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WM-Triumph: Viva Italia!

An den vierten WM-Titel für Italien haben nach der Vorrunde nur wenige geglaubt. Zu bedrückend die immer neuen Enthüllungen im heimischen Fußball-Skandal, der Selbstmordversuch von Pesseto. Doch Lippi fand die perfekte Mischung aus Taktik und Disziplin.

Die "Squadra Azzurra" hat den "Tifosi" den Stolz auf den heimischen Fußball zurückgegeben. Mit dem vierten WM-Triumph überwand das von einem Manipulations-Skandal gebeutelte Land das Stimmungstief. 24 Jahre nach dem letzten WM-Triumph in Spanien verblüffte das Team von Trainer Marcello Lippi die Fachwelt. Die perfekte Mischung aus Taktik und Disziplin setzte Maßstäbe - und reinigende Kräfte frei. Inmitten der Jubelfeiern zwischen Mailand und Messina war viel von einem Neuanfang die Rede.

Spötter widerlegt

Groß ist die Hoffnung, dass der unerwartete WM-Erfolg die Aufarbeitung der unsäglichen Machenschaften diverser Vereinsbosse erleichtert. Angesichts immer neuer Schlagzeilen über den möglichen Zwangsabstieg mehrerer Renommierclubs überwogen bei der Anreise in das Duisburger WM-Quartier die negativen Prognosen. Spötter fragten damals, ob Staatsanwälte die Nationalspieler während der WM-Spiele in der Halbzeitpause verhören werden. Damit nicht genug: Der Selbstmordversuch ihres ehemaligen Mitstreiters Gianluca Pessotto, der sich am 27. Juni im Clubsitz von Juventus Turin aus einem Fenster gestürzt hatte, versetzte die "Azzurri" in einen Schockzustand.

Auf dem Platz war davon jedoch nichts zu spüren. In den Spielen der schweren Gruppe E gegen Ghana (2:0), USA (1:1) und Tschechien (2:0) glänzte das Team zwar selten, imponierte aber mit seiner mannschaftlichen Geschlossenheit. Die Verheißungen der Kritiker schienen sich im Achtelfinale gegen Australien jedoch zu bestätigen: Erst ein umstrittener Last-Minute-Elfmeter ebnete den Weg zum glücklichen 1:0 über den Außenseiter. Es sollte das letzte Mal sein, dass der Weltmeister von 1934, 1938 und 1982 Schwächen zeigte. Das souveräne 3:0 über die Ukraine (Viertelfinale) und das furiose 2:0 über Deutschland (Halbfinale) dokumentierte den Aufwärtstrend.

Offensive-Überraschung gegen Deutschland

Die Defensiv-Abteilung um Torhüter Gianluigi Buffon, Manndecker Fabio Cannavaro und Haudegen Gennaro Gattuso gilt als Prunkstück des neuen Weltmeisters. Als Symbolfiguren für den oft beschworenen "Catenaccio" taugten diese Spieler jedoch nur bedingt. Spätestens nach dem Krimi gegen Deutschland wurde dieses Klischee begraben: Sage und schreibe vier Offensivkräfte standen in der Verlängerung auf dem Feld - eine für italienische Verhältnisse revolutionäre Maßnahme.

Seinem Ruf als exzellenter Stratege und kühler Analytiker machte Lippi damit alle Ehre. Ganz Italien liegt dem weißhaarigen Mann aus der Toskana mittlerweile zu Füßen. In seinen 29 Spielen als Nationalcoach vor dem Finale bot er 29 verschiedene Teams auf - doch die Kritik ist längst verstummt. Der Dirigent des italienischen Edel- Ensembles, der zuvor mit Juventus Turin fünf Mal Meister und einmal Champions-League-Sieger geworden war, stieg in Deutschland zum Superstar auf.

Der Kater nach dem Titel

Für diverse Profis aus seiner Mannschaft könnte es allerdings schon am Tag nach dem Finale ein böses Erwachen aus dem WM-Traum geben. Unbeeindruckt vom Erfolg wollen die Juristen erste Urteile im Fußball-Skandal sprechen. Allein fünf Profis aus dem WM-Kader stehen bei dem von einem Zwangsabstieg in die 3. Liga bedrohten Rekordmeister Juventus Turin unter Vertrag. Darüber hinaus müssen auch die Spieler des AC Mailand, von Lazio Rom und des AC Florenz um den Verbleib in der Serie A bangen.

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