HOME

Stern Logo WM 2006

Glosse: Wie hältst Du's mit der Kriegsbemalung?

Vergessen Sie schlaue Bücher oder kluge Feuilletons. Was ist deutsch? Diese Frage entscheidet sich nicht im großen Ganzen, sondern im Klitzekleinen: Wie bemale ich mich für das WM-Eröffnungsspiel?

Von Florian Güßgen

Zunächst war meine Freude grenzenlos. Mönsch. Karten fürs Eröffnungsspiel. Mit den Deutschen, in der Münchner Chamäleon-Arena. Vergiss' das Finale! Ein Jahr habe ich gefeiert, habe Familie und Freunde mit meinem Glück drangsaliert, den deutschen Kader auswendig gelernt, Taktik gepaukt.

"Wie hältst Du's mit der Kriegsbemalung?"

Seit dem vergangenen Freitag gibt es Probleme. Eigentlich fing alles ganz harmlos an. "Sag' mal," fragte mich meine Lebensbegleiterin Frieda beiläufig, "was trägt Du eigentlich zum Eröffnungsspiel?" - "Wie?", antwortete ich ungeduldig. "Was soll ich schon tragen? Jeans. T-Shirt. Bin doch kein Trainer, der im Anzug kommen muss" - "Sehr komisch", rügte Frieda. "Ich meine die Kriegsbemalung. Soll ich Dich nicht ein wenig schminken? Das stünde Dir gut, so ein bisschen Schwarz-Rot-Gold."

Ein bisschen Schwarz-Rot-Gold? Friedas Worte stürzten mich augenblicklich in eine existenzielle Sinnkrise. Ich fühlte mich, als hätte der wieder genesene Michael Ballack mir den Ball aus drei Metern Entfernung in den ungeschützten Unterleib gejagt. Ein BISSCHEN Schwarz-Rot-Gold? Freitag und Samstag litt ich - an meiner gespaltenen Identität, am Schicksal dieser Nation, und an der quälenden Frage, ob ich es wirklich wagen darf. Vergessen Sie, liebe Leser, jedwede Leitkultur-Prosa oder National-Lyrik, vergessen Sie heißblütige Presseclubs oder ausufernde Feuilletons: Zum nationalen Schwur kommt es bei der Frage nach der Kriegsbemalung.

Ich war National-Skeptiker

Mich quälte die Sache mit dem Schwur am Samstag so sehr, dass Frieda mir befahl, das Weite zu suchen, spazieren zu gehen. "Spazieren gehen. Machen doch alle Philosophen, die am deutschen Wesen verzweifeln", rief sie mir prustend hinterher. Sicher, dachte ich mir im Gehen, spotte Du nur. Andererseits, mea culpa, trifft es mit mir schon den Richtigen. War ich nicht einer jener identitätslosen National-Pessimisten, einer von denen, die es immer mehr erheiternd als erhebend fanden, wenn auf CDU-Parteitagen die Nationalhymne angestimmt wurde; wenn ganz Hamburg-Blankenese in schwarz-rot-goldener Beflaggung verschwand, wenn Landsmännern in Stadien irgendeinen Laut ausstießen, der nach einem kräftigen, ehrlichen "Sieg!" klang? Ja, ich gebe es zu. Ich war ein Skeptiker, ein Pessimist. Ich wollte mich geißeln wie Silas in "Sakrileg".

Spätabends rief ich dann Paul an. Paul ist Landsmann, ein kluger Kopf, und wie es der Zufall will, hat auch er Karten für München. "Paul," eröffnete ich möglichst beiläufig. "Gehst Du eigentlich in Farben?" - "Was meinst Du, Farben? Bin ich bei einer Burschenschaft?" entgegnete er mir leicht irritiert. "Naja, indirekt. Trägst Du im Stadion Schwarz-Rot-Gold?", fuhr ich fort. Paul kugelte sich vor Lachen. Das konnte ich hören, durchs Telefon. Als er sich wieder eingekriegt hat, sagte er, um Ernsthaftigkeit bemüht. "Nee Du. Lass' mal. Ich dachte eher, dass ich mir eine kleine lustige Flagge mit den Farben Costa Ricas kaufen würde. Wenn die dann gewinnen, können wir nach dem Spiel ein bisschen mit den Mittelamerikanern feiern. Das wär doch war. Und Du?"

"Wir sind doch Deutsche"

Ja. Und ich? "Ich finde das überhaupt nicht komisch", maßregelte ich Paul. "Ich trage NATÜRLICH Schwarz-Rot-Gold. Am Leib, auf dem Gesicht, auf dem Kopf, an der Hand. Überall. Und das, lieber Paul, lasse ich mir von ewiggestrigen Steinewerfern wie Dir überhaupt nicht mürbe machen. Guck' Dich doch an. Diese ewige Jammerei, dieses verklemmte Nicht-Freuen-Können-Dürfen, diese ewige Miesepetrigkeit. Du bist inzwischen spießiger als Dein Vater. Und dass, obwohl Du unsere Mannschaft kennst wie kein Zweiter, obwohl Du der größte Schweini-Groupie bist, den ich kenne. Wie kommst Du eigentlich dazu, auch nur daran zu denken, mit der Fahne dieses Bonsai-Landes wedeln zu wollen? Die lachen sich doch kaputt über dich, die Ticos. Aber egal. Davon lass' ich mir den Spaß nicht mehr verderben. Jawoll."

Zunächst schwieg Paul, dann beendete er das Gespräch schnell. Mir ging es blendend. Pfingsten habe ich damit verbracht, Fan-Artikel zu googeln. Ich war aufgeregt wie ein Konfirmand. Am Dienstag bin ich einem Kaufrausch erlegen. Ich habe jetzt alles, einfach alles: eine Kappe, eine Fahne, Farben fürs Gesicht, Schweißbänder, Trikot - alles in Schwarz-Rot-Gold. Ganz billig war das Zeug nicht, aber egal, was zählt schon der Preis im Augenblick der eigenen nationalen Wiedergeburt?

Eine Nachricht von Paul

Anschließend bin ich ins Büro gerannt, voller Vorfreude, und habe meine Ausrüstung auf meinem Schreibtisch ausgebreitet. Seitdem sitze ich hier. Schweigend und irgendwie entrückt. Noch habe ich mich nicht getraut, auch nur ein einziges meiner neuen Stücke anzuprobieren, ich bin wie gelähmt. Emotional sitze ich im nationalen Niemandsland fest.

Jetzt ist es Nachmittag und vor einer Stunde fiel eine Mail von Paul ins Postfach. Unsere Freundschaft sei ihm wichtig, schrieb er, das stehe fest. Deshalb solle ich es ihm nicht verübeln, wenn er mich am Freitag eher nicht treffen wolle, schon gar nicht im Stadion. Das mit dem Grüßen, etwa in der Herrentoilette, müsse ja auch nicht sein. Das würde ich doch verstehen, oder?

Gerade rief dann auch noch Frieda an. Ob ich denn wieder normal sei, fragte sie. Und ich solle mich nicht so anstellen, sagte sie. Ich solle mich einfach ganz langsam an mein neues Outfit gewöhnen, vielleicht erst das Schweißband über das Handgelenk streifen, dann zum Spiegel gehen, dann die Mütze aufsetzen und so wieder zum Spiegel gehen. Und überhaupt. Es sei nur ein Fußballspiel. Eine WM. Ein Riesenspaß zwar. Aber auch nicht mehr. Wenn mir das helfe, sagte Frieda, werde sie mir auch ein schwarz-rot-goldenes Herz auf die Wange zu malen. Sie lachte aus vollem Herzen.

Was weiß Frieda schon?

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity