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Italien: "Die Deutschen fürchten uns"

Ganz Italien glaubt fest daran, dass das Team von Marcello Lippi am Sonntag Weltmeister wird. Vor der deutschen Mannschaft haben sie Respekt, aber auch nicht mehr.

Für Teammanager Gigi Riva ist es ein Jahrhundert- Spiel, für Regisseur Francesco Totti ein Traum, für Trainer Marcello Lippi eine Genugtuung. Nicht nur in der "Casa Azzurri Germania", wie die Italiener ihr Duisburger WM-Quartier nennen, herrscht vor dem Halbfinale gegen Deutschland azurblaue Zuversicht. Anders als noch vor dem Turnier-Start glauben die Tifosi zwischen Mailand und Messina an den ersten Titel seit 24 Jahren. Enzo Bearzot, Trainer des Weltmeister-Teams von 1982, zweifelt nicht an einer Fortsetzung der wundersamen Erfolgsstory: "Gegen Deutschland gewinnen wir immer. Wir sind ihnen überlegen, das zeigt die Historie. Das wissen die Deutschen, deshalb fürchten sie uns."

Wie von Lasten befreit präsentieren sich die mit schwerem Gepäck nach Deutschland angereisten Italiener seit dem 3:0 im Viertelfinale über die Ukraine. Ungeachtet der durch den Fußball-Skandal verursachten Turbulenzen funktioniert das von Lippi zusammengestellte Kollektiv mit jedem Turnier-Spiel besser. Diese positive Entwicklung der "Squadra Azzurra" hat viele Fachleute verblüfft, Bundestrainer Jürgen Klinsmann jedoch nur wenig verwundert: "Ich habe diese Reaktion erwartet. Wenn alle an dir zweifeln und dich kritisieren, dann willst du der Welt zeigen, was du wirklich wert bist."

Großen Respekt vor dem Dortmunder Publikum

Die Sperre für den Deutschen Torsten Frings hält Lippi für keinen großen Vorteil. "Natürlich ist Frings ein wichtiger Spieler. Aber der Siegeswille der Deutschen wird das mehr als kompensieren, sie sind sehr stark." Gerüchte, wonach die Italiener die Ermittlungen gegen Frings gefordert hätten, widersprach der Coach vehement: "Von unserem Verband hat niemand auch nur einen Finger gerührt." Groß ist sein Respekt vor der Atmosphäre im Dortmunder WM-Stadion: "Sie haben ein ganzes Land mitgerissen. 60.000 Fans werden hinter ihnen stehen. Aber ich habe mit Juve hier schon zwei Mal gewonnen und hoffe auf einen dritten Sieg."

Längst ist die Kritik an Lippis Arbeit und der kühlen Spielkultur seiner Mannschaft verstummt. Obwohl der Fußball-Lehrer beim WM- Klassiker gegen Deutschland in seinem 28. Spiel wohl zum 28. Mal auf eine andere Formation zurückgreift, wirft ihm niemand mehr fehlende Kontinuität vor. Immerhin neun Tore hat sein Team im bisherigen WM- Verlauf geschossen und damit das Gerede vom reinen "Catenaccio" ad absurdum geführt. "Über dieses Klischee kann ich nur lachen", sagte Klinsmann in einem Interview in der "Gazzetta dello Sport", das sich wie eine Liebeserklärung an seine einstige Wahlheimat liest.

Nestas Ausfall kein Nachteil

Der Respekt des Bundestrainers vor den Italienern ist begründet. Selbst den Ausfall von Weltklasse-Verteidiger Alessandro Nesta überstand die wohl beste Defensive des Turniers um den nur 1,76 Meter großen Abwehr-Giganten Fabio Cannavaro bisher schadlos. Der gegen die Ukraine noch gesperrte Marco Materazzi dürfte dem Deckungsverband zusätzliche Stabilität verleihen.

Zudem hat auch Angreifer Luca Toni seine Formkrise überwunden und sich mit einem Tore-Doppelpack im Viertelfinale für weitere Einsätze empfohlen. Schon werden Vergleiche mit dem WM-Torschützenkönig Paolo Rossi laut, der 1982 auch erst im fünften Turnier-Spiel seinen ersten von dann insgesamt sechs Treffern erzielt hatte. "Luca Toni kann mein Nachfolger werden, das traue ich ihm zu", sagte Rossi.

Viele torgefährliche Spieler

Nicht nur der momentan treffsicherste Angreifer aus der Serie A bereitet Klinsmann Kopfzerbrechen. Acht verschiedene Torschützen sind Beweis für die große Homogenität der Mannschaft, die bisher erst einen Gegentreffer durch das Eigentor von Cristian Zaccardo im zweiten Gruppenspiel gegen die USA hinnehmen musste. Inständig hofft Teammanager Riva auf weitere positive Schlagzeilen, die den heimischen Fußball-Skandal zumindest kurzfristig in den Hintergrund drängen könnten: "Ein Sieg in diesem Halbfinale wäre deshalb wichtiger als das legendäre 4:3 von 1970."

Die medizinischen Fortschritte bei "Sorgenkind" Gianluca Pessotto, der erstmals nach seinem Fenstersturz für kurze Zeit aus dem Koma erwachte, setzen zusätzliche Kräfte frei. Ein sportliches Schicksal wie bei den vorherigen Endrunden, als die WM-Gastgeber Südkorea (Achtelfinale) und Frankreich (Viertelfinale) mit Glück die Oberhand behielten, soll den Italienern diesmal erspart bleiben. Mit Verweis auf die positive WM-Bilanz gegen Deutschland (2 Siege, 2 Remis) äußerte sich Totti ähnlich optimistisch wie Trainer-Legende Bearzot: "Wir haben eine formidable Mannschaft und wollen den Cup - für uns, unser Land und die vielen Landsleute hier in Deutschland."

Heinz Büse und Bernhard Krieger, DPA / DPA

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