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WM 2018 Argentinien im Achtelfinale: Manchmal muss es Wunder geben, wenn sonst nichts klappt

Lionel Messi nach seinem Tor zum 0:1 im WM-Spiel Argentiniens gegen Nigeria
Der Dank geht Richtung Himmel: Lionel Messi nach seinem Tor zum 0:1 im WM-Spiel Argentiniens gegen Nigeria in St. Petersburg
© Michael Sohn
Argentinien hat gegen Nigeria das Achtelfinale erreicht. Mit Gottes Hilfe, wie Messi sagte. Und die ist auch weiterhin nötig, denn die Leistung der Albiceleste macht trotz des Sieges keine große Hoffnung. Von Jan-Christoph Wiechmann, St. Petersburg

Wenn man den argentinischen Medien glauben darf, sollte Marcos Rojo, der Held der Partie, gar nicht spielen. Trainer Sampaoli wollte ihn nicht aufstellen, aber die Spieler entschieden sich dagegen und setzten Rojo einfach durch – wie zwei weitere Spieler. Die Aufstellung gegen Nigeria kam nur noch zu 30 Prozent vom Trainer, zu 70 Prozent von den Spielern, rechneten die argentinischen Medien vor.

Manchmal muss es Wunder geben

Eine Rebellion gegen den Trainer. Viel mehr muss man nicht sagen über ein dysfunktionales Team, das sich bisher bei der WM in fast allem blamiert hat – in der Spielweise, im Einsatz, vor allem im Auftreten als Team.  Jetzt aber ist vieles vergessen. 2-1 gegen Nigeria. Einzug ins Achtelfinale. Der Siegtreffer fiel fünf Minuten vor dem Ende durch Marcos Rojo.

Was machte er, der Verteidiger, da vorne im Strafraum, fragte man sich. Es war nicht mal eine Standartsituation, sondern eine ganz normale Flanke aus dem Spiel. Und was machte er mit seinem rechten Fuß, den er sonst nur als Standbein benutzt? Er zirkelte den Ball volley aus zehn Metern ins Eck, das unwahrscheinlichste aller Tore für Argentinien. Manchmal muss es Wunder geben, wenn sonst nichts klappt. Gottes Beistand, würde Messi sagen. Und Maradona. Und halb Argentinien.

Als Messi das 1-0 schoss, bedankte er sich bei Gott wie selten zuvor, mit einem sekundenlangen Gruß zum Himmel, bis die Spieler über ihn herfielen. Maradona stand auf der Tribüne und bedankte sich noch euphorischer gen Himmel, er schien in einen direkten Dialog mit Gott eingetreten zu sein. Nach dem Spiel sagte Messi: "Ich wusste, dass Gott uns nicht vergessen würde."

Keine Kreativität, außer von Messi

Lange Zeit sah es tatsächlich so aus, dass die Argentinier himmlischen Beistand dringend brauchten. In der ersten Halbzeit waren sie überlegen, führten nach nervösem Beginn auch verdient mit 1-0, aber nach dem Ausgleich durch einen unberechtigten Elfmeter verloren sie komplett die Linie.

Nichts gelang, und was die Albiceleste schon in den ersten beiden Spielen verfolgte, offenbarte sich nun wieder auf ganzer Linie: Keine Kreativität (außer von Messi). Wenig Tempo. Viel Nervosität. Viele Fehlpässe. Dieses Team kann eigentlich nicht weit kommen.

Aber nun geht alles von vorne los. Das sagten die Deutschen nach schlechtem Auftakt und Last-Minute-Sieg gegen Schweden. Das sagen nun auch die Argentinier nach schlechtem Auftakt und Fast-Last-Minute-Sieg gegen Nigeria. Am Samstag gegen Frankreich im Achtelfinale. Wer weiß, wozu dieser glückliche Sieg gegen Nigeria sie noch befähigt?

Argentiniens Leistung macht keine große Hoffnung

Sieger des Abends waren nicht so sehr die Spieler oder der Trainer oder Maradona (der ärztlich behandelt werden musste) sondern vor allem die argentinischen Fans. Sie hatten schon in den vergangenen Tagen St. Petersburg in eine hellbau-weiße Stadt verwandelt. So sah dann am Abend auch die Arena an der Ostsee aus: Komplett hellblau und weiß. 90 Prozent der Zuschauer schienen Argentinier zu sein, die die Mannschaft trotz der bisherigen Leistungen leidenschaftlich unterstützten.

Auch deswegen bedankten sich Messi und Kameraden nach dem Spiel noch lang bei den Zuschauern. Sie blieben im Mittelkreis stehen, hoben die Fäuste und schienen die Atmosphäre mitnehmen zu wollen in die nächsten Tage, in den weiteren Turnierverlauf. An irgendetwas müssen sie sich jetzt aufbauen. Die eigene Leistung macht keine große Hoffnung.

Und der Trainer? Sampaoli war vorher schon abgemeldet. Als sein Name bei der Aufstellung verkündet wurde, pfiff das ganze Stadion. Er ist durchgefallen – bei den Zuschauern, den Spielern, den Medien. Das Team führen nun Messi und Mascherano an, lautet die Interpretation der argentinischen Journalisten.

Zumindest noch ein Spiel.


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