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Schalke-Manager Müller: "Glück aus!" auf Schalke

Schalkes gefeuerter Manager Andreas Müller war die einzige Kraft aus der königsblauen Führungsriege, die fußballerischen Sachverstand besaß. Eile bei der Suche nach dem Erben für Andreas Müller scheint der Club komischerweise nicht zu haben.

Von Andreas Morbach, Gelsenkirchen

Eine ordentliche Prise Großmannssucht muss es bei Clemens Tönnies selbst in den dunklen Momenten des Lebens sein. Gestern war so ein unschöner Tag: Am späten Vormittag fuhr der Aufsichtsrats-Chef des FC Schalke 04 wie angekündigt vor der Geschäftsstelle des Dauerkrisen-Klubs vor - sozusagen als Vollzugsbeamter beim Rausschmiss von Andreas Müller. Doch bevor Tönnies dem zunehmend glücklosen Manager von S04 über seine sofortige Beurlaubung informieren konnte, musste noch der dicke, schwarze Mercedes des millionenschweren Fleisch-Verkäufers aus Ostwestfalen geparkt werden. Um solche Feinheiten kümmert sich Clemens Tönnies allerdings nicht selbst: Wenige Meter vor Erreichen der Parklücke entstieg Schalkes Ober-Rausschmeißer seinem Wagen - und überließ den Rest einem herbei geeilten Fahr-Lakaien des Revierklubs.

Tönnies' Aufsichtsratskollege Jens Buchta, der dem finalen Sechs-Augen-Gespräch mit Müller beiwohnte, hatte es bei seiner Ankunft zuvor ebenso gehalten. Dann kam der Chef - mit einem feinen Gespür für die aktuelle Lage des FC Schalke um fünf vor zwölf - und machte sich ans Werk. Genau zwei Stunden später war der Vorsitzende des blau-weißen Kontrollgremiums so weit, Müllers längst erwartete Beurlaubung den zum Teil seit Stunden ausharrenden Journalisten mitteilen zu können. Die rund 50 Medienvertreter waren im ersten Stock des Vereinslokals "Der Schalker" mit leicht angefrorenem Apfelkuchen versorgt worden. Vermutlich gezielt, denn so konnte Andreas Müller um kurz nach halb zwei nahezu unbemerkt zu seinem Auto rennen und kommentarlos von der Bildfläche verschwinden.

2,5 Millionen Euro Abfindung

Am Samstag allerdings wird der 46-jährige Schwabe wieder am Ernst-Kuzorra-Weg aufkreuzen. Denn endgültig entlassen konnten Tönnies und Konsorten den Manager noch nicht, laut Satzung kann das erst im Rahmen einer Aufsichtsratssitzung geschehen. Die nächste war ursprünglich auf den 17. März datiert - um das leidige Thema aber endgültig aus den Füßen zu haben, wurde der Termin nun um drei Tage vorgezogen. Dabei: Wäre es nach Tönnies und nach dem arg belasteten Geldbeutel der Gelsenkirchener gegangen, wäre Müller gestern von sich aus zurückgetreten.

Schließlich hat der Mann, der im Mai 2006 seinem Lehrmeister Rudi Assauer nachfolgte, auf Schalke noch einen Vertrag bis 2011. Macht bei der Entlassung, die am Samstag folgen wird, eine Abfindung von rund 2,5 Millionen Euro. "Ich habe ihm einen Rücktritt nahe gelegt, aber das hat er nicht akzeptiert", berichtete Clemens Tönnies, als er im Eingangsbereich der Schalker Geschäftsstelle im blütenweißen Hemd unter dem dunklen Anzug die vorangegangene Unterredung mit Müller - vorgenommen bei Pizza und Salat - Revue passieren ließ.

Nichts ist dringend auf Schalke

"Andreas hat eine sehr gute Zeit auf Schalke gehabt. Aber in dieser Saison hat ihn das Glück verlassen, deshalb mussten wir jetzt die Reißleine ziehen", verabschiedete Tönnies den gebürtigen Stuttgarter nüchtern. Der hatte dem Aufsichtsrat vor zwei Wochen sein, gemeinsam mit dem von ihn im Sommer 2008 installierten Trainer Fred Rutten entworfenes Zukunftskonzept für den schwer angeschlagenen Verein vorgestellt. Doch schon da senkten sich in dem zehnköpfigen Gremium alle Daumen. "Das Konzept war nicht so angelegt, dass wir erwarten konnten, langfristig wieder in die Erfolgsspur zu kommen", fegte Tönnies Müllers finale Bemühungen mit Schmackes vom Tisch.

Allerdings geht mit Müller - nach fast zwei Jahrzehnten S04 - auch die einzige Kraft aus der Schalker Führungsriege, die fußballerischen Sachverstand besitzt. Die Verantwortung für den gesamten sportlichen Bereich übernimmt daher zunächst Chefcoach Rutten, der laut Tönnies "in keinster Weise in Frage gestellt wurde" und der diese Doppelfunktion bereits bei seinem alten Klub Twente Enschede ausfüllte. Neben den finanziellen nun auch alle vertraglichen Dinge regelt fortan Präsident Josef Schnusenberg, das Organisatorische Geschäftsführer Peter Peters. Fürchterliche Eile bei der Suche nach einem Erben für Andreas Müller scheint der Klub jedenfalls nicht zu haben. "Bei mir auf dem Schreibtisch stapeln sich zwar die Bewerbungen", berichtet Clemens Tönnies. "Aber ich sehe keinen dringenden Handlungsbedarf, deshalb werden wir auch keinen Schnellschuss machen."

FTD

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