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Was meinen Strunz?: Neue Trainer braucht das Land

Die Halbfinal-Spiele der Champions League haben es gezeigt: Der deutsche Fußball hinkt international meilenweit hinterher. Mit Power-Fußball vom Stile Manchester Uniteds kann hierzulande niemand mithalten. Die Bundesliga muss sich deshalb ausländischen Einflüssen öffnen - auch auf der Trainerbank.

Im Halbfinale der Champions-League kam es am Dienstag und Mittwoch zum Show-down England gegen den Rest der Welt. Der Rest wurde repräsentiert vom Bayern-Bezwinger AC Mailand. Wer beide Halbfinalspiele gesehen hat, weiß, warum seit langer Zeit keine deutsche Mannschaft mehr im Halbfinale der Champions-League stand. Es waren Matches, die auf Top-Niveau gespielt wurden. Die drei englischen Teams waren in der Lage, über 90 Minuten höchstes Tempo in ihren Offensiv-Aktionen mit taktischer Disziplin und individueller Klasse zu vereinen.

Milan konnte dieses Tempo ungefähr 70 Minuten mitgehen, doch am Ende fehlten Kraft und Konzentration, um dem unglaublichen Druck von Manchester United standzuhalten und man verlor in der Nachspielzeit mit 2:3. ManU zeigte unserem deutschen Meister aus München, wie man dieser international erfahrenen und taktischen Top-Mannschaft aus Mailand beikommen kann. 100-prozentiger Offensiv- und Power-Fußball. Jeder Ballgewinn hatte sofort eine Offensivaktion zur Folge. Es wurde nicht lange taktiert und der Ball quer gespielt und abgewartet. Nein, das war Fußball modernster Prägung.

Auch die beiden anderen britischen Teams, die aufeinander trafen, zeigten eine Art von Fußball, wie er heute auf höchstem Niveau gespielt werden muss, wobei im Spiel Chelsea gegen Liverpool die Fehlerquote höher war, als im Spiel Manchester United gegen AC Milan. Auffällig war in diesem Zusammenhang auch die Besetzung der Trainerbänke. Obwohl drei englische Teams am Start waren, saß mit Sir Alex Ferguson doch nur ein britischer Trainer auf der Bank. Portugal, Spanien, England und Italien waren hier vertreten. Dies zeigt ebenfalls eine neue Qualität der Trainer-Situation in Europa. Es gibt keinen deutschen Trainer im Ausland, der eine Top-Mannschaft betreut.

Ausländische Trainer erlauben

Bei den Spielern sieht es ähnlich aus. Michael Ballack, der im Hinspiel seines FC Chelsea gegen Liverpool verletzt passen musste, ist der einzige deutsche Vertreter unserer Nationalmannschaft in der Vorschlussrunde der Königsklasse. Das spricht nicht gerade für den deutschen Fußball. Vielleicht müssen wir auch da umdenken und uns auch anderen ausländischen Einflüssen öffnen, insbesondere was die Trainer betrifft. Wir müssen neue innovative Wege gehen, um beim Wettrennen der Großen dauerhaft dabeibleiben zu können.

Mit Geld ist die entstandene Kluft auf absehbare Zeit jedenfalls nicht mehr auszugleichen. Natürlich können auch unsere deutschen Vertreter Spiele gegen die Top-Mannschaften gewinnen, aber am Ende kommt es auf die Nachhaltigkeit an. Und da hat die Bundesliga leider seit Jahren in der Königsklasse nicht mehr mithalten können.

An englischen Strukturen orientieren

Ich muss sagen, dass es dem englischen Fußball sehr gut getan hat, sich diesen ausländischen Einflüssen zu öffnen. Die englischen Mannschaften haben es dadurch geschafft, englische Tugenden wie Athletik, Kampfgeist und Moral mit taktischer Raffinesse, Technik und Individualität zusammenzufügen. Selbstverständlich spielen auch wirtschaftliche Faktoren, wie Eigentümerstruktur und Fernsehverträge eine Rolle, doch alles darauf zu schieben, halte ich für falsch. Damit schafft man auch seinen Spielern ein willkommenes Alibi für die Zukunft. Vereine wie FC Schalke 04, Werder Bremen, VfB Stuttgart und der FC Bayern München müssen sich jetzt auch an den Strukturen in England orientieren, denn sie repräsentieren unseren deutschen Fußball in Europas Wettbewerben.

Die Rückspiele sind momentan völlig offen. Es bleibt abzuwarten ob Manchester in Mailand ebenfalls so exzellent auftritt wie in Old Trafford, oder ob der FC Liverpool vielleicht doch den FC Chelsea ausschalten kann. Es bleibt spannend. Mein Endspieltipp lautet Manchester United gegen den FC Chelsea, und das wäre beim Blick auf die Tabelle der britischen Premier League keine wirklich große Überraschung.

Von Thomas Strunz

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