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Australien: Comeback der "Socceroos"

Der deutschstämmige Mark Schwarzer war der große Held: In einem spannenden Elfmeterschießen hielt der Torhüter die entscheidenden Bälle und sicherte Australien so das Ticket zur WM - nach drei Jahrzehnten darf wieder eine Mannschaft aus "Down Under" dabei sein.

Die Jüngeren unter Australiens Fußballfans können sich gar nicht mehr daran erinnern. 1974 war es, dass es eine Mannschaft aus "Down Under" zu einer WM schaffte. Doch war der Traum damals bereits in der ersten Runde ausgeträumt, wozu der spätere deutsche Weltmeister mit seinem 3:0-Sieg in Hamburg wesentlich beitrug. Nach mehr als drei Jahrzehnten im Abseits darf eine Elf von der anderen Seite der Welt beim Fußballgipfel nun wieder dabei sein - und ihre ohnehin sportverrückten Landsleute vom Inselkontinent stehen Kopf.

Das australische Kontingent von 8500 WM-Tickets, die über ein elektronisches System verkauft wurden, waren binnen Minuten vergriffen. 14.000 Fans hatten sich um eine Karte beworben. Für viele Fans geht mit der Teilnahme ihres Teams ein Kindheitstraum in Erfüllung. "Sie haben so sehr darauf gewartet und auf diesen Moment gehofft", weiß Dimitrios Hatzitoulousis, oberster Cheerleader der "Socceroos", wie die Mannschaft mit Spitznamen heißt.

WM-Quali gab Popularitätsschub

Dabei hatte sich das Team von Trainer Guus Hiddink mit knapper Not, aber gegen einen großen Gegner für die WM-Endrunde qualifiziert - per Elfmeterschießen gegen Uruguay. Jeder sechste Australier verfolgte das nervenzerfetzende Match der grün-goldenen Mannschaft in Sydney vor dem Fernseher, tausende waren auf den Beinen, um sich das Spiel auf Großbildschirmen anzuschauen. Held des Tages war Torhüter Mark Schwarzer, Sohn deutscher Einwanderer und in der Bundesliga beim 1. FC Kaiserslautern erprobt. Er parierte vor den enthusiastischen 83.000 Zuschauern gleich zwei Elfmeter.

Die Begeisterung mag überraschen, wähnt man das Herz der Australier doch eher bei Sportarten wie Cricket oder Rugby oder bei Sportlegenden wie Tennischamp Rod Laver oder Spitzenschwimmer Ian Thorpe. Doch hat die WM-Qualifikation dem Fußball auf dem Fünften Kontinent einen riesigen Popularitätsschub gegeben. Da mache es auch nichts, dass es noch immer keine professionelle Nationalliga gibt. Unter den fußballspielenden Nationen pendelt der Inselkontinent um den 50 Weltranglisten-Platz herum. Nur ein einziger Spieler der Mannschaft, die Uruguay aus dem Rennen warf, kickt zu Hause.

150.000 Australien nach Deutschland

Traude Tuckfeld vom deutschen Tourismusbüro in Sydney rechnet mit etwa 150.000 Australiern, die im WM-Jahr nach Deutschland reisen - drei Mal mehr als sonst. Viele wollten Campingwagen mieten, entweder in Deutschland selbst oder in Nachbarländern wie Frankreich. Der Fernsehsender SBS, der die Spiele überträgt, schickt Kamerateams in alle zwölf WM-Städte, um die Australier auf das Gastgeberland einzustimmen. Auch Fans ohne Stadionkarte sind sicher, in Deutschland auf ihre Kosten zu kommen. "Wie bei der Olympiade in Sydney gibt es große Leinwände. Partyatmosphäre und den ganzen Spaß gibt es doch auch, ohne direkt dabei zu sein", sagt ein Zahnarzt aus Sydney, der nach Kaiserslautern, München und Stuttgart reisen will.

Das Deutschlandbild der Australier unterscheidet sich derweil kaum von dem in anderen Teilen der Welt: Gute Autos baut man dort, und überhaupt ist alles sehr effizient. "Besucher aus Australien wissen, dass sie erwarten können, dass in Deutschland alles wie ein Uhrwerk läuft, dass sie genügend Unterkünfte finden und dass es leicht ist, auf den Autobahnen herumzukommen", sagt Tuckfeld.

Harte Brocken in der Vorrunde

Australien selbst scheute keinen Aufwand für den ersten WM- Auftritt seit über 30 Jahren. Nicht nur wurde als Nationaltrainer der Niederländer Guus Hiddink verpflichtet, der immerhin schon das Oranje-Team und Südkorea ins Halbfinale von Weltmeisterschaften brachte und zudem beim niederländischen Meister PSV Eindhoven Wertarbeit abliefert. Für die notwendige finanzielle Schützenhilfe sorgt Frank Lowy, Australiens drittreichster Mann. Damit das Team aus "Down Under" nach dem Hinspiel gegen Uruguay für das Rückspiel in Sydney auch in Topform sein konnte, mietete der Kaufhausmogul eigens ein Flugzeug, das die Elf entspannt zurück nach Australien brachte.

Die australischen Fans drücken nun die Daumen, dass der wahr gewordene Traum von der WM-Teilnahme nicht von ähnlich kurzer Dauer ist wie 1974. Doch mit den Schwergewichten Brasilien, Kroatien und Japan als Vorrundengegner stehen die Chancen nicht allzu gut. In der Abgeschiedenheit des württembergischen 1700- Einwohner-Orts Zweiflingen will Hiddink im unmittelbaren Vorfeld der WM versuchen, aus Australiens Team einen zu fürchtenden Widersacher zu machen.

Frank Brandmaier und Sid Astbury/DPA / DPA

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