Thomas Strunz "Dem FC Bayern fehlt eine Struktur"


Thomas Strunz kennt die Bayern aus dem Effeff. Zusammen mit Jürgen Klinsmann holte der stern.de-Experte mit den Bayern Meisterschaft und Uefa-Pokal. Im Interview spricht Strunz über die Gründe der FCB-Misere, Klinsmanns Methoden und frühere Krisen bei den Bayern.

Thomas Strunz, Sie gelten als Bayern-Insider. Sie haben lange für den Club gespielt, unter anderem auch an der Seite von Jürgen Klinsmann, dem jetzigen Trainer. Worin liegen aus Ihrer Sicht die Gründe für die aktuelle Misere beim deutschen Rekordmeister? Durch die Verpflichtung von Jürgen Klinsmann als Trainer und den damit verbundenen strukturellen Veränderungen im Klub ist eine immense Erwartungshaltung im Umfeld entstanden. Die wird jetzt langsam aber sicher zur Belastung. Das mal vorneweg.

Zurück zur Frage. Für mich gibt es einen Hauptgrund für die Krise: Durch den Verlust von Oliver Kahn als Hierarchie-Fixpunkt und die Entmachtung des neuen Kapitäns Mark van Bommel ist aktuell keine Struktur im Team erkennbar. Darüberhinaus kann man ja nur vermuten. Die vielen neuen Ansätze von Jürgen Klinsmann sind sicherlich nicht bei allen positiv aufgenommen worden. Und es gab ja auch schon kritische Stimmen - beispielsweise über das Yoga-Training.

Wie bewerten Sie denn die Arbeit von Jürgen Klinsmann? Die Arbeit ist nach sieben Spieltagen noch gar nicht zu bewerten. Um neue Abläufe und Strukturen bewerten zu können, muss man dem Projekt einfach noch mehr Zeit einräumen. Die Frage wird sein, wie das Umfeld reagiert, wenn weiterhin die Erfolge ausbleiben. Das ist spannend, zu beobachten.

Was würden Sie Klinsmann ganz konkret vorwerfen?

Wie oben schon gesagt: Klinsmann hat es noch nicht geschafft, eine Hierarchiestruktur im Team herauszubilden. Auch die ein oder andere Aussage war vielleicht etwas unglücklich.

Sind die Spieler Klinsmanns Anforderungen etwa nicht gewachsen? Vielleicht ist es in der Tat so, dass er auch innerhalb des Teams mit seinen Ideen und Änderungen, die ja, im Gegensatz zur Nationalmannschaft bei den Bayern täglich angewendet werden, nicht nur Befürworter hat. Ganz klar: Mit Yoga, Buddha-Statuen und Simultandolmetschern kann sich nicht jeder anfreunden.

Hoeneß und Rummenigge stehen wie ein Mann hinter Klinsmann. Aus Ihrer Erfahrung: Ist das überraschend, oder schützen sich die Bosse damit nicht auch selbst?

Es ist gut und absolut richtig, in dieser Form hinter dem Trainer zu stehen. Alles andere wäre nach dieser kurzen Zeit nicht verständlich. Panik und Aktionismus ist heute noch nicht angebracht. Dennoch wird es eine schwierige Belastungsprobe für alle werden, wenn die kurzfristigen Ergebnisse ausbleiben. Daran muss sich auch Jürgen Klinsmann messen lassen.

Wer sollte, Ihrer Meinung nach, jetzt im Team die Führung übernehmen? Es gibt ja kaum noch Alphatiere nach Kahns Abschied...

Es liegt jetzt an den Spielern, Verantwortung zu übernehmen. Wer führen kann, entscheidet letztlich die Akzeptanz des Spielers innerhalb des Kaders. Eventuell gibt es da Schwierigkeiten.

Was haben Sie früher bei den Bayern für Aktionen gestartet in Phasen, in denen es nicht rund lief?

Früher haben wir uns einfach mal zusammengesetzt und Verschiedenes besprochen, wobei bei der heutigen Internationalisierung der Mannschaften die Kommunikation natürlich schwieriger fällt als in der Vergangenheit. Und in solchen Phasen kommt es eben auch auf Zwischentöne während eines Gesprächs an.

Gibt es einen Punkt, an dem der Trainer seine Spieler nicht mehr erreicht?

Natürlich gibt es diesen Punkt. Den sehe ich allerdings in der aktuellen Lage des Klubs absolut noch nicht.

Interview: Klaus Bellstedt


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