Schweiz - Ukraine Ukraine rumpelt ins Viertelfinale


Nein, vor diesem ukrainischen Team braucht Italien keine Angst zu haben. Erst im Elfmeterschießen setzte sich das Team um Superstar Schewtschenko durch, weil die Nerven der Schweizer total versagten.
Von Klaus Bellstedt, Köln

In der Partie zwischen der Schweiz und der Ukraine wurde der Viertelfinalgegner der Italiener gesucht. Die hatten sich am Montagnachmittag äußerst glücklich mit einem 1:0 über Australien für die Runde der letzten acht Teams bei dieser WM qualifiziert. Klare Verhältnisse auf den Tribünen des Kölner WM-Stadions "Hopp Schwyz" krakelte es schon vor dem Anpfiff durch mehr als 10.000 Schweizer Kehlen. Das Häuflein der Schewtschenko-Fans im weiten Rund konnte einem fast schon Leid tun.

Den Eidgenossen, die im Laufe dieser WM noch kein Gegentor hinnehmen mussten, gehörte die Anfangsphase. Sie kontrollierten das Mittelfeld und machten die Räume von Beginn an dicht, um so Überzahl zu schaffen. Die Osteuropäer taten sich zunächst schwer mit dem laufintensiven Spiel des Gegners und sorgten lediglich durch lange Pässe auf "Sheva" für ein wenig Entlastung. Auf der Gegenseite war es Routinier Hakan Yakin, der mit zwei Distanzschüssen (4./7.) erste Akzente setzte. Erstmals richtig gefährlich wurde es vor dem Tor von Keeper Shovkovskyi dann nach gut 15 Minuten: Der HSVer Wicky zog nach einem Fehler in der Verteidigung einfach mal aus 25-Metern ab, aber der Torhüter der Ukraine zeigte sich auf dem Posten und klärte zur Ecke.

Munteres Spiel vor der Pause

Von der Ukraine war weiter nicht viel zu sehen. Dann aber wie aus dem Nichts die erste Torchance aus einer Standardsituation: Von links wurde der Ball in die Mitte gebracht, aber Schewtschenko traf mit seinem Aufsetzerkopfball nur die Latte, eine herrliche Szene des Chelsea-Neuzugangs (20.). Beinahe im direkten Gegenzug dann fast die Führung für die aktiveren Schweizer. Wieder ein Freistoß, dieses Mal von Alex Frei getreten. Der von Borussia Dortmund umworbene Stürmer zirkelte die Kugel ans Quergebälk.

Spätestens nach dem Lattenknaller gegen sich war nun auch die Ukraine richtig wach. Das Team von Trainer Blochin legte die Zurückhaltung nach gut einer halben Stunde endgültig ab. Sie fing an Fußball zu spielen, auch wenn man sich vorerst lediglich auf Konter beschränkte. Immer wieder waren es die beiden schnellen Stürmer Schewtschenko und Voronin, die für mächtig Aufregung in der Schweizer Hintermannschaft sorgten. Lediglich im Abschluss fehlte die letzte Konsequenz. Kurz vor der Halbzeit entwickelte sich (auch weil die Ukraine öffnete) ein munteres und intensives Achtelfinalspiel zweier Teams, die sich nun auf Augenhöhe begegneten. Einzig die Tore fehlten nach 45 unterhaltsamen Minuten.

Bessere Chancen für "Schewa" und Co.

Die erste Szene nach dem Wiederanpfiff gehörte den Ukrainern in Person des Leverkusener Angreifers Andriy Voronin. Der stieg in der Mitte hoch und setzte einen Kopfball nach schöner Hereingabe knapp links am Schweizer Gehäuse vorbei ins Tor-Aus. Das war es aber auch schon mit der Herrlichkeit. In der Folgezeit verschleppten beide Mannschaften das Tempo und minimierten das Risiko. Es wurde immer deutlicher: Wer hier das erste Tor schießen würde, würde den Platz auch als Sieger verlassen. Man belauerte sich und wartet auf Fehlern (60.). Erst ein hässliches Frustfoul des Schweizers Cabanas, übrigens ungeahndet von Schiri Archundia, erregte wieder die Gemüter, mehr aber auch nicht. Das Niveau jedenfalls sank immer mehr.

Einzig Superstar Andrej Schewtschenko ließ sein Können von Zeit zu Zeit aufblitzen, so wie in der 68. Minute, als er Magnin an der Strafraumgrenze aussteigen ließ und mit links trocken abzog. Die Kugel zischte um Zentimeter am rechten Pfosten vorbei, Zuberbühler im Tor der Eidgenossen hätte wohl keine Chance gehabt. Die Ukraine witterte nach dieser Gelegenheit plötzlich wieder Morgenluft und blies doch tatsächlich noch einmal zur Schlussoffensive. Und die wäre um ein Haar auch vom Erfolg gekrönt gewesen. Eine Ecke von links segelte vors Tor, Zuberbühler griff bei einem seiner gefürchteten Ausflüge daneben, so dass der aufgerückte Gusin an den Ball kam, aber mit seinem Kopfball das Gehäuse hauchdünn verfehlte (75.).

Verlängerungsgegurke

Es war klar, bis zum Ende der regulären Spielzeit würden hier beide Mannschaften nichts mehr investieren. Und so plätscherte der müde Kick der zweiten 45 Minuten dem vorläufigen Schlusspfiff entgegen. Fußball zum Abgewöhnen, der nun auch noch in die Verlängerung gehen sollte. Auf den Rängen wurde da längst schon das deutsche Team gefeiert und die Holländer mit leicht ironischem Untergesang immer und immer wieder nach Hause verabschiedet. Es ging in die Extra-Time.

Ukraines Trainer Blochin erhöhte in der Verlängerung das Risiko und brachte mit Rebrow eine weitere Offensivkraft ins Spiel. Auszahlen sollte sich aber auch diese Einwechslung nicht. Bis auf einen harmlosen Direktschuss des Schweizer Kapitäns Vogel passierte kaum noch etwas Konstruktives auf dem Platz (102.). Ein gellendes Pfeifkonzert begleitete die Mannschaften in die Pause der Verlängerung. Müßig zu erwähnen, dass sich das Gegurke auch nach dem letzten Wechsel dieser Achtelfinal-Begegnung weiter fortsetzte. Daran konnte auch der Alleingang des eingewechselten Strellers nichts mehr ändern. Abgesehen davon wurde sein Torschussversuch im Strafraum in der 116. Minute per ukrainischer Grätsche vereitelt. Ende, Aus, vorbei - das Elfmeterschießen musste die Entscheidung herbeiführen.

Kein Schweizer Treffer

Unfassbar: Ausgerechnet Schewtschenko verschoss zu Beginn für die Ukraine, aber das nahm ihm hinterher kein Mensch mehr übel. Der Grund: Die Schweizer brachten doch tatsächlich das Kunststück fertig und vergaben ihre ersten drei Elfer durch Streller, Barnetta und Cabanas. Weil für die Ukraine aber Milevskiy und Rebrow trafen, hatte Gusev bereits als vierter Schütze die Chance alles klar zu machen. Er tat es ganz abgezockt, 3:0 für die Ukraine nach Elfmeterschießen, Viertelfinaleinzug geschafft. Und die ganze Schweiz versank im Tränenmeer.


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