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Brasilien: Fußball als Religion

Wenn die "Seleção" spielt, gibt es in Brasilien kein Halten mehr -ein ganzes Land befindet sich dann im kollektivem Taumel. Das Team um Ronaldinho ist sicherlich die stärkste Mannschaft der Welt. Auf dem Weg zum Titel können sie sich nur selbst schlagen.

Die angehende Frau Zanotto traute auf dem Weg zum Altar ihren Ohren nicht. Bräutigam Gustavo (30) hatte die Musiker der Kirchenkapelle in letzter Sekunde dazu überredet, statt den Hochzeitsmarsch doch lieber die Hymne seines Lieblingsvereins FC Guarani zu spielen. Für seine Leidenschaft Nummer eins, den Fußball, geht der Brasilianer oft bis zum Äußersten. Fußballverrückte höchsten Grades sollen bei brisanten Spielen nicht nur Haus und Hof, sondern sogar die eigene Frau verwettet haben. Die Zanottos leben heute, ein Jahr nach der Trauung, aber noch glücklich zusammen.

"Bei uns ist Fußball Religion", sagt einer, der es wissen muss: Nationaltrainer Carlos Alberto Parreira. Laut Parreira wird ganz Brasilien im Juni alles stehen und liegen lassen und nach Deutschland blicken. "Eine WM legt das Leben bei uns wie in keinem anderen Land lahm. Sogar Banken und Schulen schließen. Und selbst diejenigen, die sich sonst nie ein Spiel anschauen, tragen während der WM das kanariengelbe Trikot", erzählt der Coach. Nicht nur das Trikot, auch Büstenhalter und Höschen in den Landesfarben grün und gelb, oft mit einem Ball verziert, gingen in den Läden in Rio und Sao Paulo schon Monate vor den Beginn des WM-Turniers weg wie warme Semmeln.

Ein Brief für Ronaldo

Ein WM-Triumph der "Seleção" vermag im größten Land Lateinamerikas Außerordentliches zu bewirken. Die Wirtschaft wächst plötzlich schneller, und amtierende Politiker, denen man sonst nicht über den Weg traut, werden beliebt. Für Präsident Luiz Lula da Silva wäre der sechste WM-Titel der Brasilianer wohl schon die halbe Miete bei den für Oktober angesetzten Wahlen. So hat der Präsident jüngst dem formschwachen Weltstar Ronaldo einen Aufmunterungsbrief nach Madrid geschrieben und sich mit dem "zu Unrecht kritisierten" Stürmer verglichen.

Einige drehen bei einem WM-Titelgewinn ihrer Lieblinge völlig durch. Wie jener Vater, der 1970 nach dem Triumph in Mexiko seinem Neugeborenen den Namen Tospericagerja gab - eine selbst auf portugiesisch unaussprechliche Konstruktion mit den Anfangsbuchstaben der damaligen Stars Tostão, Pelé, Rivelino, Carlos Alberto, Gerson und Jairzinho.

Wie Karneval, Samba und Strandleben bietet der Fußball den Zig-Millionen Armen in dem Land mit einer der ungerechtesten Einkommens- Verteilungen der Welt die Möglichkeit zur größtenteils kostenlosen Unterhaltung - aber nicht nur das. "Wenn unser Ronaldinho den Rasen betritt, lässt er uns alle unsere Probleme vergessen, und er erfüllt uns mit Stolz, Brasilianer zu sein", sagt Fan Eduardo Soares. Für die Bewohner der "Favela"-Slums ist der Fußball neben der Musik die einzige Möglichkeit, dem Elend zu entkommen und die soziale Leiter zu erklimmen. Die Pelés, Garrinchas, Ronaldos und Romarios wuchsen alle in Favelas auf.

Schwarze durften früher nicht mitspielen

Die Schwarzen und Mulatten unter den 180 Millionen Brasilianern sind im brasilianischen Fußball nicht nur Hauptdarsteller auf den Tribünen, sondern zunehmend auch als Stars. In der Elf, die bei der WM 2002 Deutschland im Finale 2:0 schlug, hatten Weiße Seltenheitswert. Dabei durften Schwarze bis in die 50er Jahre hinein bei vielen Clubs nicht mitspielen. Da sie aber schon damals die besseren Techniker waren, bedienten sich Vereine heuchlerisch des in Brasilien berühmt-berüchtigten "Po-de-arroz", des Reispuders, mit dem die Haut der schwarze Talente "aufgehellt" wurde. Als Brasilien bei der Heim-WM 1950 völlig überraschend beim 1:2 gegen Uruguay den WM- Titel verspielte, wurden in erster Linie die beiden Schwarzen des Teams, Torwart Barbosa und Verteidiger Bigode, angeprangert.

Heute sind Schwarze wie Cafu, Ronaldinho, Ronaldo, Adriano oder Robinho die Hauptstars. Sie werden von Fans angehimmelt und von den "Maria Chuteiras", den "Maria Fußballschuhen", beim Training, in Bars und Discos verfolgt. Selbst Intellektuelle werden vom Virus der Fußballbegeisterung befallen. Der auch in Deutschland bekannte Schriftstelller Joao Ubaldo Ribeiro gab zum besten: "Der Ausländer möchte immer beweisen, dass seine Rasse überlegen ist (...) durch unsere Siege im Fußball zeigen wir aber, dass wir die bessere Rasse sind". Vinicius de Moraes, vor allem wegen seines "Girl from Ipanema" weltbekannt, widmete dem Star Garrincha das Sonett "Das Genie der krummen Beine".

Fußball ist in Brasilien aber auch Geschäft. Die Zahl der Profis wird im Riesenland auf rund 20.000 geschätzt. Die Fußball- Exportindustrie boomt wie noch nie. Nach Angaben des Verbandes CBF wechselten im vergangenen Jahr 878 Spieler ins Ausland. Neue "Märkte" wie Zypern, Moldawien, Kasachstan, Malta oder Estland seien erschlossen worden, sagt CBF-Sprecher Luis Gustavo. "Wenn wir nun den sechsten WM-Titel holen, wird sich der Exodus noch verstärken." Die Tatsache, dass die meisten Vereine in Brasilien seit jeher rote Zahlen schreiben, kann da wirklich nur auf die von Medien oft beklagte Unfähigkeit und "Unsauberkeit" der Clubfunktionäre zurückzuführen sein. "Mein Flamengo hat mit 35 Millionen so viele Fans wie kein anderer Club auf der Welt. Wir verkaufen Spieler zu Dutzenden, und dennoch stehen wir seit Jahren vor dem Bankrott. Warum wohl?", fragt in Rio der Zeitungsverkäufer Ze Ruben.

Emilio Rappold

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