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Videobeweis-Debatte: Ich sehe was, was du nicht siehst

Die Rote Karte für Zinedine Zidane - wurde sie auf Grund eines Videobeweises gezeigt? Das behauptet jetzt der italienische Nationaltrainer Marcello Lippi. Damit gerät die Fifa in Bedrängnis. Sie lehnt den direkten Einsatz von TV-Bildern rigoros ab.

Von Tim Schulze

Es war die 111. Minute im WM-Finale im Berliner Olympia-Stadium. Die spielstarken Franzosen waren wieder einmal an der italienischen Abwehr-Mauer gescheitert. Der Ball befand sich längst wieder im Spiel, als die Italiener plötzlich aufgeregt auf den Schiedsrichter zu rannten und sich heftig beschwerten. Marco Materazzi, der italienische Innenverteidiger, lag im eigenen Sechzehner und wälzte sich auf dem Berliner Rasen.

Niemand hatte etwas gesehen

Sowohl die Zuschauer als auch die Schiedsrichter - niemand hatte etwas gesehen. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis sich der Unparteiische Horacio Elizondo mit dem Kollegen außerhalb des Spielfeldes besprach. Dort stand Luis Medina Cantalejo, der vierte Schiedsrichter, und unterichtete seine Kollegen von den Ereignissen. Mittlerweile zeigten auch die Fernsehbilder die unschönste Szene des Spiels: Nach einem Wortgefecht hatte Zinedine Zidane seinen Kopf in Materazzis Brust gerammt und stand danach wie ein Unschuldslamm abseits des Getümmels. Elizondo zeigte Zidane die Rote Karte.

Warum hat es bis zur entscheidenen Information so lange gedauert? Hatte der vierte Schiedsrichter den Ausraster Zidanes vielleicht gar nicht live gesehen? Die Zuschauer hatten die Attacke offenkundig nicht bemerkt. Der italienische Nationaltrainer Marcello Lippi behauptet jetzt laut einem Bericht der englischen Zeitung "Guardian", der vierte Unparteiische hätte Zidanes Foul lediglich auf dem TV-Monitor am Spielfeldrand begutachten können. Dem widersprach allerdings Cantalejo. Er habe den Kopfstoß gesehen - und zwar mit eigenen Augen und nicht am Bildschirm. Danach habe er seine Beobachtung mit Hilfe des Kommunikationssystems an den Schiedsrichter weitergegeben.

Die Debatte wird weitergehen

Bisher lehnt die Fifa den Videobeweis direkt am Spielfeldrand ab. Aber die Debatte darüber wird weitergehen, unabhängig davon, wer im Fall Zidanes Recht behält. Erst kürzlich hatte Fifa-Chef Joseph Blatter verlauten lassen: "Solange ich Fifa-Präsident bin, wird es keinen Video-Beweis geben. Das Spiel muss sein menschliches Angesicht behalten, und dazu gehören eben auch Fehler. Wenn der Fußball wissenschaftlich wird, verliert er seine Faszination."

Anlass war das nicht gegebene Tor des Franzosen Patrick Viera, dessen Kopfball im Vorrunden-Spiel gegen die Süd-Koreaner eindeutig hinter der Linie landete - das zeigten die TV-Bilder deutlich. Der französische Trainer Raymond Domenech hatte darauf die Einführung des Video-Beweises gefordert: "Wir haben das zweite Tor geschossen, der Schiedsrichter gab es nicht: Wir wurden hintergangen", hatte Domenech gesagt. Beim Spiel Argentinien gegen Elfenbeinküste (2:1) hatte es eine ähnliche Situation gegeben, als Torwart Jean-Jacques Tizie den Kopfball des Argentiniers Roberto Ayala erst hinter der Linie aufgehalten hatte. Auch Schiedsrichter Frank de Bleeckere hatte den Treffer damals nicht gegeben.

Videobeweis gegen Frings

Dabei werden mit Hilfe von TV-Bildern zahlreiche Sanktionen im Nachhinein verhängt. Der deutsche Nationalspieler Torsten Frings weiß ein Lied davon zu singen. Sein harmloser Schlag in das Gesicht eines Argentiniers im Gerangel nach dem Elfmeterschießen im Viertelfinale wurde von der Fifa zunächst in den Fernsehbildern gar nicht entdeckt. Schließlich bekam der Bremer Spieler ein Spiel Sperre und fehlte dem DFB-Team im Halbfinale. Grobe Fouls, rücksichtslose Tacklings, Ellbogenschläge - es ist gängige Praxis, dass die Fifa-Disziplinarkommission später eingreift und Schiedsrichter-Entscheidungen ändert. Warum sie den Videobeweis direkt am Spielfeldrand ablehnt, gehört zu den nicht nachvollziehbaren Auffassungen der Fifa.

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