VfB Stuttgart in der Krise Wildwest bei den Schwaben


Ein wütender Sportdirektor, ein trotziger Trainer und ein unverschämter Spieler - beim VfB Stuttgart heißt es nach der erneuten Pleite gegen den FC Sevilla jeder gegen jeden. Klar ist: Eine Niederlage in Hannover dürfte Markus Babbel den Job kosten.
Von Jens Fischer, Stuttgart

So klein wie er ist, so groß ist in diesem Moment seine Wut. Horst Heldt, Sportdirektor des seit Wochen kriselnden VfB Stuttgart, stand nach der bitteren 1:3-Champions-League-Heimniederlage gegen den FC Sevilla wie so oft am Rande der Pressekonferenz und lauschte den Worten seines Teamchefs Markus Babbel. Umringt von einer Schar wartender Journalisten hörte er da was von "großem Engagement", "einem guten Spiel der Mannschaft" und einer "Leistung, auf die man aufbauen" könne. Worte, die bei Heldt nicht einmal ein müdes Lächeln hervorzaubern konnten. Denn Ähnliches hatte er auch nach der letzten Heimpleite gegen den FC Schalke 04 vernommen.

Heldt hat derzeit einfach die Nase gestrichen voll. Natürlich hatten die Schwaben gegen die diesmal gar nichts so übermächtigen Andalusier alles gegeben, hatten speziell zu Beginn des Spiels einige gute Szenen und daraus resultierend einige gute Gelegenheiten. Nur Tore fielen in dieser starken Phase keine. Mal wieder nicht. Egal ob Julian Schieber, Cacau, Alexander Hleb oder Zdrako Kuzmanovic - sie alle vergaben. Oder besser: versagten?

Zweifel an der Qualität

Zu letzterem Eindruck neigt auch Heldt. "Vielleicht fehlt es einfach an Qualität", diktierte er der Presse in die Blöcke. Und schüttelte immer wieder verzweifelt mit dem Kopf, wenn er auf die individuellen Fehler zu sprechen kam, die auch diesmal - ähnlich wie bei den drei Heimschlappen zuvor - zu den Gegentreffern führten. In der Tat ist es erschreckend, wie verunsichert und unkonzentriert die VfB-Akteure derzeit in den entscheidenden Situationen agieren. Schülermannschaft lässt grüßen.

Aber genau diese Schwachstellen zu beseitigen, gehört zum Aufgabenbereich des Trainers. Babbel aber versucht weiterhin ruhig zu bleiben, appelliert an die Moral und redet seine Mannschaft stark. "Ich bin zuversichtlich, denn ich habe insgesamt ein gutes Spiel von uns gesehen", sagte er am späten Dienstagabend nach der Partie und gibt seinen Spielern damit indirekt ein Alibi. Mangelnde Autorität wurde ihm erst jüngst vorgeworfen.

Babbel kocht

Im Innersten scheint es aber auch bei Babbel mittlerweile anders auszusehen. Oder wie ist es zu erklären, wenn er sich vor die Fernsehkameras stellt und seine Spieler auffordert, sich jetzt "nicht verpissen" zu dürfen. Harte Worte, die deutlich machen, wie es um das Nervenkostüm Babbels momentan bestellt ist. Kein Wunder, ist es doch seine erste derart schwere Situation in der jungen Trainerlaufbahn.

Wenn Heldt in seiner mitternächtlichen Analyse davon spricht, dass ein Spieler wie der eigentlich schon aussortierte Ricardo Osorio zu den Gewinnern des Abends gehörte, zeigt das auch, dass Babbel in dieser Saison nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Der späte Systemwechsel, zu frühe Rotation, zu häufige Wechselspiele mit einzelnen Spielern, die beispiellose Degradierung des Kapitäns Thomas Hitzlspergers - nicht alle Maßnahmen Babbels fanden im Stuttgarter Umfeld Verständnis.

Unverschämter Hleb

Die Spieler selbst scheinen sich der prekären Lage nicht immer bewusst zu sein. Manche verließen nach der Sevilla-Pleite wortlos die Mercedes-Benz-Arena, andere stellten sich und gaben Durchhalteparolen von sich. Und einer wurde unverschämt: "Die Pfiffe der Fans sind mir scheißegal, die bedeuten mir nichts", sagte der erneut mäßig spielende Hleb zu den Vorkommnissen bei seiner Auswechselung. Derartige Verbalfouls bringen den VfB garantiert nicht weiter.

Vor einigen Tagen sprach Heldt davon, "nachts nicht mehr schlafen zu können." Dieses kräftezehrende Befinden wird sich nicht gebessert haben. Er muss sich noch mehr Gedanken machen. Marcel Koller, Jürgen Klinsmann, Bernd Schuster - die potentiellen Nachfolger Babbels geistern schon durchs Schwabenland. Eine Niederlage am Wochenende bei Hannover 96 und der Teamchef wird schwer zu halten sein. Das weiß auch der kleine, wütende Horst Heldt.


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