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Karl Wald: Der Vater des Elfmeterschießens

Es ist wie russisches Roulette auf dem Fußballplatz: das Elfmeterschießen. Die Erfindung von Karl Wald revolutionierte 1970 die Fußballwelt.

Lotterie, Krimi, Nervenspiel: Im Elfmeterschießen werden Helden und Versager geboren. Erfunden hat das Grande Finale ein Schiedsrichter aus dem oberbayerischen Penzberg. Der inzwischen 90 Jahre alte Karl Wald ist noch immer stolz auf seine Idee, die 1970 die Fußball-Welt veränderte. "Nur so kann es doch einen einwandfreien sportlichen Sieger geben. Alles andere war doch keine Lösung", sagt der 1916 in Frankfurt/Main geborene Wald.

Bis zu seinem Regelvorschlag waren Partien, die nach Verlängerung remis endeten, zumeist per Los oder Münzwurf entschieden worden. Nur selten gab es ein Wiederholungsspiel. Noch 1968 im EM-Halbfinale hatte der spätere Europameister Italien nach einer "Nullnummer" gegen die UdSSR Losglück und zog ins Endspiel ein. "So etwas war doch kein Sieg, das war einfach nichts", erinnert sich Wald an die Zeit vor der Ära der Elfmeterschießen.

Der Rest ist Geschichte

Doch die Idee des Referees, der 1936 seine Schiedsrichter-Lizenz erworben hatte und in 40 Jahren mehr als 1000 Spiele leitete, stieß zunächst auf Widerstand. Die Führung des Bayerischen Fußballverbands wollte seinen akribisch ausgearbeiteten Vorschlag mit den noch heute gültigen Regeln beim Verbandstag 1970 in München blockieren. Erst als sich die Mehrheit der Delegierten für Walds Neuerung aussprach, lenkte auch die Chefetage ein. Wenig später übernahm der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Neuheit aus dem Freistaat. Kurz darauf folgten die Europäische Fußball-Union (UEFA) und der Weltverband FIFA.

Der Rest ist Geschichte: Als erstes großes Turnier wurde die EM 1976 durch einen Elfmeter-Krimi entschieden. Uli Hoeneß schoss in den Nachthimmel von Belgrad, die CSSR wurde dank Antonin Panenka Europameister. Das erste Elfmeter-Drama bei einer WM dagegen gewann die deutsche Nationalelf, 1982 in Spanien beim Halbfinal-Sieg gegen Frankreich. 1994 in den USA wurde zum bislang einzigen Mal ein WM-Finale vom Punkt entschieden: Brasilien setzte sich gegen Italien durch.

Selten im Rampenlicht

Der Vater des "Glücksspiels" stand dagegen selten im Rampenlicht. Karl Wald, der im Zweiten Weltkrieg im Pariser Prinzenpark Militär-Fußballspiele pfiff, leitete vor Gründung der Bundesliga zahlreiche Partien in der Oberliga Süd. "1860 München gegen Fürth vor 45.000 Zuschauern", erzählt der rüstige Rentner, dem jüngst auch FIFA-Chef Joseph Blatter zum 90. Geburtstag gratulierte. Mit 63 ging der Bergarbeiter und Betriebsrat in den Ruhestand, erst mit 75 beendete der Vater von zwei Töchtern seine Schiedsrichter-Karriere.

"Ich hatte immer das Gefühl, dass ich Recht hatte"

Seine Idee jedoch hat sich trotz immer wiederkehrender Kritik auf allen Fußballplätzen der Welt als "Ultima Ratio" durchgesetzt. "Das ist, als würde ein großer Krieg nicht mit einem geistigen Kräftemessen am Konferenztisch beendet werden, sondern mit einer Partie russischen Roulettes zwischen ausgewählten Gefreiten beider Seiten", klagte Schauspieler Peter Ustinov einst über das bei Spielern gefürchtete Elfmeterschießen. "Ich hatte immer das Gefühl, dass ich Recht hatte", hält Wald dagegen und argumentiert mit dem unvergesslichen Champions-League-Sieg des FC Bayern 2001 nach Elfmeterschießen gegen den FC Valencia. "Man stelle sich vor, der Schiedsrichter hätte stattdessen eine Münze geworfen."

Christian Hollmann/DPA / DPA

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