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U21-Verteidiger Jérôme Boateng: "Spielt dieser Typ immer so Fußball?"

Beim 0:0 gegen Spanien fehlten dem deutschen U21-Team nur die Tore. Aber das kann dem besten deutschen Spieler egal sein: Verteidiger Jérôme Boateng, oftmals auch für Grenzüberschreitungen außerhalb des Platzes bekannt, verblüfft bei der EM mit einer überragenden Leistung. Er scheint dazugelernt zu haben.

Von Daniel Theweleit, Göteborg

Staunend schüttelte der britische Journalist den Kopf, als der Abpfiff im Stadion Gamla Ullevi ertönte. "Spielt dieser Typ immer so Fußball?", fragte der Mann nach dem 0:0 der deutschen U21-Nationalmannschaft und deutete auf Jérôme Boateng, der gerade im Bauch der Arena verschwand. Wie ein schwarzes Loch hatte der Innenverteidiger vom Hamburger SV nahezu jeden spanischen Angriff angezogen und aufgesaugt. Kein einziges Foul hatte er benötigt, um der hochgelobten spanischen Offensive ihren Schwung zu rauben, und keiner der Mitspieler aus der Startelf hatte eine bessere Quote in der Kategorie "gelungene Pässe" als der Innenverteidiger aus Hamburg.

Nach dem Spiel wurde dann zunächst eifrig über die vielen vergebenen Torgelegenheiten der Aushilfsstürmer Mesut Özil und Ashkan Dejagah debattiert - Boateng hingegen genoss die Null. "Ich bin sehr zufrieden, hier bekomme ich das Vertrauen des Trainers, und ich spiele auf meiner Lieblingsposition", sagte der 21-Jährige.

"Ich kam nicht so gut klar mit dem Trainer"

Dieser Satz enthielt einen kleinen Seitenhieb auf seinen ehemaligen Trainer Martin Jol, der Boateng beim Hamburger SV immer wieder aus der Mannschaft genommen hatte. "Ich kam nicht so gut klar mit dem Trainer", sagte der gebürtige Berliner, er ist froh, dass Horst Hrubesch anders denkt als Jol. Der Trainer der U21 ist ein Typ, dessen Zuneigung zu einem Spieler proportional zur Dauer der Zeit wächst, die er den Betreffenden kennt. Und Hrubesch kennt Boateng schon lange.

"Über den diskutiere ich nicht", sagte der Trainer, "Jérôme ist für mich schon lange einer der besten Nachwuchsspieler auf dieser Position, er ist kopfballstark, schnell, klug im Spielaufbau, er hat alles, was man braucht." Noch am Tag danach, bei der lockeren Trainingseinheit auf der idyllischen Sportanlage des schwedischen Sechstligisten Floda Boif, war Hrubesch voll des Lobes. "Warum die Hamburger einen Innenverteidiger suchen, müssen Sie dort nachfragen. Ich habe auch nie verstanden, wieso Jérôme beim HSV auf allen möglichen Positionen ausprobiert wurde, das ist nicht im Sinne der Ausbildung eines jungen Spielers."

Dass der Name Boateng in der zurückliegenden Bundesligasaison auch für Krawall stand, interessiert Hrubesch nicht. Kevin-Prince Boateng ist Jérômes Halbbruder, die beiden gelten als permanente Kandidaten für Grenzüberschreitungen - vielleicht rührt die Skepsis in Hamburg daher. Dortmunds Kevin-Prince fiel zuletzt durch gesundheitsgefährdende Fouls und nächtliche Eskapaden auf, Jérôme wurde im Januar während einer Trainingseinheit handgreiflich gegen den Mitspieler Albert Streit. "Ich habe viel gelernt in diesem Jahr, vor allem für den Kopf", sagte Jérôme Boateng nun in Göteborg. Vielleicht hat der Sohn eines ghanaischen Vaters tatsächlich langsam sein inneres Gleichgewicht gefunden. Dennis Aogo war jedenfalls nicht überrascht über die tolle Leistung seines Kollegen vom HSV: "Er hatte zuletzt einige Probleme, aber ich trainiere jeden Tag mit ihm und weiß, was er kann", sagte Aogo.

FTD

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