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Fußball-WM - Medienposse: Wie vier Koreaner verschwanden

Nur 19 Spieler auf dem Spielberichtsbogen, da müssen sich vier abgesetzt haben. Es war eine Spekulation, die sich schnell als Wahrheit verbreitete: Vier Nordkoreaner haben sich aus dem WM-Kader abgesetzt! Einmal in der Welt, wollte der Medientross in Südafrika nicht von der Skandal-Story lassen.

Als die Sonne über dem Township Tembisa in roten und gelben Farben untergeht, wird die Meute nervös. Dicht gedrängt steht die internationale Journalistenschar auf der Betontribüne des kleinen Stadions und versucht, Licht ins Dunkel eines vermeintlichen WM-Skandals zu bringen. Wie viele Nordkoreaner trainieren auf dem kurz geschnittenen Grün? Wer kann die unbekannten Gesichter aus Fernost auseinanderhalten? Eine attraktive italienische TV-Reporterin rattert mit knatternder Stimme die Nachricht in die Welt: Nichts Genaues weiß man nicht.

Das Gerücht von vier angeblich aus dem Quartier geflüchteten nordkoreanischen WM-Spielern hat dem Turnier in Südafrika eine Story geliefert, die offenbar keine ist und die Aufgeregtheit der modernen Medienwelt widerspiegelt. Ein Zeitungsmann spekulierte nach dem Auftaktspiel der Nordkoreaner gegen Brasilien über die Absenz von vier Akteuren, da nur 19 Namen auf dem offiziellen Spielberichtsbogen standen. Die Nordkoreaner schwiegen, das Dementi des Fußball-Weltverbandes Fifa nützte nichts. Andere Medien nahmen die Geschichte auf, im Internet verbreitete sie sich in Windeseile und wurde zur vermeintlichen Wahrheit. Plötzlich galten die Spieler als "vermisst".

Enttäuscht stellt ein niederländischer TV-Mann fest, dass sich nun tatsächlich - und für ihn völlig überraschend - 23 Nordkoreaner zum Training eingefunden haben. Langsam wird auch unbedarften Beobachtern klar, dass sie vielleicht durch eine nordkoreanische Finte in die unwirtliche Gegend zwischen Johannesburg und Pretoria gelockt worden sind - die schweigsamen Asiaten aus dem kommunistischen Land haben den internationalen Medien eine "lange Nase" gedreht.

"Das spielt doch der Koch mit"

Kurzfristig wurde eine Pressekonferenz für 17 Uhr einberufen. Als die versammelte Weltpresse in Tembisa aufläuft, einem Ort, den auch 16 Jahre nach dem Ende der Apartheid kein weißer Südafrikaner an einem Freitagabend freiwillig aufsucht, wird diese Pressekonferenz ohne Angabe von Gründen wieder abgesetzt. Alles, was die aufgeregten Medienvertreter zu Gesicht bekommen, sind beim Ballspiel freudig feixende Nordkoreaner.

So leicht will aber niemand die Geschichte "aufgeben". "Da spielt doch der Koch der Mannschaft mit", werden Zweifel geäußert, dass die Trainingsgruppe dem offiziellen WM-Kader entspricht. Hoch im Kurs als Informanten stehen Journalisten aus Südkorea. Doch auch diese können nicht weiterhelfen.

Die Stimmung schlägt ins Skurrile um. Einige Medienmänner verdecken lieber ihre Akkreditierungen. Geheimdienste welcher Nation auch immer könnten Filmaufnahmen machen und Namen notieren. Ein deutscher Boulevard-Mann sieht seine Story flöten gehen, wittert großen Betrug und verflucht Nordkorea im Speziellen und den Kommunismus im Allgemeinen. Der niederländische TV-Mann ist entspannter und längst dazu übergegangen, mit der Kollegin aus Italien zu flirten.

Nach der durch Fifa-Regeln obligatorischen öffentlichen Trainings-Viertelstunde ist der Spuk vorbei. Die Journalisten ziehen wieder ab. Am Straßenrand wärmen sich die Menschen in Tembisa an ihren Tonnenfeuern. Eine Frau fragt, was denn los sei. Trainierende Nordkoreaner können sie nicht aus der Ruhe bringen. "Die spielen hier doch jeden Abend", sagt sie. Am Samstag waren die Medien vom Übungsprogramm ausgeschlossen. Nordkorea trainierte wieder hinter verschlossenen Türen.

DPA/dho / DPA
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