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Kommentar: Das Schwere-Beine-Argument

2:2 gegen Japan im vorletzten Testspiel vor Beginn der WM - ein Ergebnis, das einen irgendwie im Regen stehen lässt. Wie hoch hängen wir das hart erkämpfte Remis? Antwort: mittelhoch.

Von Klaus Bellstedt

Soll man sich die Klinsmänner so kurz vor dem Ernstfall noch mal so richtig zur Brust nehmen, oder sie nicht doch lieber mit Samthandschuhen tätscheln und ein bisschen belobhudeln? Eine gesunde Mischung beider Ansätze scheint angebracht. Zunächst dann also zur Liste der eher schlechteren Nachrichten, die - und da sind sich alle einig - von der deutschen Defensivabteilung angeführt wird. Die ist nach wie vor nicht WM-reif. Jürgen Klinsmann vertraute in der Innenverteidigung erneut dem Duo Mertesacker/Metzelder. Zu behäbig, zu staksig, große Schwächen am Boden. So oder so ähnlich fiel das Arbeitszeugnis der Beiden aus.

Immer wenn die rasend schnellen "Blue Samurais" das Angriffstempo mit präzisem Kurzpassspiel erhöhten, brannte es in der deutschen Defensive - und das über zwei Drittel der Spieldauer. Wenn dann auch noch individuelle Fehler (wie der des eingewechselten Jens Nowotny vor dem 0:1) passieren, dann kann das auch ganz schnell mal gegen Costa Rica zum Super-Gau führen. Überhaupt Jens Nowotny: Der zurückgeholte Routinier wirkte wie ein Fremdkörper im Team. Er wäre besser auf der Bank geblieben.

Spielerischer Rückfall

Ein Wort noch zur rechten Abwehrseite. Dort ersetzte Bernd Schneider den formschwachen Arne Friedrich, sodass im Mittelfeld ein Platz für den zuletzt starken Bremer Tim Borowski frei wurde. Dieser Klinsmann-Schachzug erwies sich als komplettes Missverständnis. Als rechtes Glied der Viererkette war Schneider verschenkt und auch Borowski konnte die Bewährungschance an der Seite von Michael Ballack nicht nutzen.

Unser großer WM-Hoffnungsträger spielte gegen Japan erstmals in neuer Rolle rechts im Mittelfeld - es sollte ein Experiment bleiben. Nach dem Spiel führte der Kapitän die harten Trainingstage als Entschuldigung für die enttäuschende Vorstellung der DFB-Auswahl an. Recht hatte er damit, aber eben nur zum Teil. Das Spiel des WM-Gastgebers krankte insgesamt in fast allen Mannschaftsteilen. Mit mangelnder Spritzigkeit und/oder schweren Beinen lässt sich dieser, vor allem auch spielerische, Rückfall nur schwer erklären.

Moral scheint in Takt

Überhaupt keine schweren Beine hatte der nach einer Stunde eingewechselte David Odonkor. Womit wir bei den positiven Erkenntnissen des Abends angelangt wären. An den Toren war der Joker zwar nicht beteiligt, doch der Flügelsprinter schlüpfte beim Länderspiel-Debüt gleich in die von Jürgen Klinsmann zugedachte Rolle. Der WM-Überraschungsteilnehmer belebte in Leverkusen nicht nur das Spiel der deutschen Nationalmannschaft, sondern riss bei den vereinzelten Vorstößen auch das Publikum mit. Odonkor könnte während der WM noch eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Nach seiner Einwechselung ging ein Ruck durch die Truppe, plötzlich war bei allen wieder der Wille zu spüren, den Rückstand noch zu drehen.

Und in der Tat: Nach Kloses Anschlusstor wendete sich das Blatt und mit Schweinsteigers Ausgleich wurde wieder ein Feuer entfacht, dass WM-reif ist. "Wir sind nach dem 0:2 zurückgekommen und haben eine tolle Moral bewiesen", sagte Michael Ballack hinterher. Keine schweren Beine mehr, die Wiederentdeckung der deutschen Tugenden und hinten drin ein überragender Jens Lehmann. Das sollte doch ein wenig Mut für die in zehn Tagen beginnende WM machen.

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