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Ottmar Hitzfeld: "Ich war nie richtig gelassen"

Er hätte Bundestrainer werden können oder bei Real Madrid anheuern, aber Ottmar Hitzfeld lehnte alle Angebote ab. Der frühere Coach des FC Bayern sprach mit dem stern über seine innere Ruhe, die ihn selbst verblüfft, die baldige Rückkehr zum Fußball - und darüber, was Schalke seinem alten Klub voraushat.

Herr Hitzfeld, als Trainer des FC Bayern haben Sie auf der Fahrt zum Trainingsgelände oder zu Presseterminen immer das Autoradio ausgeschaltet, um in Ruhe alle möglichen Szenarien ihres Arbeitstages durchzuspielen. Wie war das heute?

Ich bin ganz relaxt zu Ihnen gekommen, habe die Nachrichten gehört. Als Trainer wäre es natürlich anders gewesen. Da darf ich nie die Konzentration verlieren. Jetzt aber bin ich Privatmensch, Hobbyfußballer und neutraler Fußballfan.

Können Sie mittlerweile auch besser schlafen? Sie sagten ja mal, der Job raube ihnen die Nächte.

Schon, ich genieße dieses Glücksgefühl, abends ins Bett zu gehen und zu wissen, ich habe einen schönen Tag vor mir. Ich muss nicht mehr Angst haben, dass irgendwas in der Zeitung steht, dass ein Spieler sich wieder disziplinlos verhalten hat, den ich bestrafen muss. Ich stehe später auf als früher, lerne dann Eng-lisch und Italienisch, was auch Spaß macht.

Aber davon allein haben Sie nicht wieder so eine gesunde Farbe im Gesicht.

Ich bin viel herumgereist. Im November war ich noch mal in Marokko, mit meinem Bruder und meiner Schwester, zwei Wochen haben wir dort Golf gespielt, da habe ich einen großen Schub nach vorne gemacht, seitdem bin ich wirklich zur Ruhe gekommen. Freitags denke ich jetzt nicht mehr: "Oh, morgen ist ja Bundesliga!"

Haben Sie es nie bereut, im Sommer das Amt des Bundestrainers ausgeschlagen zu haben?

Ich denke eher so: Schau, Ottmar, vier Monate hast du gebraucht, bis du endlich richtig entspannt warst. Das alleine zeigt mir, dass ich im Juli richtig entschieden habe. Ich hätte den Job des Bundestrainers niemals machen können. Ich hatte nicht die Kraft dazu. Jetzt, da ich eine innere Ruhe verspüre, eine innere Ruhe, die ich vorher nicht kannte, muss ich mir eingestehen, dass der Stress eines Trainers viel größer ist, als ich ihn wahrgenommen habe. Ich habe diesen Job 21 Jahre lang ausgeübt, kannte nichts anderes, als erfolgreich zu arbeiten, immer wieder Titel zu holen und dann wieder den nächsten Titel, wieder die nächste Meisterschaft, wieder den nächsten Sieg. Gelassen war ich in diesen 21 Jahren nie.

Haben Sie in den vergangenen Monaten irgendetwas Neues über sich erfahren?

Ja, dass mir auch dieses Leben gut tut. Eine einfache, aber für mich lebensbejahende Erkenntnis. Sie haben im Sommer auch deshalb abgesagt, weil Sie Ihrer Frau versprochen hatten, nach dem Weggang vom FC Bayern im Mai ein ganzes Jahr zu pausieren.

Wollten Sie sich damit bei ihr auch für den Rückhalt der vergangenen 21 Jahre als Trainer bedanken?

Wissen Sie, meine Frau leidet mit mir, wenn ich Trainer bin. Sie kommt genauso wenig zum Abschalten wie ich. Nicht mal ein Buch kann sie in Ruhe lesen, weil sie mit mir fiebert. Die ganze Familie kam zu kurz, auch mein Sohn. Natürlich hatten wir ein schönes Leben, aber eben eines voller Anspannung. Es war wichtig für mich, meiner Frau zu zeigen, dass ich auch nein sagen kann. Denn Fußballtrainer sind meist süchtig nach der Droge Fußball, nach der Atmosphäre im Stadion, nach dem Gewinnenwollen. Ich wollte ihr beweisen, dass ich loslassen kann.

Vor einigen Jahren wollte Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp, dass Sie vor seinen Managern Vorträge über Führungskräfte halten. Sie haben damals abgelehnt. Gab es jetzt wieder Anfragen?

Die habe ich permanent. Aber ich mache das nicht, weil ich immer noch Trainer bin. Sonst heißt es: "Jetzt tingelt er rum und geht von Firma zu Firma." Das möchte ich nicht. Ich will weiter als Trainer ernst genommen werden.

Da kommt bei Ihnen der alte Kontrollmechanismus hervor: bloß immer aufs Image achten!

Ja, das ist mir schon wichtig.

Sie leben noch in München, werden bestimmt noch oft angesprochen, und die am häufigsten gestellte Frage ist die nach dem FC Bayern, nehmen wir mal an.

Natürlich, ich werde immer noch mit diesem Verein in Verbindung gebracht. Wenn ich im Ausland bin, heißt es sogar noch: "Ah, der Bayern-Trainer!" Dann sage ich: "Ja, Ex-Bayern-Trainer."

Ihr Nachfolger Felix Magath ...

Bitte haben Sie Verständnis, aber ich möchte keine Vergleiche zwischen ihm und mir.

Dann anders gefragt: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie sich ein Bayern-Spiel anschauen?

So viel beschäftige ich mich nicht mit den Bayern, ganz bewusst nicht. Aber wenn, dann fiebere ich mit. Ist doch klar, ich kenne viele der Spieler, kenne ihren Ehrgeiz, weiß, wie nervös sie sein können.

Der FC Bayern startet am Freitag als Tabellenerster in die Rückrunde, gejagt vom FC Schalke 04. Sind die Schalker wirklich der ärgste Konkurrent?

Absolut. Obwohl, es wäre für mich schon eine kleine Sensation, wenn sie es in diesem Jahr schon schaffen würden. Normal braucht ja eine Mannschaft zwei, drei Jahre, um zu wachsen. Und die Schalker haben mit Krstajic, Bordon, Lincoln und Ailton viele neue Spieler geholt.

Was macht Schalke so gefährlich?

Na ja, sie haben den Vorteil, dass sie ... ich weiß nicht, 52 oder wann, das letzte Mal Deutscher Meister waren.

So lange ist es nicht her: 1958.

Entschuldigung, 58, na gut. Die Schalker sind deshalb viel hungriger, und sie haben weniger zu verlieren als die Bayern. Bei denen gibt es als Zweiter oder Dritter gleich Theater. Wenn die Schalker Zweiter oder Dritter sind, dann wird immer noch positiv geschrieben, und man träumt immer noch von der Meisterschaft. Das ist der große Unterschied.

Was hat Ihnen am meisten Spaß gemacht in der Hinrunde?

Die Aufsteiger, die sehr gut mitspielen. Die frechen Mainzer, Nürnberg und Bielefeld auch.

Junge Trainer wie Jürgen Klopp bei Mainz lassen sich von der Euphorie um ihren Klub und auch um die eigene Person mitreißen. Klopp hat aber nach nur ein paar Monaten das Gefühl, er habe schon alles von sich preisgegeben, er fühle sich leer. Das ist Ihnen sehr wahrscheinlich nie passiert.

Er ist ein anderer Typ als ich. Wenn man zu schnell zu viel von sich erzählt, dann ist die Gefahr groß, dass man auch schnell ausgebrannt ist. Und wenn man alle Veranstaltungen besucht, auf die man eingeladen wird, dann verbraucht man sich. Nimmt man sich in diesem Job etwas mehr zurück, kann man länger überleben, gerade in der heutigen Zeit.

Ein anderes Problem der Bundesliga-Trainer ist die WM 2006. Felix Magath hat sich kürzlich beklagt, die Spieler würden nur darüber nachdenken, wie sie sich bei diesem Ereignis in Szene setzen. Können Sie seine Sorge nachvollziehen?

Als Bayern-Trainer stöhnt man immer über zu viele Länderspiele, weil Bayern sehr viele Nationalspieler hat und die lieber schonen möchte. Aber es ist absolut in Ordnung, schon jetzt Stimmung zu machen für 2006. Das ist auch für die Liga gut. Warum hat man jetzt so viele Besucher in den Stadien? Die Vorfreude ist riesig, und die Nationalelf ist die wichtigste Mannschaft für den deutschen Zuschauer.

Als Bayern-Trainer würden Sie das bestimmt nicht so sagen.

Vermutlich nicht. Aber ich als neutraler Fußballfan in Deutschland, ich finde das richtig. Wenn wir Weltmeister werden wollen, dann müssen alle mitfiebern. Und Jürgen Klinsmann macht das auch sehr gut, durch seine ansteckende Art. Das ist das Wichtigste überhaupt, dass diese Stimmung anhält. Wenn die abbricht, wird es gefährlich. Und darum muss man hoffen, dass die Nationalelf in diesem Sommer einen guten Confederations Cup spielen wird. Das wird der Maßstab für Klinsmann sein.

Wo sehen Sie sich denn bei der WM 2006? Nicht auf dem Kommentatorenplatz von Premiere, oder?

Das ist möglich, dass ich da oben sitze. Aber vielleicht bin ich bis dahin auch wieder irgendwo Trainer. Aber wo? Den Fußball kann man nicht planen.

Warum wollen Sie überhaupt wieder in dieses brutale Geschäft zurückkehren? Gerade haben Sie uns doch noch sehr eindrücklich die Belastung geschildert.

Es ist dieses Trainer-Gefühl. Wenn du diese Nervosität, diese Anspannung in dir spürst. Es gibt ja fast nichts Schöneres, als wenn du dich vor dem Spiel fragst: Schaffen wir es? Schaffen wir es nicht? Und dann hat man es geschafft, ein schwieriges Spiel umzubiegen, man gewinnt, das ist herrlich. So was vermisse ich schon. Wenn ich bei Premiere ein Spiel zu Ende kommentiert habe, habe ich den gleichen Gemütszustand wie vor dem Spiel. Da tut sich überhaupt nichts.

Real Madrid hat Sie schon zweimal kontaktiert, Sie haben jedes Mal nein gesagt.

Ich habe mich höflich bedankt, aber ich war noch nicht bereit. Außerdem kann ich im Juli nicht der deutschen Nationalelf absagen, und dann gehe ich im Oktober zu Real. Da wäre ich nicht glaubwürdig.

Und was ist mit den Türken? Die wollen Sie als Nationaltrainer verpflichten.

Ich mache bis Juli nichts. Wo ich dann arbeiten werde, entscheide ich erst im April, Mai.

Bei den Bayern hieß es zuletzt, Sie seien zu weich geworden im Umgang mit den Spielern. Werden Sie denn beim nächsten Verein Ihren Stil ändern?

Nein, ich werde mich immer auf meine innere Stimme verlassen, der Situation entsprechend handeln. Und Respekt untereinander ist mir immer wichtiger als irgendwelche Effekthascherei.

Aber Sie werden mit dem Stress anders umgehen?

Oh, ich kenne mich ja selbst, das wird nicht funktionieren. Man kann sich ja vornehmen, ruhiger zu bleiben, aber ich bin halt ein Typ, der gleich wieder Spannung aufbaut und für den dann nur der totale Erfolg zählt.

Einer Ihrer Lieblingssätze stammt aus "Siddhartha" von Hermann Hesse: "Wenige sind wie Sterne, die gehen eine feste Bahn, kein Wind erreicht sie, in sich selber haben sie ihr Gesetz und ihre Bahn." Glauben Sie, dass Sie jetzt Ihre Bahn gefunden haben?

Ich bin glücklich mit meinem Leben, mit den Entscheidungen, die ich getroffen habe. Also: Von daher bin ich schon in der richtigen Spur. Das Interview mit Ottmar Hitzfeld führten Thomas Schumann und Giuseppe Di Grazia

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