Unterstützer im Boulevard. Die Positionen von Bierhoff und Löw finden sich dagegen vor allem in der überregionalen Presse wieder. Mittlerweile hat die öffentliche Diskussion eine Schärfe erreicht, die mancher politischen Debatte um den Ankauf von Steuerdaten-CDs zu wünschen wäre. Meinungen gibt es viele, doch in einem Punkt sich alle einig: Die Situation ist verfahren.

Löw bindet sich untrennbar an Bierhoff


Löw hat eine deutliche Position bezogen. Und die macht es nicht leichter, sich dem DFB wieder anzunähern, sofern er seinen bestimmt nicht schlecht dotierten Vertrag über die WM hinaus verlängern möchte. Irritierend ist, dass er sich in einer anderen Angelegenheit eindeutig positioniert hat: Mit seinem Auftritt hat er seinen Verbleib im DFB untrennbar von dem des Nationalmannschafts-Managers Oliver Bierhoff abhängig gemacht. Der hat im Verband eine muntere Karriere hinter sich, die dem Höhepunkt, dem Status der persona non grata, steil entgegen strebt. Zwanziger schiebt Bierhoff vor allem wegen des verlangten Vetorechts bei der Wahl des Bundestrainers die Schuld an den gescheiteren Verhandlungen zu. Ein kluger Winkelzug, denn Löw ist der Mann des Volkes und nicht Bierhoff.

So fällt es Zwanziger leicht, gegenüber Löw Sympathie-Bekundungen abzugeben und Bierhoff gleichzeitig ins Abseits zu drängen. Das Führungsduo scheint zudem schlecht beraten zu sein. Denn schon ein paar Sätze, die ein wenig relativieren, hätten die eigene Position in der Öffentlichkeit verbessern können. "Wir verhandeln jetzt nach der WM, da haben wir dann gute Argumente" - das hätte genügt, um der Angelegenheit etwas von ihrer Schärfe zu nehmen. Doch genau wie sein Vorgänger und ehemaliger Chef Jürgen Klinsmann ist Löw bei Konflikten ein Mann, der die Konfrontation sucht - man erinnere sich bloß an den Rauswurf Kevin Kuranyis, den Streit mit dem Mittelfeld-Duo Frings und Ballack und die Abservierung von Jermaine Jones ("Wir stellen nach Leistung auf, nicht nach Tattoos").

Eskalation nicht ausgeschlossen


Eine Eskalation ist jedenfalls nicht ausgeschlossen: Der Boulevard-nahe DFB hat sich die Absolution schon mal von "Bild" erteilen lassen. Denn da sagt ein verdientes DFB-Mitglied: "Jeder ist ersetzbar." Es war Franz Beckenbauer. Lange suchen müsste der DFB nach einem Nachfolger nicht. DFB-Sportdirektor Matthias Sammer, der noch im letzten Jahr in ein heftiges Kompetenz-Gerangel wegen der U21-Nationalmannschaft mit Löw verwickelt war, würde sich wohl ganz gerne fragen lassen. Von Sammer hat man in der aktuellen Diskussion übrigens kein Wort vernommen: Das könnte sich am Ende als die überlegene Strategie herausstellen.

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