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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Wer guckt schon Frauenfußball?

Es gibt ein Menschenrecht auf Desinteresse - zum Beispiel am: Frauenfußball. Den muss man genau so wenig verfolgen wie die Handtaschenweitwurf-WM in Bottrop-Kirchhellen.

Kein falscher Einwurf von Axel Vornbäumen

Frauenfußball-WM 2015: Die deutschen Fußballfrauen bejubeln das 1:0 beim 10:0-Sieg gegen die Elfenbeinküste.

Die deutschen Fußballfrauen bejubeln das 1:0 beim 10:0-Sieg im WM-Vorrundenspiel gegen die Elfenbeinküste. Es soll Leute geben, die das nicht interessiert, zum Beispiel unseren Schlag 12-Autor

Um mal gleich zu Anfang den Ball ganz flach zu halten: Unterhalten sich zwei Männer beim Bier. Fragt der eine: "Was hältst Du eigentlich von Frauenfußball". Sagt der andere: "Ich mag beides".

Wer das jetzt brüllend komisch findet, liest einfach weiter. Wer es für niveaulos hält - der auch. Der Rest? Danke für den Klick.

Es ist gerade Frauen-Fußball-WM (ähem, wo eigentlich genau?) - und dieser Text beschäftigt sich ganz ernsthaft mit der Frage, warum man sich dieser Veranstaltung eigentlich immer und überall unter dem Joch der political correctness nähern muss. Wäre Indifferenz nicht auch eine Möglichkeit? 

Kleiner Test: Wer hat nochmal wann genau das 1:0 gegen Argentinien im WM-Finale geschossen - und das ist jetzt auch schon wieder fast ein Jahr her... Logo, Götze, 113. Minute, nach Flanke von Schürrle. Und das 1:0 beim 10:0-Auftakt-Sieg der Frauen gegen die Elfenbeinküste, letzte Woche? Tja, da streikt das Kurzzeitgedächtnis.

Ganz im Ernst: Wäre ein profund vorgebrachtes Desinteresse, dort, wo es tief verwurzelt ist, nicht ehrlicher? Vergleichbar mit, sagen wir, unserer mutmaßlich eingeschränkten Anteilnahme an der bevorstehenden Handtaschenweitwurf-WM in Bottrop-Kirchhellen, die am 1. August stattfinden wird. Als Jury-Mitglied wird dort übrigens Roberto Blanco ("Ein bisschen Spaß muss sein") auftreten. Aber das Beispiel ist womöglich schief gewählt - um Spaß geht es ja beim Frauenfußball nicht. Es geht um Sport.

Geschlecht bei keiner anderen Sportart relevant

In nur ganz wenigen anderen Sportarten ist das Ausmaß des Zuschauer-Interesses derart eklatant abhängig von der Frage, ob da nun gerade Männer oder Frauen auf dem Platz stehen. Für Skirennen gilt das nicht, nicht für Biathlon, nicht für Schwimmwettbewerbe, nicht für die Leichtathletik - und für Tennis gilt es auch nicht. Das Zuschauerinteresse zweigt bei all diesen Sportarten nicht scharf an der Geschlechterfrage ab, beim Tennis etwa war in Deutschland die Euphorie nach den Siegen von Steffi Graf nicht geringer als nach Siegen von Boris Becker

Frauenfußball sei was für die Paralympics, hat der Schauspieler Lars Eidinger mal behauptet. Was man eben so dahinsagt, wenn man provozieren will. Wobei: Ganz aus der Luft gegriffen ist der Vergleich in einem Punkt ja gar nicht. Zumindest wird beides in der Regel mit dem Brustton der Überzeugung begleitet, wie schön es ist, dass heutzutage jeder Mensch das tun kann, was ihm Spaß macht.

Das stimmt ja auch. Aber muss man ihm dabei dann auch unbedingt noch zugucken?!

Die Kanzlerin macht's richtig

Es ist immer ein bisschen peinlich, wenn man versucht, Dinge gleichzusetzen, die nur bedingt vergleichbar sind. Die Politik macht so etwas gerne. Manchmal, wenn man Glück hat, erwischt man einen Moment, in dem die Heuchelei erkennbar für alle den direkten Weg zum Tor nimmt. Dem CDU-Generalsekretär Peter Tauber ist das in der vergangenen Woche so ergangen. Tauber, bekennender Fußball-Fan (wiewohl von Kickers Offenbach) musste bei der Frage passen, wer denn der nächste Gegner der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft sei. In der Tat: Das muss man nicht wissen (siehe oben). Man sollte vorher dann aber auch nicht so tun, als ob das einen brennend interessierte.

Die Kanzlerin übrigens hat in dieser Angelegenheit mal wieder das richtige Gespür für Authentizität. Sie begleitet die Frauen-Fußball-WM mit emotional ausgeglichenem Haushalt. Angestrengter Merkel-Jubel auf der Tribüne? Fehlanzeige. Nach dem Auftakt-Sieg schickte Merkel eine SMS an Nationaltrainerin Silvia Neid. Als Anteilnahme reichte das der Kanzlerin völlig aus

Axel Vornbäumen freut sich langsam schon wieder auf die Bundesliga, die Mitte August beginnt, zwei Wochen nach der Handtaschenweitwurf-WM. Man kann dem Autor bei Twitter folgen unter: @avornbaeumen

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